Da ist er wieder. Zwar war sein Abschied von der Bühne doch nicht für immer, wie er 2016 beteuerte, doch immerhin neun Jahre lang währte das Langzeit-Sabbatical des Mannes, der sich Graf nennt und nahe Aachen lebt. Er hatte sich komplett ins Privatleben zurückgezogen, ist mit dem Wohnmobil gereist, mit seinen Eltern gewandert und brachte seine Gesundheit auf Vordermann. Doch sein Drang, wieder Musik zu machen, war nun einfach übermächtig. Der Musiker bringt jetzt das neue Album „Liebe Glaube Monster“ heraus, das mit epischen Balladen und großen Emotionen dort weitermacht, wo er 2010 mit „Geboren um zu leben“ aufgehört hatte. Wenige Tage nach dem Gespräch starb seine Mutter, wie jüngst bekannt wurde. Auch über den Tod seines Vaters hat der Graf nachträglich informiert.
Lieber Graf, äußerlich haben Sie sich nicht verändert in den neun Jahren der Abwesenheit.
GRAF: Danke, aber ich fürchte, das täuscht (lacht). Der Bart ist grau, und so ein paar Fältchen sind dazugekommen. So gut wie alles an mir war auch schon mal ein bisschen knackiger.
Was haben Sie die ganze Zeit getrieben?
GRAF: Ich schäme mich fast, das so zu sagen, aber in den ersten drei Jahren habe ich nichts gemacht. Wirklich gar nichts. Die unzähligen Eindrücke der Jahre davor musste ich sacken lassen und verarbeiten. Wir waren zwei Jahre auf Abschiedstournee, davor auch fünf Jahre ununterbrochen unterwegs, deshalb war es nötig, wirklich mal runterzukommen. Und sich auch um die Baustellen zu kümmern, die sich gesundheitlich so aufgetan hatten. Sich mal richtig durchchecken zu lassen, zum Zahnarzt zu gehen, auch mal wieder Zeit mit der Familie verbringen. Ich bin zum Beispiel öfters mit meinen Eltern wandern gegangen. Aus Altersgründen wäre das jetzt nicht mehr möglich. Schon allein deshalb bin ich froh, mir diesen Riesenluxus namens Zeit geleistet zu haben.
Wann hat sich die Musik wieder in Ihr Leben geschlichen?
GRAF: Nach drei Jahren fing ich hier und da wieder an zu schreiben. Das kannst du gar nicht ausschalten. Es entstanden erste Texte, und dann fing ich an, darüber nachzudenken, ob ich wieder Musik machen möchte. Der Wunsch war anfangs noch nicht groß, er wuchs aber allmählich. Irgendwann hatte ich auf dem Handy einen Ordner mit Songtexten, der „Unheilig Album“ hieß. Wiederum zwei, drei Jahre später habe ich mir ein Laptop gekauft, um ein bisschen Musik zu produzieren. Immer, wenn meine Frau und ich mit dem Wohnmobil unterwegs waren, haben wir uns diese Musikskizzen angehört. Und waren beide ganz begeistert. Gleichzeitig hatte ich so vehement gesagt, ich komme nie wieder, dass ich mir die Vorstellung gar nicht erst erlaubt habe, meine Meinung zu ändern.
Aber dann?
GRAF: Kam ich ins Krankenhaus mit dem Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt. Seitdem ich 50 bin, gehe ich regelmäßig zur Vorsorge, und nun, Anfang 2025, war mein Blutdruck plötzlich so hoch, dass die Ärzte richtig Panik bekamen. Als ich plötzlich da im Krankenhausbett lag, dachte ich über mein Leben nach. Auf einmal war mir egal, was die Leute denken und ob ich 10.000 Male gesagt habe, ein Comeback werde es nicht geben. Als ich wieder zu Hause war, rief ich meinen Manager an, der sich natürlich gefreut hat, und beriet mich mit meiner Frau.
Die sich weniger gefreut hat?
GRAF: Doch, sie hat sich auch gefreut. Sie sagte sogar, sie fände es gut, wenn ich wieder loslegen würde. Im Unterschied zu früher fahren wir zu vielen Terminen gemeinsam. Ich will einfach nicht mehr so lange am Stück von meiner Frau getrennt sein.
Ist es wahr, dass Sie Ihre Frau schon ewig kennen?
GRAF: Ja, das stimmt. Seitdem wir fünf sind, kennen wir uns. Wir sind den Weg wirklich zusammen gegangen.
Erinnern Sie sich, wo Sie sich zum ersten Mal begegnet sind?
GRAF: In einer Pension am Bodensee, wo wir beide mit unseren jeweiligen Eltern Urlaub gemacht haben. Sie musste schon eine Woche vorher wieder fahren. Ich war sehr traurig und habe zu meiner Mutter gesagt: „Wenn ich groß bin, dann werde ich sie heiraten“. Genauso ist es auch gekommen (lacht).
Handelt das neue Lied „Liebe“, in dem zwei Menschen zusammen alt und grau werden, von Ihnen beiden?
GRAF: Diesen Song habe ich hauptsächlich für meine Eltern geschrieben. Sie waren für mich, auch mit über 80 noch, immer ein großes Vorbild, was Liebe und Beziehung angeht. Die beiden sind immer zusammengeblieben. Kern des Liedes ist meine Überzeugung, dass es Menschen gibt, die einfach füreinander bestimmt sind. Ich glaube daran, dass es die wahre Liebe gibt und dass sich die wahre Liebe auch findet. Ich glaube auch, dass wir uns alle irgendwann wiedersehen werden.
Nicht umsonst heißt Ihres Album „Liebe Glaube Monster“.
GRAF: So ist es. Die ganze Platte ist eine Reflexion meines Lebens, von der Kindheit bis heute. Es gab viele Tiefen, aber glücklicherweise noch mehr Höhen. Die Liebe, klar, die habe ich häufig erfahren dürfen. Der Glaube, speziell der Glaube an mich selbst, ist immer ein prägendes Thema gewesen. Da ich von Kind an gestottert habe, hat man mir bestimmte Dinge nicht zugetraut, und ich bin in einer Welt groß geworden, in der das Künstlerdasein irgendwie als der falsche Weg galt. Ich hatte den Kopf voller Träume und Ideen, ich wollte nicht in die üblichen Schemata passen. Das ist umso schwieriger bei einem, von dem die Lehrer glauben, dass er eh blöd ist, weil er nicht gescheit sprechen kann. Gegen diese Monster habe ich gekämpft.
Das Lied „Mein Löwe“ haben Sie für Ihre Mutter geschrieben. Wie hat sie auf diese berührende Ballade reagiert?
GRAF: Wir haben sie uns zusammen angehört – und dann haben wir zusammen geweint. In dem Lied geht es ums Abschiednehmen. Meine Mutter war immer die starke Löwin, die für mich da war. Ich wollte mit dem Song ein bisschen was zurückgeben. Ihr einfach „Danke“ sagen.
Zur Person
Der Graf, geboren 1970 in Würselen, ist ein deutscher Sänger. Er ist Gründungsmitglied, Frontmann und Liedtexter der Band Unheilig. Er gibt nur wenige Informationen über sein Privatleben preis. Sein Geburtsname ist nicht öffentlich bekannt. Unheilig veröffentlicht jetzt das neue Album „Liebe Glaube Monster“.
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