Herr Schröppel, Frau Rahimi, Sie arbeiten in der Kunst oft als Duo und das schon seit Langem. Im Studium in Gießen haben Sie sich kennengelernt. Was macht Sie zu einem guten Team?
MARK SCHRÖPPEL: Wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen, wir kennen uns in den unterschiedlichsten, schönsten und anstrengendsten Lebenssituationen. Und wir haben einander selten etwas krummgenommen.
SAHAR RAHIMI: Was uns als Team stark macht: Wir stellen uns mit der Kunst in den Dienst der Sache und nehmen uns dabei selbst nicht zu ernst. Weil wir viel in Kollektiven, also in Gruppen arbeiten, fällt es uns recht leicht, die Meinung des anderen als konstruktiv zu sehen. Auch wenn man mal unterschiedlicher Ansicht ist.
Aber auf Brechts Werk können Sie sich gut einigen?
RAHIMI: Wir unterhalten uns sehr viel über Brecht und mich berühren da manchmal andere Aspekte als Mark. Mich begeistert zum Beispiel die Musik um Brecht sehr stark, auch seine Lyrik lese ich sehr gerne. Aber umso mehr wir uns mit ihm beschäftigen, umso mehr sehen wir ja, wie doppelbödig sein Ansatz ist. Dass alles, was man so in der Schule über Brecht gelernt hat – Brecht, der Moralist, der Gesellschaftskritiker – nur eine mögliche Interpretation ist, eine manchmal holzschnittartige, zu eindeutige. Erst wenn man genauer hinsieht, merkt man. Brecht arbeitet sehr stark mit den Widersprüchen der Welt und damit, dass es auch schwierig ist, eine Position einzunehmen.
SCHRÖPPEL: Der klassisch bürgerliche Theaterbegriff bedeutet ja: 100 Menschen besuchen eine Vorstellung, 100 Menschen sehen Goethes „Faust“ und wenn du die 100 danach fragst, um was es ging und was sie gelernt haben, dann sagen 90 das Gleiche. In der Performancewelt will ich aber, dass die Ansätze und Gedanken so individuell sind wie die Leute selbst. Und wir glauben, dass Brecht jemand war, der die Vielfalt der Meinungen wollte. Seine Botschaft: Bildet euch, denkt selbstständig. Seht die Widersprüche. So nehmen wir den Brecht wahr.
Haben Sie Erinnerungen an Ihre eigene erste Begegnung mit Brecht?
RAHIMI: Ich komme aus einem eher linken iranischen Elternhaus. Als ich meinem Vater erzählt habe, dass ich jetzt das Brechtfestival leite, hat er gesagt: „Aha, Brecht, ein guter Mann!“ Mein Papa ist dieser Typ des lesenden Arbeiters, der in Brechts Welt ja eben eine wichtige Rolle spielt. Ich selbst habe Brecht auch in der Schule kennengelernt und mich direkt in sein Werk verliebt. Als ich 18 Jahre alt war, bin ich dann von München nach Berlin gefahren, um mir im Berliner Ensemble „Arturo Ui“ anzuschauen, in der Inszenierung von Heiner Müller. Und das war für mich wirklich ein körperliches, einschlagendes Erlebnis. Ein Erweckungsmoment.
Im Festivalprogramm ist Brechts Lehrstücktheorie für Sie ein Leitbild. Was steckt hinter der Theorie?
SCHRÖPPEL: Die Lehrstücktheorie besagt, dass jeder Mensch selbst Theater gestalten kann. Und in diesem Prozess lernt er etwas über sich und über die Gesellschaft, die es zu verändern gilt. Für uns gibt es da einen klaren Bezug zur Performancewelt. Auch da geht es um eine Intensiverfahrung in der Kunst, mit unserem eigenen Körper, aber auch mit der Dynamik und Atmosphäre im Raum, im Publikum. Darum ist für uns das Lehrstück Vorläufer der Performancekunst …
RAHIMI: … und des partizipativen Theaters. Dabei geht es um ein Theater-Erlebnis, bei dem man nicht nur sieht und betrachtet, sondern selbst Teil des Stücks wird. Das werden wir im Festival unter anderem im Stück „Die Verwandlung“ ganz massiv erleben. Da stehen die Zuschauer mit auf der Bühne, rund um einen VW Käfer, und sie können mit dem Auto anstellen, was sie wollen. Sie greifen ganz konkret ins Geschehen ein, die ganze Dramaturgie des Abends gestaltet das Publikum. In diesem Moment bin ich gleichzeitig Beobachterin und handelnde Person, und ich überlege: Was passiert hier gerade? Wie bin ich hier beteiligt? Wann bin ich Subjekt, wann Objekt? Täterin oder Beobachterin? Da geht es um Intuition und die Gefühle im Raum, und gar nicht um einen intellektuellen Zugriff, für den ich 1000 Bücher gelesen haben muss. Auf einmal werde ich in den Moment hineingezogen. Das ist, was wir den Leuten geben wollen: Eine intuitive Form von Spaß in der Kunst, die auch etwas mit deinem Geist macht.
Und dabei ecken Sie auch gerne an?
SCHRÖPPEL: Was uns auch stark mit Brecht verbindet: Dass wir in der Kunst nach einer Spaltung suchen. Brecht wollte, dass sein Publikum diskursiv gespalten ist. Weil er diesen Streit, diesen Austausch, der um die Bühne entsteht, als produktives Moment betrachtete. Ganz anders verhält es sich momentan auf sozialer Ebene. Gesellschaftlich ist es heute so wichtig, gegen eine Spaltung anzuarbeiten. Aber in der Kunst kann durch Reibung Wärme entstehen. Es geht darum, das Publikum zuerst ein bisschen vor den Kopf zu stoßen. Für einen kurzen Moment der Irritation, in dem Spannung entsteht. Das ist, was das Publikum fesselt und dazu bringt, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Damit kriegst du als Zuschauer Theaterbenzin in deinen Tank gefüllt, das kann dir Antrieb geben.
RAHIMI: „War Games“ ist zum Beispiel ein Stück im Festival, in dem es intensiv um den Krieg geht.
SCHRÖPPEL: „War Games“ ist eine Kollektivarbeit mit sehr jungen Menschen und auch Menschen mit geistiger Behinderung. In dieser Theatergruppe, die ich leite, wählen wir Themen aus, die relevant sind, bei denen aber der Mainstream immer noch sagt: Inhaltlich wie künstlerisch können Kinder und Menschen mit geistiger Behinderung das doch gar nicht verhandeln. Die verstehen das nicht. Die sollten sich auch um ihrer selbst Willen besser nicht mit solchen schlimmen, komplexen Dingen befassen. Aber dieses Stück sagt: Wir haben den Ernst absolut verstanden. Auch den Kunstbegriff dahinter. Und dazu wollen wir jetzt unseren künstlerischen Beitrag äußern.
Inklusion ist das große Thema Ihres ersten Brechtfestivals. „Alle“ lautet das offizielle Motto. Woher kommt ihre Motivation, möglichst alle zu erreichen, gegen alle Barrieren?
RAHIMI: Wir finden es künstlerisch spannender, mit unterschiedlichsten Leuten auf der Bühne zu arbeiten. Weil dabei etwas herauskommt, was man vielleicht nicht erwartet hätte, was man nicht so oft hört und sieht. Im Stück „Bauchgefühl“ vom Theater Thikwa zum Beispiel sagen Frauen mit Behinderung: Ich habe einen Kinderwunsch. Und das ist ja immer noch ein Tabuthema, eine Perspektive, die nicht viel diskutiert wird. Aber plötzlich ist da ein Theaterstück, das darüber lustig, lustvoll und scharf zugleich spricht. Und man denkt sich: Wow! Habe ich vielleicht selbst Vorurteile?
SCHRÖPPEL: Meine Erfahrungen in der inklusiven Arbeit sind mit die bereicherndsten in meinem Leben. Da prallen die unterschiedlichsten Weltsichten aufeinander, sehr individuell und extrem kreativ. Ich bin eigentlich jeden Probentag aufs neue verzaubert, wie künstlerisch eigenständig, klug und poetisch in diesem Kontext gearbeitet wird. Klingt kitschig? Ist aber so.
Herr Schröppel, Sie sind in Augsburg aufgewachsen, Sie kennen die Stadt. Was wünschen sich die Augsburger von ihrem Festival? Vielleicht doch ein bisschen mehr Brecht pur im Programm?
SCHRÖPPEL: Ja, das ist so. Wir treffen regelmäßig auf Augsburger, die einen sehr deutlichen Brechtbezug einfordern. Und deshalb ist es uns ein Anliegen, mit den Menschen der Stadt in den Austausch zu kommen. Wir wollen ihnen auch ihr eigenes Brechtfestival geben, da sehen wir uns im Dienst der Sache. Wir treffen die unterschiedlichsten Leute und fragen: Was wollt ihr? Was fändet ihr schön? Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, für künstlerische Innovationen zu sorgen und etwas zu bieten, was Brechts Gedanken weiterentwickelt. Und da ist es wichtig, dass wir kommunizieren: Was hat das hier mit Brecht zu tun? Warum glauben wir, dass Brecht das gut gefunden hätte? Dass es aus dieser Denktraditionen kommt?
Frau Rahimi, Sie wohnen in der Festivalzeit im Brechthaus, also in jenem Haus in Augsburg, in dem Bertolt Brecht geboren wurde. Wie fühlt sich das an?
RAHIMI: Es ist wunderbar. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen kindlich oder lustig an, aber wenn ich nachts aufwache, durch die Wohnung gehe und es ist ganz dunkel, dann gucke ich mich manchmal um. Ob da gleich so ein hagerer Mann mit Zigarre um die Ecke kommt? Und er ist es dann leider doch nicht. Ich warte noch auf Brecht.
Zu den Personen
Mark Schröppel, 1983 in Augsburg geboren und dort aufgewachsen, ist Performer, Regisseur und Musiker. Als Mitbegründer der Performancegruppe SKART & Masters of the Universe arbeitet er vor allem mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Beeinträchtigung. Er studierte er am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, wo er Sahar Rahimi kennenlernte. Rahimi ist 1981 in Teheran geboren. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Theater, Performance, Installation und Video. Sie ist Mitgründerin der Performancegruppe Monster Truck.
Das Brechtfestival 2026
Das diesjährige Festival findet vom 27. Februar bis zum 8. März unter dem Motto „Alle“ statt.
- Auftakt Das Festival startet am Freitag, 27. Februar, um 17:30 uhr mit einer feierlichen Prozession vom Manzúbrunnen zum Festivalzentrum in der Karolinenstraße 10
- Premiere Das Staatstheater spielt Brecht: Eine neue Inszenierung von Brechts Stück „Die Dreigroschenoper“ erlebt am selben Abend, um 19.30 Uhr, ihre Premiere im Martinipark.
- Musik Eine lange Brechtnacht mit Konzerten beginnt am Samstag, 28. Februar, um 20 Uhr. Dabei spielen Pop-Acts wie „Die Höchste Eisenbahn“ und Sorvina auf den Bühnen im Industrie- und Textilmuseum, im Provino und an weiteren Orten.
- Alle Infos: www.brechtfestival.de
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