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Deutscher Buchpreis: „Die Ausweichschule“ von Kaleb Erdmann beleuchtet Erfurt-Amoklauf

Deutscher Buchpreis

Darum geht‘s in Kaleb Erdmanns Shortlist-Kandidat „Die Ausweichschule“

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    Kaleb Erdmann beim Lesungs-Abend zum Deutschen Buchpreis 2025. Sein Buch "Die Ausweichschule" (park x ullstein) steht auf der Shortlist.
    Kaleb Erdmann beim Lesungs-Abend zum Deutschen Buchpreis 2025. Sein Buch "Die Ausweichschule" (park x ullstein) steht auf der Shortlist. Foto: Annette Riedl, dpa

    Der Ich-Erzähler im Roman „Die Ausweichschule“ ist Schriftsteller. Wie der Autor Kaleb Erdmann, dessen Name auf dem Buchcover steht, hat er bereits einen erfolgreichen Roman geschrieben, nun soll der zweite folgen. Das Thema: Der Amoklauf von Erfurt, den er – wie Kaleb Erdmann – als Fünftklässler miterlebt hat. Bei so einem einschneidenden Erlebnis in der eigenen Vita muss man als Autor doch darüber schreiben, oder nicht? Erdmann, das erzählte er in Interviews, sah das nicht unbedingt so. Dann hat er es doch getan.

    Wie schreibt man über das Schreckliche?

    Lange habe er damit gehadert, sich die Frage gestellt, warum gerade er über den Amoklauf von Erfurt schreiben sollte. Ist das nicht generell zu voyeuristisch? Ist er überhaupt der richtige dafür? Denn er sei zwar an diesem 26. April des Jahres 2002 in der Schule, dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium, gewesen, habe dort aber glücklicherweise nichts gesehen, was mit Tod und Gewalt zu tun hatte, erzählt Kaleb Erdmann in Interviews. Zum Zeitpunkt des Amoklaufs war er elf Jahre alt. Mehrere Anläufe eines Erfurt-Textes scheiterten, bis Erdmann vor knapp drei Jahren endlich eine funktionierende Idee für seine Version der Geschichte gefunden hatte. Angesichts seiner Nominierung für den Deutschen Buchpreis, wo „Die Ausweichschule“ nun als eines von sechs Büchern auf der Shortlist steht, dürfte es letztlich die richtige Entscheidung gewesen sein.

    „Die Ausweichschule“ ist kein Buch über den Amoklauf von Erfurt per se, bei dem Robert Steinhäuser, ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums, elf Lehrerinnen und Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizeibeamten und anschließend sich selbst getötet hatte. Der Erzähler lässt die Leser seiner Geschichte viel mehr teilhaben an seiner langwierigen Aufarbeitung des Erlebten. Sachlich bleibt Kaleb Erdmann den Fakten treu, zitiert aus echten Untersuchungsberichten, journalistischen und anderen Texten, die in den Jahren nach dem Amoklauf erschienen sind. Im Persönlichen bleibt neben vielen eindeutigen biografischen Parallelen zum Ich-Erzähler unklar, wie viel Fiktion sich unter die Realität gemischt hat.

    Kaleb Erdmann: „Ein Metaroman über das Schreiben“

    Als einen „Metaroman über das Schreiben“ bezeichnet Kaleb Erdmann sein Buch. Ein cleverer Kniff. Erdmann schafft sich so Distanz zu den Geschehnissen und gibt sich die Möglichkeit, all die Überlegungen, die ein Autor bei der Entstehung eines Textes anstellt, einfließen zu lassen. Mitunter bekommt diese Meta-Ebene das Übergewicht, wenn sich der Ich-Erzähler lange Gedanken über das Werk des französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère macht, und ob die Gattungsbezeichnung „Roman“ für sein Buch „Der Widersacher“ angemessen ist, und warum seine folgenden Bücher nicht mehr Romane genannt werden. Carrère schrieb über reale Ereignisse und seine Recherchen dazu.

    Erdmann konzentriert sich in seinem Buch nicht nur auf die ganz persönlichen Auswirkungen des Miterlebens des Amoklaufs und den Schreibprozess des Autors. Da geht es natürlich um die erwartbaren Fragen wie: „Was macht einen jungen Mann zum Täter?“. Zu leichter Zugang zu Waffen, eine Gesellschaft, die ihn durchs Raster fallen ließ oder doch Killerspiele? In Steinhäusers Fall wurden all diese Optionen in Erwägung gezogen. Erdmann lässt auch an diesem Punkt seine akribischen Recherchen einfließen und akzeptiert, dass es auf manche Fragen keine abschließende Antwort geben kann.

    „Die Ausweichschule“ ist schließlich auch ein Buch über psychische Gesundheit, über die kollektive Traumatisierung einer Schulgemeinschaft und die Anfang der 2000er noch gänzlich fehlende Möglichkeit, diese Menschen adäquat psychologisch zu versorgen.

    Trocken-humorvoller Tonfall macht das Buch auch zur unterhaltsamen Lektüre

    Dass Kaleb Erdmanns Buch trotz des schweren Themas, das Erdmann zu jeder Zeit sehr ernst nimmt, auch gut unterhält, liegt an seiner Sprache. Als ehemaliger Poetry-Slammer hat er einen trocken-humorvollen Tonfall perfektioniert, der vor allem in den Dialogen hervorragend funktioniert. Abgerundet wird das durch eine Portion Selbstironie, die Erdmann seinem Protagonisten mitgibt. Schon nach der Einstiegsszene, in der der Autor sich beim Ramen essen mit einem Verleger zunächst eine deutliche Absage für seine Erfurt-Buchidee einhandelt, will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

    Ob sich „Die Ausweichschule“ gegen die harte Konkurrenz durchsetzen kann, zeigt sich diesen Montag. Auf der Shortlist stehen mit Dorothee Elmiger („Die Holländerinnen“) und Christine Wunnicke („Wachs“) zwei Autorinnen, die jeweils schon zum zweiten Mal nominiert sind. Thomas Melle („Haus zur Sonne“) steht gar schon zum dritten Mal auf der Shortlist. Außerdem sind Jehona Kicaj mit ihrem Roman „ë“ und Fiona Sironic mit „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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