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Das Jahr, als die Popmusik ihre Götterdämmerung erlebte

Popmusik

Vor zehn Jahren starben David Bowie und Prince: Was dem Pop seitdem fehlt

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    Sein Tod im Januar 2016 versetze die Welt des Pop in Schockstarre: David Bowie.
    Sein Tod im Januar 2016 versetze die Welt des Pop in Schockstarre: David Bowie. Foto: Buriez/Dalle, picture alliance

    Vor exakt zehn Jahren war plötzlich etwas verschwunden, das uns lange Zeit wie eine geniale Kombination aus treuem Freund und emphatischem Psychoanalytiker begleitet hatte. Ja, man muss es inzwischen konstatieren: 2016 starb der Pop, und bis heute wollen wir es immer noch nicht wahrhaben. Stattdessen hypen wir Abziehbilder wie Taylor Swift, Ed Sheeran oder Lana Del Rey, ohne zu wissen, dass die wirklichen Superstars mehr Ausstrahlung, Charisma und Nachhaltigkeit im kleinen Finger besaßen als all diese synthetischen Wesen zusammen. Natürlich ist das auch eine Generationenfrage. Denn wer den größten Teil seines Lebens mit David Bowie, Prince, Leonard Cohen und George Michael verbrachte, der ist sich sicher, dass deren fast gemeinsamer Abschied im Jahr 2016 einer Götterdämmerung gleichkam.

    Nebenbei war 2016 auch das Todesjahr von Glenn Frey, des Mannes, der den Eagles zu ihrem unverwechselbaren Sound verhalf, von Keith Emerson und Greg Lake, zwei Drittel des genialen Trios Emerson, Lake & Palmer, oder von Rick Parfitt, dem Stützpfeiler von Status Quo. Es galt, sie alle auf einem Heldenfriedhof zu beerdigen. Mit jedem Nachruf wurde das Dilemma offensichtlicher. Jede prägende Figur, die in die ewigen Jagdgründe entschwebte, bildete Fundament und Ziegel einer Mauer, die nie einsturzgefährdet schien. So viel Endgültigkeit, Ursprünglichkeit und Wahrhaftigkeit verabschiedete sich mit diesen Künstlern, dass es tatsächlich anmutete, als wäre das Licht der Popmusik mit einem Schlag ausgeknipst worden wie jetzt beim großen Stromausfall in Berlin. Ein apokalyptischer Ansatz, weil sie alle doch die mächtigen identitätsstiftenden Themen der Popmusik lebten: Liebe und Sex, Sinnlichkeit und Sinnsuche, Realitätsflucht und Rollenspiele, Grenzüberschreitungen und nicht zuletzt die Emanzipation von einem als zu eng empfundenen Elternhaus. Jeder Einzelne von ihnen hinterließ in der Popmusik so tiefe Spuren wie Bach oder Beethoven in der Klassik. Wer um diese seine verstorbenen Helden trauert, der trauert auch um eigene Sehnsüchte und Versäumnisse. Um eine vergrößerte, besser ausgeleuchtete, schlicht lebenswertere Version des eigenen Lebens.

    Bowie, Synonym für Glamour und Extravaganz

    Es begann am 10. Januar, als die Nachricht vom Tode von David Bowie die Musikwelt in Schockstarre versetzte. Erst zwei Tage zuvor, an seinem 69. Geburtstag, hatte er sein 28. Album „Blackstar“ veröffentlicht – ein Manifest der eigenen Vergänglichkeit. Schon bei den Aufnahmen wusste er, dass er bald sterben würde. Immerhin arbeitete der Mann, der bei seiner Geburt 1947 in London noch David Robert Jones hieß, während seiner Zeit auf Erden beharrlich daran, sich vorschnell von ihr zu verabschieden. Partys, Rausch, Promiskuität lautete das kurzweilige, aber selbstzerstörerische Dreigestirn seines rauschhaften Lebens. Aus Rock wurde bei ihm Glamour, Glamour wurde Pop, Pop wurde Disco, Disco wurde extravagant, Extravaganz wurde exzessiv, Exzess wurde orgiastisch, und all das in dem Tempo, das Bowie dem Ganzen vorgab.

    Sein Stil wirkte über Jahrzehnte hinweg wie eine verbindliche Richtschnur für das musikalisch, ästhetisch, atmosphärisch Machbare. Werke wie „Space Oddity“, „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“ und vor allem das epochale Berlin-Opus „Heroes“ katapultierten Bowie auf den Thron des vielleicht einflussreichsten Popmusikers überhaupt. Er war Hippie und Rocker, Revoluzzer und Bewahrer. Eine Art moderner Mozart am Übergang des analogen zum digitalen Zeitalter, Chiffre fast sämtlicher Brüche, denen die virile Ära zwischen RockʼnʼRoll und Techno damals ausgesetzt war. Der sich obendrein inszenierte als Schauspieler, Stilikone, Sexsymbol. Eine Ikone des Zeitgeistes.

    Ein Virtuose des Sex namens Prince

    Doch der größte Aufreißer von allen hieß Prince. Als Rapmusik noch nach den richtigen Protz- und Anmachsprüchen suchte, da hatte der 1,58 Meter große Pimpf schon ein ganzes Wörterbuch des Schweinkrams geschrieben. Freilich: Sex war bei Prince nur nebenher eine Frage von Machtspielchen und Machogehabe. Ihm ging es um Hingabe und Romantik, eine Form der spirituellen Verbindungssuche, die niemals in Hippiekitsch abdriftete, weil seine Songs so gottverdammt funky waren.

    Prince Rogers Nelson, geboren 1958 in Minneapolis und gestorben im April 2016, verdrehte den Leuten ebenso wie David Bowie als sexuell mehrdeutiges Kunstgeschöpf den Kopf. Das Bild, das er mit Songs wie „Purple Rain“, „Kiss“ oder „Sign Oʼ The Times“ entwarf, lieferte schier endlosen Antworten auf die Frage, was es bedeutete, ein Mann zu sein. Manche überschnitten sich mit dem Credo des jungen Bowie, setzten Duftmarken zu Themen wie sexueller Transgression und Androgynität, Geschlechterbildern und -fluidität, Kontrollzwang und -verlust. Prince krönte sich selbst zum Königs der Sexmusik. Während das kurze Pop-Format den schnellen Höhepunkt sucht, zog er alles genussvoll in die Länge. Nicht gleich die Kleider vom Leib reißen, sondern sich erst mal in Stimmung quatschen. Und er war ein Universalgenie, das letzte seiner Zunft, behielt immer so viel Kontrolle wie möglich. Seine Fehden mit der Musikindustrie und Plattenfirmen sind legendär. Irgendwann durfte man ihn nicht mehr Prince nennen. Stattdessen: TAFKAP, „The Artist Formerly Known As Prince“. Seiner Musik haben diese aufreibenden Kämpfe nicht gutgetan. Und afroamerikanische Aktivisten waren regelrecht entsetzt, als er sich „Slave“ auf die Wange schrieb, um seine Millionenverträge als Sklavenarbeit zu geißeln.

    Universalgenie des Pop: Prince.
    Universalgenie des Pop: Prince. Foto: Thomas Westphal, dpa

    Prince war dennoch immer Prince. Keine Figur der Integration, sondern der Irritation, mitten im fetten Mainstream. Und Bowie war eben Bowie, der Erfinder von Verwandlung und Entfesselung durch Popmusik. Leonard Cohen blieb der einzig wahre Dandy und Grandseigneur, während die ewig unterschätzte menschliche Hitmaschine George Michaels als der mithin mutigste Kämpfer gegen eine aggressiv-restriktive Maskulinität in Erinnerung bleibt. Solche Stars gibt es nicht mehr. Sie würden heute vielleicht zu viele Leute verärgern.

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