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Davos: Kapitalismus war auch schon mal schöner: Was muss sich ändern?

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Kapitalismus war auch schon mal schöner: Was muss sich ändern?

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    Adam Smith (1723–1790): „Der Wohlstand der Nationen“ ist in einer aufs Wesentliche reduzierten und kommentierten Ausgabe bei dtv erschienen (Hrg. Dr. Georg von Wallwitz, Übers. Horst Claus Recktenewald, 400 S., 24 ¤).
    Adam Smith (1723–1790): „Der Wohlstand der Nationen“ ist in einer aufs Wesentliche reduzierten und kommentierten Ausgabe bei dtv erschienen (Hrg. Dr. Georg von Wallwitz, Übers. Horst Claus Recktenewald, 400 S., 24 ¤). Foto: stock.adobe.com

    Da gerade mal wieder in Davos ein Forum, das namentlich der Weltwirtschaft gewidmet ist, doch allumfassender für Wohl und Wehe des Planeten zuständig zu sein scheint als die Uno: Hier zunächst ein Blick ins Getriebe eines Motors, der eben mal wieder spektakulär gescheitert ist mit seinem weltpolitischen Anspruch auf „Wandel durch Handel“.

    Eine Frau Lagarde als EZB-Chefin – mal verurteilt wegen Beteiligung an einer 400 Millionen Euro schweren Veruntreuung von Steuergeldern, aber straffrei geblieben, auch weil sie da gerade mit einer weltweiten Finanzkrise beschäftigt war, die am Immobilienmarkt zockende Banker angerichtet hatten – verlautbarte nun, dass der Strafzins, mit dem auch das bereits versteuerte Ersparte normaler Arbeitnehmer belegt ist, womöglich bald wegfallen könnte. Halleluja?

    Der reichste Mann der Welt wiederum, ein Herr Musk – der kaum Steuern bezahlt, aber Subventionen kassiert für den Bau einer Fabrik in Grünheide und auch gerne den Erstzugriff auf knapp werdendes Trinkwasser aus der ganzen Region hätte – plant bei der Übernahme eines der größten „Sozialen“ Netzwerke der Welt, das kaum Steuern bezahlt, ein paar andere Investoren, die kaum Steuern bezahlen, für die avisierten 46 Milliarden Dollar Kaufpreis an Bord zu holen; während eben Twitter gerade zur Zahlung von 150 Millionen Dollar Strafe verurteilt wurde wegen Datenschutzvergehen gegen Millionen von Kleinkunden, was freilich Peanuts sind, nicht nur im Vergleich zu den fünf Milliarden, die der kaum Steuern zahlende Facebook-Konzern deshalb mal schon berappen musste, sondern auch überhaupt. Also egal?

    Hitzewelle in Indien und Pakistan, neuer Rekord an Drogentoten in den USA

    Währenddessen wütet auf diesem vom Ringen um Wirtschaftswachstum ausgezehrten und verpesteten Planeten seit vielen Wochen eine Hitzewelle in Indien und Pakistan, die frappierend dem entspricht, womit im Science-Fiction-Roman „Das Ministerium der Zukunft“ die Klimakatastrophe Fahrt aufnimmt. Und die USA vermeldet einen neuen Rekord an Drogentoten, weil eine Pharmafirma mit legal und frei zugänglichen Opioiden eine völlig verheerende und fabelhaft profitable Suchtkrise unter stress- und schmerzgeplagten Normalamerikanerin ausgelöst haben. Und so weiter.

    Damit nun aber: Happy Birthday, Adam Smith! Demnächst nämlich wird der Vordenker der freien Märkte zu seinem 300. gefeiert werden. Und ist es nicht wirklich beeindruckend, welche weltgestaltende Macht in der Folge des schottischen Denkers die Wirtschaft, die er quasi erst zur Disziplin der Wissenschaft machte, entwickelt hat? Das grundlegende Werk des eigentlich Moralphilosophie lehrenden Professors: „Der Wohlstand der Nationen“. Und was ist daraus nun geworden? Wo ist die sprichwörtlich gewordene „unsichtbare Hand“, die laut Smith doch die freien Märkte viel besser und gerechter als alle staatlichen Eingriffe regulieren würde?

    Eine Schuldzuweisung wäre freilich höchst unfair. Denn Smith schrieb sein vor bald 250 Jahren erschienenes Werk ja hinein in eine ganze andere, begrenztere Welt, in die aufblühende Industrialisierung der europäischen Nationalstaaten. Ein Blick auf seine Lehre lohnt aber bis heute, um zu erkennen, worin der entscheidende Bruch besteht.

    Adam Smith: Staat hat lediglich für bessere Bildung der Menschen zu sorgen

    Smith setzt grundsätzlich an. Er lehrt: Der Wohlstand wachse, wenn die Menschen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen mehr produzierten; und die Produktivität steige in einer arbeitsteiligen Gesellschaft mit spezialisierten Kräften. Mit den Gewinnen daraus könnten Unternehmer einen Kapitalstock entwickeln, und damit bessere werdende Fabriken und dazu besser ausgebildete Arbeiter führten wiederum zu höherer Produktivität und höherem Pro-Kopf-Konsum. Der Motor dieser Entwicklung sei der Wettbewerb der freien Märkte, der Fleiß belohne und für ein Angebot gemäß der Nachfrage sorge. So also wächst der Wohlstand der Nationen, die bei Smith durchaus auch über Landesgrenzen wirken sollten, ohne politisch von Schutzzöllen behindert zu werden. Der Staat habe lediglich für die bessere (Aus)Bildung der Menschen zu sorgen, die sonst drohten, in allzu simplen Jobs zu verblöden – sowie für Rechtssicherheit und eine funktionierende Infrastruktur. Aus dem Spiel der freien Marktkräfte aber solle er sich gefälligst heraushalten, der Staat nämlich sei immer der schlechtere Unternehmer, er solle höchstens Anreize setzen. Dass der Markt auch der Gemeinschaft nutze, dafür sorge eben die „unsichtbare Hand“.

    Wie das nun? Adam Smith meint: In einem freien Markt produzierten die Menschen aus Eigeninteresse und damit besser als in einer „Kommandowirtschaft“. Und obwohl das Interesse des Einzelnen nicht darauf ausgerichtet sei, fördere etwa auch der Unternehmer dennoch das Gemeinwohl: „gerade dadurch, dass er das Eigeninteresse verlangt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigte, es zu tun.“ Vom gemeinsamen, im Spiel der freien Kräfte erst Dynamik gewinnenden Wachstum profitiere alles, jeder staatliche Eingriff mindere den Wohlstand.

    Drei entscheidende Punkte, die sich dabei auf dem Weg ins heute geändert haben, herausgegriffen. Wie nämlich sieht es mit der Rechtssicherheit aus, die für Smith so wichtig ist? Dazu etwa schreibt Ernst-Ulrich von Weizsäcker in seinem aktuellen Buch „Das reicht so nicht!“ (Bonifatius, 128 S., 20 ¤): „Adam Smiths geniale Idee, dass der Eigennutz der Einzelnen zum ‚Wohlstand der Nationen‘ führen kann, war für das 18. Jahrhundert sehr gut, weil damals die geografische Reichweite des Gesetzes identisch war mit der Reichweite des Marktes; dadurch blieb der Markt im Rahmen des Gesetzes. Heute aber ist der Markt global und das Gesetz meist national; und das erlaubt dem Markt, vor allem dem Finanzmarkt, die Gesetzgeber zu erpressen, die Gesetze so zu ändern, dass die Profite auf dem Markt sinnlos steigen.“ Und das bedeutet zum Zweiten eben auch: dass diese Profite gar nicht mehr direkt in die Gesellschaft rückwirken, siehe Steuerflucht der Wirtschaft, siehe Korrumpierbarkeit der Politik. Mit prekären Folgen für die Staaten, die ja auch um des sozialen Friedens willen für Teilhabe der Menschen am Wohlstand zu sorgen hätten, während Gewinne privatisiert, Verluste sozialisiert werden und nicht mehr viele glauben, dass es ihren Kindern mal noch besser gehen wird.

    Steigende "Wohlstandskrankheiten" entstehen aus steigendem Stress

    Wer zum Dritten die Folgen der also innerlich hohl drehenden und in allen Ressourcen an ihre Grenze gekommene Wachstumslogik verstehen will, kann lesen, was der Philosoph Gernot Böhme mit seiner Tochter Rebecca dazu geschrieben haben im Buch „Über das Unbehagen im Wohlstand“ (Suhrkamp, 221 S., 16 ¤). Die im freien Markt etablierten Mechanismen des Wachstums hätten sich längst gegen das Wohlergehen der Menschen gewendet. Das zeige sich an stetig steigenden „Wohlstandskrankheiten“, entstanden einerseits aus stetig steigendem (Sozial)Stress in der Performance-Gesellschaft, andererseits kompensiert durch immer ungezügeltere, sinnentleertere, weil nie Glück und Erfüllung verheißende Begehrniserfüllung. So rät das Autorenduo hier vor allem zur individuellen Besinnung und zum Verzicht. Wenn sich die herrschende Wohlstandslogik gegen das eigene Wohlergehen wende, gelte es quasi, sich andersrum auch selbst davon nach Möglichkeit abzukoppeln. Smartphone aus, lieber meditieren! So jedenfalls sei „ein richtiges Leben im Falschen“ durchaus möglich.

    Wen dagegen die Wut packt angesichts der Tatsache, dass sich die freien Märkte samt aller menschlichen und natürlichen Verheerungen jeder Gerechtigkeitsfrage entziehen, dem sein (ein weiteres Mal) Sibylle Bergs neuer Roman „RCE“ Kiepenheuer & Witsch, 704 S., 26 ¤) empfohlen. Virulenter denn je wird dort bei aller Akribie, mit der die Autorin die tatsächlichen Hintergründe ausleuchtet, und bei aller Polemik, mit der sie die katastrophalen Folgen zeichnet: Mit Adam Smith ist kein Staat mehr zu machen. Die ungezügelten Märkte setzen die Zukunft des Planeten aufs Spiel. Da müsste ein Weltwirtschaftsforum zum Wohl des Planeten tätig werden.

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