Das geht unter die Haut. Auch dann, wenn man kein Rap-Fan ist und nicht weiß, wann der Rapper Haftbefehl welches Album veröffentlicht hat. Die Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ präsentiert Aykut Anhan aus der Nahaufnahme und erzählt keine Heldengeschichte mit Happy-End. Stattdessen staunt man immer mehr über die Tragik dieses Musikers. Da sitzt ein 39-Jähriger im Sessel, der innerhalb eines Doku-Jahres um Jahrzehnte gealtert ist, einer, der sich gerade beinahe mit einer Überdosis Kokain das Leben genommen hätte, wiederbelebt werden musste, einer, der trotz all des Erfolgs seinen Dämonen nicht entkommen kann.
Alles beginnt bei Aykut Anhan in Offenbach am Main
Über die Teufel, die Aykut Anhan alias Haftbefehl jagen, wissen seine Fans reichlich. In seinen Texten hat er nie etwas verborgen. Genauso verhält er sich in der Dokumentation, die ihn über mehr als ein Jahr begleitet hat. Aykut Anhan will seine Geschichte erzählen, bevor es andere machen und so lange er es noch selbst kann. Alles beginnt in Offenbach am Main, siebter Stock in einem Hochhaus. Ein unwirtlicher Ort in unwirtlicheren Verhältnissen. Denn Aykut Anhans Vater ist ein Spieler, ein Vater, der nicht da ist, einer, der an dem einen Tag zwei Millionen Mark unter dem Teppich versteckt und am nächsten Tag das ganze Geld schon wieder verloren hat. Als Aykut Anhan 14 Jahre alt ist, erhängt sich sein Vater. Wenn Anhan dies als erwachsener Mann erzählt, spürt man förmlich, wie tief diese Familientragödie reicht und sieht kurz auch den Jungen in dem Mann auftauchen.
Drogen nimmt Haftbefehl, seit er 13 Jahre alt ist
In Offenbach folgt der erste Kick mit Koks als 13-Jähriger und danach 25 Jahre Missbrauch der Droge. Später dieses Leben als Rapper, der es nach oben geschafft hat und seine Klamotten bei Louis (Vuitton) kauft. Aber auch wenn sich Aykut Anhan mit seiner Frau Nina ein Haus kauft, ein klassischer Familienvater kann er für sie und seine beiden Kinder nicht sein – wegen der Musik, wegen seiner Dämonen. Wenn er die Kamera im Haus zum Foto von ihm mit seinen Kindern führt, himmelt er die beiden Kleinen an und spricht von sich als „Dreck“. Unfassbare Szenen.
Auf das „Dürfen wir das zeigen?“ der Macher sagt Aykut Anhan nur „alles“. Das sei ja schließlich die Wirklichkeit und kein Rap-Video. Man sieht ihn da in Nahaufnahme, den Menschen hinter Haftbefehl – und leidet mit ihm.
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