Ein Gewitter zieht auf, doch in der Brandung am Strand steht ein Mann. An seiner unverkennbaren Nase im Trailer zum neuen Film „Anemone“ lässt sich erkennen: Es ist Daniel Day-Lewis. Der 68-Jährige spielt in dem Psychodrama den Einsiedler Ray Stoker. Dessen Bruder (verkörpert von Sean Bean, bekannt aus „Game of Thrones“) nimmt nach jahrelanger Funkstille wieder Kontakt zu ihm auf. Doch die Wiederbegegnung zwingt sie, sich mit ihrer traumatischen Kindheit auseinanderzusetzen.
Diese Besetzung klingt nach Erfolg. Immerhin ist der Film jetzt schon für den britischen Independent Film Award nominiert. Und sein Sohn Ronan Day-Lews feiert mit der Premiere sogar sein Regiedebüt. Nur etwas scheint seltsam zu sein: Wollte Daniel Day-Lewis die Schauspielerei nicht ad acta legen?
Abschied? Daniel Day-Lewis hätte wohl lieber seinen Mund gehalten
Der „beste Schauspieler der Welt“ erhielt seinen Titel, da er als einziger, männlicher Schauspieler drei Oscars als bester Hauptdarsteller gewann – für „Mein Linker Fuß“, „There Will Be Blood“ und „Lincoln“. Internationale Bekanntheit erlangte er schon mit „Der letzte Mohikaner“ oder „Gangs of New York.“ Nach dem Dreh für „Der seidene Faden“, erklärte der 68-Jährige seinen Austritt aus der Schauspielbranche – und zwar für immer. Zumindest war das der Plan. In einem Interview mit dem Rolling Stone bereut er nun seinen angekündigten Abschied: „Wenn ich jetzt zurückblicke, hätte ich besser einfach den Mund gehalten.“ Day-Lewis sagt, er sei ein stolzer Mensch, weshalb er hoffte, ein öffentlich verkündeter Schlussstrich würde ihn davon abhalten, nochmal eine Rolle anzunehmen. Aber als er mit seinem Sohn das Drehbuch für „Anemone“ schrieb, entwickelte Day-Lewis den Wunsch, selbst einen Charakter im Film zu verkörpern.
Mr. President – oder einfach Daniel Day-Lewis?
Und obwohl der Schauspieler nun zweifelt, war und ist er doch bekannt für seinen Stolz. Laut eigenen Aussagen nahm er nur Rollen an, zu denen er „einen unwiderstehlichen Drang“ verspürt hat. Der Brite ist wohl einer der wählerischsten Schauspieler – vielleicht sogar der wählerischste der Welt? Mehrere große Rollen, wie eine in „Herr der Ringe“ oder in „Batman“, schlug der Superstar aus. Wenn Day-Lewis dann doch zusagt, wird er zur Rolle – und die Rolle wird zu ihm. Bei den Dreharbeiten zu „Lincoln“ wurde er nur noch „Mr. President“ genannt. So viel Hingabe verlangt nach Wahnsinn – oder eben nach Method Acting, dem Markenzeichen eines Mannes, der das Schauspiel wie kein anderer beherrscht.
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