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Der neue „Jedermann“ der Salzburger Festspiele wird gefeiert

Salzburger Festspiele

Der Jedermann tanzt noch einen Tango auf dem Tisch

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    Deleila Piasko (Buhlschaft) und Philipp Hochmair (Jedermann) tanzen Tango auf einem Tisch in der neuen Salzburger „Jedermann“ Premiere.
    Deleila Piasko (Buhlschaft) und Philipp Hochmair (Jedermann) tanzen Tango auf einem Tisch in der neuen Salzburger „Jedermann“ Premiere. Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

    Der Jedermann fährt im goldenen Cabrio vor und trägt Glitzeranzug, wenn er zur großen Sause einlädt. Sein Lebensort heißt Überholspur, da haben arme Nachbarn nicht viel zu erhoffen, und Schuldner bekommen selbstverständlich auch keinen Nachlass: Das Geld muss arbeiten, es folgt seiner Logik. Und Hugo von Hofmannsthals Jedermann hat einfach begriffen, dass die Geldkreisläufe immer in Bewegung gehalten werden müssen wie das Blut. Wenn er in der neuen Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen erklärt, wie das mit dem Cash läuft, glaubt man anfangs, einem zuzuhören, der über Naturgesetze spricht, sachlich und unaufgeregt. Die Rendite spricht doch für sich, das muss doch jeder verstehen.

    Wer das mit dem Geld begreift, lebt wie der Jedermann

    Deshalb gibt Philipp Hochmair als neuer Salzburger Jedermann seinem Geld-Egoismus als Lebensmaxime auch nichts Gehässiges mit. Das waltet viel mehr Physik als Emotion. Und wer das begreift, lebt wie der Jedermann. Und er ist da zum Glück nicht allein, zur Party kommt gefühlt eine ganze Hundertschaft, um mit ihm einen Abend lang zu tanzen und zu feiern in der Großraumdisco namens Dom-Vorplatz.

    Der Jedermann (Philipp Hochmair (Jedermann) fährt mit dem goldenen Cabrio vor.
    Der Jedermann (Philipp Hochmair (Jedermann) fährt mit dem goldenen Cabrio vor. Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

    Regisseur Robert Carsen holt mit seinem neuen Inszenierungs-Team auf und hinter der Bühne das mittelalterlich anmutende Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal optisch ins Hier und Heute. Die mittelalterlich anmutende Kunstsprache des „Jedermann“ darf sich am Selfie-schießenden Neureichen reiben. Wenn der Jedermann seinen Reichtum vorführt, dann nicht nur sich und seinem Gesellen, sondern auch denen, die seinem Protzen auf Social-Media folgen. Erfolg gehört dort zu den Garanten für eine große Zuhörerschaft. 

    Von heute aus betrachtet verwundert es ja, wie viele Jahre dieser „Jedermann“-Stoff bereits auf dem Buckel hat, weil er - bis auf die Kunstsprache - immer aktueller wird. Den Kirchen laufen die Gläubigen davon, Tod und Sterben gehören zu den gesellschaftlichen Tabuthemen, die erst im Alter auf einen kommen, wenn ihnen nicht mehr auszuweichen ist. Außer man hat Pech wie der Jedermann, und der Tod klopft einem schon im besten Alter auf die Schulter. In der durchkapitalisierten Gesellschaft muss man schon die Lupe nehmen, um den christlichen Glauben als lebensprägendes, gesellschaftliches Prinzip noch irgendwo auszumachen.

    Beim Jedermann wird viel getanzt

    Andersherum: Wie will man unter diesen Voraussetzungen der Moral des Mysterienspiels entkommen? Diese Partie beginnt ja quasi in einer Matt-Position fürs Publikum. Um da nicht gallig zu wirken, bitten Carsen und sein Team zum Tanz. Es wird mit barocker Lust geschwelgt, auch mit den Kostümen, etwa wenn die Party-Gesellschaft sich als schreibunte Glitzer-Truppe trifft und auf den Fest-Tischen erstmal dem Pathos mit einer Runde Breakdance eine Nase gedreht wird. Immer wieder geht‘s im Takt der Musik, mal wild und anarchisch, dann auch im Gruppen-Discostepp. Am Einprägsamsten wird es, wenn Jedermann seine Buhlschaft (Daleila Piasko) zum letzten Tango auffordert. Sie hat schon gemerkt, dass er vor lauter Todesbotschaften, die er plötzlich empfängt, Misstöne in die Party bringt. In ihrem Tango auf dem Tisch steckt alles drin: Anziehung und Abstoßung, Liebe und Hass, Leben und Tod.

    Die Rolle des guten Gesellen führt Carsen mit dem Teufel zusammen, beide Figuren werden sehr ähnlich und durchaus diabolisch vom tiefrot gewandeten Christoph Luser gegeben. Und man soll das durchaus programmatisch deuten. Was macht der gute Gesell? Doch auch nur den Jedermann verführen und in seiner Liebe zum Mammon bestärken. Dem entgegen wirkt Dörte Lyssewki in der Doppelung als armer Nachbar und der allegorischen Figur „Werke“. Mit ihr geht die Wende einher, sie ist diejenige, die den Jedermann ins Grab begleitet. Seine Werke kommen mit ihm, nicht sein Reichtum, den Kristof van Boven als Alter Ego des Jedermanns gibt.

    Gerahmt wird die Inszenierung von zwei starken, beeindruckenden Szenen: Zu Beginn strömen die vielen Tänzer, Chorsprecher und Statisten des Abends aus der Kirche zur Orgelmusik, die aus den offenen Dom-Türen dringt. Das aufgeregte Gerede unterbricht der Tod (Dominik Dos-Reis) mit dem Läuten seiner Glocke. Alle fallen zu Boden, der Tod spricht in einem Meer aus Leibern, eine apokalyptische Szenerie. Aufgenommen wird das am Schluss. Der Jedermann hat sich schon ins Grab gelegt, der Teufel wird ihm nicht mehr habhaft und stapft fluchend von dannen. Bevor der Tod noch einmal allen ins Gewissen spricht, bettet sich die Menge wie der Jedermann in weißen Gewändern zur letzten Ruh‘. Dieses Mal geordnet. Nun wirkt diese große Sterbeszene nicht wie der Anfang eines Horrorfilms, sondern wie ein Zeichen der Hoffnung. Applaus und Jubel, besonders für Philipp Hochmair als neuen Jedermann.  

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