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Die beiden neuen Romane von Berit Glanz und Kaliane Bradley führen im Vergleich zum Geheimnis der Literatur.

Literatur

Das erstaunliche Geheimnis der Literatur

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    Kommt nicht zufällig bei Kaliane Bradley vor: William Turners Gemälde von einem Schneesturm (1842). Denn auch hier bürgt für Wahrhaftigkeit: nicht die detailgetreue Abbildung, sondern die Nachschöpfung der Empfindung.
    Kommt nicht zufällig bei Kaliane Bradley vor: William Turners Gemälde von einem Schneesturm (1842). Denn auch hier bürgt für Wahrhaftigkeit: nicht die detailgetreue Abbildung, sondern die Nachschöpfung der Empfindung. Foto: Luisa Ricciarini, Bridgeman Images via AFP

    Der Zufall ist hier ein Glücksfall. Bei Zehntausenden von Neuerscheinungen jedes Jahr auf dem Buchmarkt mag die Wahrscheinlichkeit zwar nicht gering sein, dass sich zwei Bücher in ihrem Ansatz derart ähneln – hier aber liefert dieses Nebeneinander zweier für sich schon lesenswerter Werke gleich noch ein Lehrstück zu einer großen Frage der Literatur an sich mit: der nach dem Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Also: Wie nah an der Wirklichkeit muss ein Roman sein, um von einer Wahrheit des Lebens künden und damit berühren zu können? Und es geht dabei um nichts weniger als die Liebe und das Glück, das Ich und die Welt.

    Realistisch ist jedenfalls noch, was beide Romane eint: der auch szenisch dramatisch ausgearbeitete Rückblick in die prekären und gefährlichen Umstände der Schifffahrt früher. Im Debütroman der für ihre Kurzgeschichten ausgezeichneten Britin Kaliane Bradley (37) ist das eine fatal fehlgeschlagene Expedition auf der Suche nach der Nordwestpassage. 1845 mit zwei Schiffen von Kent aus Richtung Arktis gestartet, um eine (Handels-)Verbindung Richtung Asien zu finden und dann für immer verschollen – fünf Jahre später und nach erfolgloser Suche wurden alle Teilnehmer für tot erklärt. Geblieben allein ist eine 15 Jahre später unter einem Steinhaufen gefundene Botschaft, die Bradley zitiert.

    Der Roman von Berit Glanz erzählt von der Fischindustrie um 1900

    Die gebürtige Kielerin und bereits ausgezeichnete Romanautorin Berit Glanz (43) blendet in ihrem dritten Werk zurück in die Zeit um 1900, als die Fischindustrie boomt und von der Bretagne aus verstärkt Schiffe ins Nordmeer aufbrechen, um vor Island Kabeljau zu fangen. Den monatelangen Strapazen an Bord mit großen Gefahren für Leib und Leben auf See setzen sich vor allem die verarmten Nordfranzosen aus, um ihre Familien ernähren zu können – und kehren oft nicht zurück. Geblieben ist ein damals auf Island extra für fern der Heimat verunglückte Seeleute eingerichtetes Hospital, das inzwischen ein Hotel ist, in dem Berit Glanz auf die Geschichte gestoßen ist.

    Beide Autorinnen schneiden die Szenen von damals gegen mit einer Haupthandlung in der Gegenwart. Beide spiegeln sich zeitgeistgemäß in den Hauptfiguren ihrer Geschichten. Berit Glanz ist selbst nach Island ausgewandert und blickt mit der sich hier im Roman ansässig machenden deutschen Genetikerin Maris auf heute und damals – und die Frage, was uns zu den Menschen macht, die wir sind, welches Maß an Prägung herrscht und wie viel Freiheit bleibt, was der Fortschritt daran verändert. Kaliane Bradley blickt mit einer jungen Ministeriumsmitarbeiterin, die als Brücke für die Aufnahme Fremder fungieren soll und die wie sie selbst kambodschanische Wurzeln hat – und damit unweigerlich eine traumatisierende Geschichte des Völkermordes im Familienerbe, verbunden mit der Frage, wie stark dieses das eigene Leben prägt und wie sehr die fremde Herkunft den Blick der anderen auf die Person.

    Was außerdem die beiden Bücher verbindet: Es geht um die Liebe – und für heute zeitgemäß zeigt sich diese schon im Damals zumindest am Rand durchaus nicht nur zwischen Mann und Frau. Aber dass Sex dabei bei Berit Glanz höchstens zart angedeutet wird, während Kaliane Bradley sich mit Lust in die Schilderungen stürzt, ist nur ein kleines, wenn auch charakteristisches Detail, das die beiden Bücher unterscheidet.

    Die Autorinnen springen in gegensätzliche Wirklichkeitsrichtungen

    Vor allem springen die Autorinnen mit ihren Gegenschnitten zur Schifffahrt von einst in gegensätzliche Wirklichkeitsrichtungen. Bei Berit Glanz wechseln sich die zeitlichen Erlebnisschilderungen – mit jeweils größtmöglichem Realismus. Wenn sie von den Seemännern berichtet oder eine isländische Bauerstochter, die mit jenen als Aushilfskraft im Hospital in Berührung kommt, im Tagebuch beschreiben lässt, wirkt noch jedes Detail durch Recherche verbürgt und glaubhaft – ebenso sehr wie die Autorin Glanz die Wege ihrer Jetztzeitfigur Maris in die Bekanntschaft mit einem heute in isländischer Landwirtschaft arbeitenden Mann reportagehaft verbürgt wirkt. Auch die schönsten Ideen ihres Erzählens in „Unter weitem Himmel“ sind wissenschaftliche: Die junge Deutsche fühlt sich zwischenmenschlich wie das, was geografisch ein „Point Nemo“ ist, der am weitesten von Land entfernte Ort im Ozean; und in kurzen Einsprengseln wird der Zug eines Eishais durch die Tiefen beschrieben, bis zu 500 Jahre alt werdende Rekordsäugetiere, während oben die Zeitalter der Menschengeschichten wechseln …

    Kaliane Bradley dagegen springt aus ihrer Expeditionsgeschichte von einst mit einer hanebüchenen Konstruktion in eine Zukunft, in der Zeitreisen plötzlich möglich sind – und macht sich nicht einmal daran, zu erklären, wie das gehen soll. Sie will einfach davon erzählen können, wie Menschen von einst auf Menschen von heute treffen. Darum werden vom titelgebenden „Ministerium der Zeit“ fünf Figuren aus unterschiedlichen Jahrhunderten herbeigeholt, und zwar solche, die ohnehin abgeschieden und totgeweiht waren, um den Lauf der Geschichte nicht zu beeinflussen. Darunter ist ein Commander der fatalen Schiffsreisenden von 1845 und die junge Hauptfigur wird zu dessen Brücke in die neue Wirklichkeit …

    Wahrheit findet sich nicht im Realismus, sondern in der hanebüchenen Konstruktion

    Was nun das Verblüffende, das Lehrreiche ist: Wahrheit findet sich eben nicht im Realismus von Berit Glanz, sondern in der hanebüchenen Konstruktion von Kaliane Bradley. Der Roman der Deutsch-Isländerin nämlich wirkt mit all seiner Detailtreue wie eine dieser aufwendig inszenierten BBC-Wissenschaftsdokumentationen – mit einer Korrektheit, die sich bis in die Sprache fortsetzt, in der die isländische Bauerstochter in ihrem Tagebuch neben einfachen Gedanken auch Sätze in gedrechselter indirekter Rede schreibt. So sind die Gespräche der heutigen Figuren immer interessant und stimmig ausgedacht, aber nie lebendig.

    Die tollkühne Kambodscha-Britin dagegen stürzt sich in das Empfinden wie in die Szenen und Gespräche ihrer Figuren immer am Rand des Möglichen, am Rand des Scheiterns, wie dieses selbst dadurch erst entdeckend, statt sie konstruierend. So gelingt es ausgerechnet ihr – bevor sie konstruktionsgeschuldet ihren Science-Fiction-Thriller irgendwie zu Ende bringt – die Wahrheit des Ich-, des Miteinander- und des In-der-Welt-Seins offen zu erkunden, und mit einer (auch noch in Übersetzung!) für das Abenteuer freien und dabei im eigenen Spund souveränen Sprache. Das Geheimnis der Literatur. Immer wieder erstaunlich.

    Berit Glanz: Unter weitem Himmel. Berlin Verlag, 256 S., 24 €

    Kaliane Bradley: Das Ministerium der Zeit. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Penguin, 384 S., 24 €

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