Natürlich geht es bei Schauspielern in erster Linie um die visuelle Komponente. Dass man nicht unbedingt textsicher sein muss, wissen wir spätestens seit Wolfgang Fierek oder Cleo Kretschmer, Klaus Lemkes frühen Helden. Wenn aber selbst seriöse Medien beim Tod einer durchaus textsicheren, einfühlsamen, wandlungsfähigen, disziplinierten, gut beobachtenden und emphatischen Schauspielerin wie Claudia Cardinale ihre Nachrufe hauptsächlich mit Bildern bestreiten, mag dies ein zeitgeistiger Reflex in Zeiten von Klickraten sein, der ein Zerrbild hinterlässt.
Als C.C. wurde sie wie die Bardot zum Sexsymbol
Schon das Buchstabenspiel mit ihren Initialen sprach für sich: In Anlehnung an den Prototyp des Sechziger-Jahre-Sexsymbols Brigitte Bardot (Kurzform: B. B.) verpassten sie ihr das Kürzel C. C. Dass beide dann auch gemeinsam in Filmen wie „Die Petroleum-Miezen“ (1971) auftraten, befeuerte das öffentliche Bild der italienischen Mimin zusätzlich. Und so bleibt dann jemand in Erinnerung: C. C. leicht bekleidet in Luchino Viscontis Film „Sandra – Die Triebhafte“ (1965), C. C. mit Alain Delon oder dem durchgeknallten Klaus Kinski in „Fitzcarraldo“ (1982), C. C. 1958 in Rom an der Piazza del Popolo mit ewig langen Beinen, wie Regisseur Sergio Leone ihr während der Dreharbeiten das Dekolleté tupft oder sie Federico Fellini am Rand von „Achteinhalb“ (1963) wie seinen Privatbesitz im Arm hält.
Natürlich spielte die Frau, die am 15. April 1938 in Tunesien geboren wurde, bewusst mit ihrer Optik. Aber sie sah sich in erster Linie als Charakterdarstellerin, als jemand, der das ambivalente Bild der Frau gerade in südlichen Ländern von den 1950er bis weit in die 1970er Jahre nahezu perfekt in Szene setzen konnte. Claudia Cardinale verkörperte Schönheit mit Tiefe, Glamour mit Würde – und schrieb dabei Filmgeschichte.
Claudia Cardinale war die „Schönste Italienerin von Tunis“
Ihre Jugend in Nordafrika hatte sie ihren sizilianischen Großeltern zu verdanken, die sich angesichts der Armut des 19. Jahrhundert entschieden hatten, das Mittelmeer zu überqueren. Natürlich war sie eine Erscheinung. Aber sie wirkte dezenter, hintergründiger, normaler als die Konkurrenz. Natürlich trotzdem bildschön. 1957 wurde sie zur „Schönsten Italienerin von Tunis“ gewählt, als Hauptpreis gab es einen Flug zu den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo die 19-Jährige gleich die Aufmerksamkeit des versammelten Regisseur-Rudels auf sich zog. Kurz darauf wurde sie vom Filmproduzenten Franco Cristaldi entdeckt, mit dem sie dann nicht nur eine geschäftliche Beziehung unterhielt, die sie später als „Diktatur“ bezeichnen sollte.
Immer wieder ging es ihr um soziale Tabuzonen, wie in ihrer ersten Hauptrolle in „Das Mädchen mit dem leichten Gepäck“ (1961) von Valerio Zurlini. Da verkörperte sie eine mittellose Provinzschönheit, die ihren Sohn einer Pflegefamilie anvertrauen muss, um sich einen reichen Verehrer zu angeln. Sie selbst gestand erst 1995, dass sie in jungen Jahren mehrfach vergewaltigt und schwanger wurde. Ihren Sohn musste sie jahrelang als ihren jüngeren Bruder ausgeben. Generell war Zurlini der Erste, der Cardinales glamouröses Potenzial erkannte. Die Szene, in der sie die Treppe eines aristokratischen Landguts herunterschwebt, gilt noch heute als Prototyp ihres Erscheinungsbildes. Andere folgten. In Viscontis „Der Leopard“ bewegte sie sich im Palast des Fürsten Salina, als ob ihr dieser gehören würde. In der Eingangssequenz von „Spiel mir das Lied zum Tod“ ließ sie Sergio Leone – damals noch ohne Drohne – mit einer auf dem Kran befestigten Kamera im Gewühl der Westernstadt nicht aus den Augen. Und Fellini inszeniert sie in „8 ½“ als Lichtgestalt und Traumfigur, die dem im Albtraum gefangenen Regisseur (Marcello Mastroianni) zu mentaler Ruhe verhilft.
Cardinale spielte an der Seite von David Niven und John Wayne
Claudia Cardinale empfand diesen Kult um ihren Körper stets als seltsam, wie sie schon 1961 einräumte. Vielleicht erleichterte ihr dies auch den Einstieg in die Welt der Komödien wie „The Pink Panther“ mit David Niven, aber auch den Weg nach Hollywood, wo sie 1964 von Henry Hathaway für „Die größte Schau der Welt“ neben Rita Hayworth und John Wayne engagiert wurde. Und sie verstand es als eine der Wenigen, in Würde zu altern, spielte 2012 noch in Manoel de Oliveiras „Gebo und der Schatten“ mit, engagierte sich als Unesco-Botschafterin für Frauenrechte und im Kampf gegen Aids.
Am Dienstag ist die „schönste italienische Erfindung nach den Spaghetti“, wie ihr Lieblingskompliment von David Niven lautete, mit 87 Jahren im Kreise ihrer Kinder in der französischen Stadt Nemours nahe Paris gestorben.
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