Taylor Swift, Beyoncé, Adele – viele weibliche Popstars sind heute erfolgreicher als Männer. Trotzdem sagen Sie, es gibt ein Problem mit Sexismus. Wie äußert sich das?
SONJA EISMANN: Frauen sind sehr sichtbar, auch weil sie sehr visuell repräsentiert werden. Aber wenn man sich die Zahlen dahinter anschaut, sprechen die eine ganz andere Sprache. Blickt man zum Beispiel auf Festivals, gibt es immer wieder einen Aufschrei, weil sie nach wie vor sehr männlich besetzt sind. Deswegen sind Figuren wie Beyoncé oder Taylor Swift sehr wichtige Spitzenphänomene. Aber sie beschreiben eben immer nur Spitzen und nicht das Allgemeine. Wir hatten in Deutschland eine Bundeskanzlerin und trotzdem ist die Politik nach wie vor ein männlich geprägtes Feld. Auch wenn Taylor Swift die größten Tourneeerfolge überhaupt verzeichnet, ist das Fundament von Pop nach wie vor Sexismus. Ich war selbst entsetzt, wie viele Songtexte unglaublich sexistisch sind; man denkt, das ist eigentlich gar nicht mehr verhandelbar. Aber es ist trotzdem da und wir trällern fröhlich mit, weil wir das gar nicht hinterfragen.
Wie prägen uns sexistische Bilder und Songtexte, selbst wenn wir sie nicht immer bewusst wahrnehmen?
EISMANN: So funktioniert Ideologie, sie ist ständig da. Es wird von uns gar nicht hinterfragt, auch gar nicht aktiv mitgemacht. Wenn ich mit meinen Töchtern „Tom Dooley“ (Ein Lied über einen verurteilten Mörder, der eine Frau umgebracht hat, Anm. Redaktion) geträllert habe, dann habe ich nicht darüber nachgedacht, was da eigentlich verherrlicht wird. Über Femizide in Popsongs könnte man ein eigenes Buch schreiben. Das ist die Kultur, in der wir uns bewegen, die durchdringt alles und definiert unsere Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen. Das Interessante an Popkultur ist, dass Geschlechterbeziehungen und -konstruktionen einerseits herausgefordert werden, andererseits werden sie gefestigt, nach dem Motto: Frauen sind so und Männer sind so.
Ist die Musikindustrie damit ein Spiegel der Gesellschaft oder äußern sich Phänomene wie Sexismus hier besonders extrem?
EISMANN: Ich würde sagen, es ist beides. Wenn ich mir die Debatten anschaue, die es rund um Till Lindemann oder P. Diddy gab, ist das schon sehr ernüchternd. Da habe ich manchmal den Drang zu sagen, die Musikindustrie ist vielleicht die schlimmste Branche und man sollte sich davon verabschieden. Beim Analysieren der Songtexte habe ich teilweise richtig schlechte Laune bekommen! Trotzdem war es mir wichtig, das einmal schwarz auf weiß aufzuzeigen, wie dort beispielsweise Pädokriminalität oder Femizide normalisiert werden. Andererseits suche ich die anderen, widerständigen Momente – und von denen gibt es immer mehr, das macht mir Hoffnung! Deswegen denke ich, dass die Musikindustrie wie ein Brennglas funktioniert. Sie zeigt wie eine Lupe in Vergrößerung, was alles noch nicht erreicht wurde. Wir saugen es jeden Tag mit unserer Playlist auf. Ich finde es wichtig, dass wir uns das bewusst machen und gleichzeitig die anderen Momente wahrnehmen, die sich dem entgegenstellen.
In den vergangenen Jahren gab es in der Musikindustrie größere Skandale, beispielsweise um R. Kelly oder Till Lindemann. Was hat #metoo bewirkt?
EISMANN: Es gibt Debatten darüber, ob #metoo in der Musikindustrie überhaupt schon wirklich angekommen ist. Insgesamt ist das Bewusstsein aber definitiv gewachsen. Trotzdem finde ich, das ist oft schnell wieder vergessen. Und dann gibt es natürlich die Gegenbewegung, also beispielsweise diejenigen, die sagen, sie gehen jetzt erst recht auf Konzerte von Rammstein. Natürlich gehört es zur Popkultur dazu, zu rebellieren und Normen zu brechen. Aber in dem Fall ist das, was als Rebellion dargestellt wird, einfach nur der sexistische Mainstream. Wir sollten als Gesellschaft Wege finden, Menschen vor Machtmissbrauch zu schützen und diejenigen, die das ausüben, zur Rechenschaft zu ziehen, ohne gleich den Vorwurf zu bekommen, das sei moralinsauer. Ich würde mir außerdem wünschen, dass wir Wege finden, juristisch mit diesen Formen von Machtmissbrauch umzugehen und dabei besonders vulnerable Gruppen zu schützen.
Wo sehen Sie utopische Momente von Musik und Popkultur?
EISMANN: Ich finde, wir haben in puncto Repräsentation viel erreicht. Zum Beispiel, dass zumindest darüber diskutiert wird, wenn Festivals nicht divers besetzt sind. Außerdem sind queere, nichtbinäre und trans Künstlerinnen und Künstler sehr viel präsenter und selbstverständlicher. Das finde ich eine absolute Bereicherung. Natürlich haben reine Männer-Bands auch ihre Berechtigung, aber ich finde, es muss eine Pluralität geben, damit unterschiedliche Menschen Identifikationsangebote haben. Das hätte ich mir als junges Mädchen sehr gewünscht. Außerdem sehe ich, dass Musik, obwohl sich die Musikindustrie in den vergangenen Jahren sehr gewandelt hat, immer noch ein wichtiger Teil im Alltag vieler Menschen ist. Musik hat etwas Verbindendes. Ich glaube an das gesellschaftsverändernde Potenzial von Musik, das durch Emotionalität und Gemeinschaft entsteht. Meine Utopie wäre, das noch weiter auszubauen.
Welche Gegenstrategien entwickeln Musikerinnen und Fans, um gegen den Sexismus in der Musikindustrie anzugehen?
EISMANN: Ich glaube, was wir brauchen, sind gemeinschaftliche Strukturen. Teilweise gibt es die auch bei Fans, zum Beispiel die „Swifties“ bei Taylor Swift oder Beyoncés „Beehive“, also der Bienenstock. Das finde ich schön. Aber es geht nicht nur um Stars, sondern um alltägliche Strukturen. Es ist wichtig, dass Mädchen sich gegenseitig bestärken, in Bands zu gehen, oder dass wir gemeinsam sexistische Songtexte nicht mehr durchgehen lassen; sich gegenseitig zu glauben und zu unterstützen, wenn es Vorfälle von Machtmissbrauch gab, und einzufordern, dass Festivals oder Konzerte diverser gebucht werden. Und da auch die Solidarität der Männer einzufordern. Wenn wir in einer gerechteren Gesellschaft leben wollen, müssen wir alle etwas dafür tun. Ich weiß, dass es in der Popkultur um Transgression geht, um das Austesten oder die Überschreitung von Grenzen, und das ist wichtig und kann immer wieder revolutionär sein. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass in der Branche ethischere Standards herrschen und Stars sich nicht alles erlauben dürfen, nur weil sie Geld einbringen.
Ist eine Popkultur ohne Sexismus möglich?
EISMANN: Ich bin ambivalent. Wenn ich ‚Nein‘ sagen würde, könnte ich gleich einpacken und mir die Decke über den Kopf ziehen. Tatsächlich sehe ich es aber in der aktuellen Situation noch nicht. Trotz allem glaube ich an Utopien und finde schon allein den Weg dorthin, gemeinsam an Utopien zu basteln, sehr beflügelnd und bereichernd.
Zur Person
Sonja Eismann, 1973 geboren, ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie war Mitgründerin des Magazins nylon und des Missy Magazine, wo sie bis heute Teil der Redaktion ist. Sie war/ist u.a. für Spex, taz, Freitag und Deutschlandfunk Kultur als Autorin und Journalistin tätig und forscht zu Genderdarstellungen im Pop.
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