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Eine Liebe auf Distanz: Kultroman „Allegro Pastell“ kommt ins Kino

Kinokritik

Die Liebe der Millennials: Kinokritik zu „Allegro Pastell“

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    Sylvaine Faligant (links) als Tanja Arnheim und Jannis Niewöhner als Jerome Daimler in "Allegro Pastell".
    Sylvaine Faligant (links) als Tanja Arnheim und Jannis Niewöhner als Jerome Daimler in "Allegro Pastell". Foto: Felix Pflieger/DCM Film, dpa

    Knapp drei Wochen vor dem ersten Corona-Lockdown im März 2020 erschien Leif Randts „Allegro Pastell“. Auf direkter Augenhöhe zu seiner Entstehungszeit erzählte der Roman vom Lebensgefühl zweier Mittdreißiger im Jahr 2018.

    Bei der Lektüre auf der Pandemie-Couch fühlte sich der Roman schon bald wie ein Kassiber aus einer Ära an, deren rasante Vergänglichkeit gerade draußen vor dem Fenster auf den leergefegten Straßen Gestalt annahm. Aber dieser spezifische, zeithistorische Wahrnehmungsfilter passte wiederum gut zu dem Text und seinen Figuren, die sich selbst, ihre Liebe zueinander und die eigenen, individuellen Gefühle zugleich aus nächster Nähe und großer, analytischer Distanz betrachteten.

    Leif Randts Kultroman „Allegro Pastell“ kommt ins Kino

    Mit literarischer Brillanz fing „Allegro Pastell“ den emotionalen wie intellektuellen Zeitgeist der Millennials ein, ohne ins Prototypische verfallen zu wollen. Nun hat Regisseurin Anna Roller („Dead Girl Dancing“) den Kultroman verfilmt. Auch wenn Randt selbst das Drehbuch verfasst hat, darf man nicht erwarten, dass sich der präzise, hyperreflektierte und ironische Vibe der Vorlage eins zu eins ins Kinoformat übertragen lässt. Aber die Adaption steht auf eigenen Beinen, ohne dass die Komplexität der Vorlage an den Mainstream verraten wird.

    Zwischen Berlin und dem hessischen Maintal führen die erfolgreiche Romanautorin Tanja (Sylvaine Faligant) und der Webdesigner Jerome (Jannis Niewöhner) eine Fernbeziehung, die für ihre Bedürfnisse von Nähe und Unabhängigkeit ideal zu sein scheint. Textnachrichten und E-Mails fliegen zwischen den beiden mit poesievoller Leichtigkeit hin und her. Im Bordbistro des ICE kann die Vorfreude auf ein Wiedersehen gut gedeihen. Und auch der Sex hat sich von einer passablen ersten Nacht in höhere Sphären hochgearbeitet. Zyklisch verlaufe ihre Liebe, schreibt Tanja, zwischen dem intensiven Dialog aus der Ferne, der physischen Nähe bei den Besuchen und der gespannten Erwartung der neuerlich anberaumten Nähe.

    „Allegor Pastell“: Die Beziehung zwischen Jerome und Tanja gerät aus der Bahn

    Solche zärtlich-kühlen Analysen sind typisch für diese Liebe, die sich selbst immer genau zu beobachten und einzuordnen scheint. Zu ihrem 34. Geburtstag hat Jerome den Frühstückstisch mit Grapefruitsaft, Spiegelei und Cremecheese-Bagels gedeckt. Daneben steht ein aufgeklappter Laptop, auf dessen Bildschirm die Website flimmert, welche er für die Autorin zum Geburtstag designt hat. Aber das eigene Leben in aufpoppenden Kacheln und Rubriken durchstrukturiert zu sehen, wirft die Mittdreißigerin aus der Bahn – und bringt die Beziehung ins Wanken. Durch eine Affäre mit dem Freund ihrer besten Freundin Amelie (Vera Flück) schießt sich Tanja gleich zweifach ins Abseits.

    Und auch Jerome beginnt in Maintal einen Flirt mit seinem Jugendschwarm Marlene (Haley Louise Jones). Aber der Bruch generiert nach einer gewissen Zeit auch neu aufkeimende Sehnsüchte und ein Bewusstsein dafür, was verloren zu gehen droht. Auf der Hochzeit eines Freundes kommt es mit gut dosiertem Ecstasy zur Wiederannäherung der Liebenden, die nie zur gleichen Zeit den Wunsch nach Verbindlichkeit entwickeln können.

    „Allegor Pastell“ im Kino: eine sichere Balance zwischen Intimität und Distanz

    Reduziert auf ihre Eckdaten, ist „Allegro Pastell“ eine durchaus banale Liebesgeschichte. Aber in der mikroskopischen Genauigkeit, mit der Roman wie Film die emotionalen Verschiebungen beobachten, liegt eine Zugewandtheit und Zärtlichkeit, der man sich nicht entziehen möchte. Auch wenn Regisseurin Roller die analytische Poesie der Vorlage in Off-Kommentaren immer wieder aufblitzen lässt, hat sie deren ironische Haltung deutlich herunter gedimmt. Übersetzt ins Medium Film kommt diese intellektuelle Lovestory empathischer daher als erwartet. Kameramann Felix Pflieger findet eine sichere Balance zwischen Intimität und Distanz, während der dynamische Schnitt einen stringenten Erzählfluss kreiert.

    Sylvaine Faligant als Tanja Arnheim in einer Szene des Films "Allegro Pastell".
    Sylvaine Faligant als Tanja Arnheim in einer Szene des Films "Allegro Pastell". Foto: Felix Pflieger/DCM Film, dpa

    Die französische Schauspielerin Sylvaine Faligant erweist sich in ihrer ersten Kinorolle als eine echte Entdeckung. Fast schwerelos tariert sie das sprühende Selbstbewusstsein und die nagenden Zweifel ihrer Figur miteinander aus. Gleichzeitig kommt „Allegro Pastell“ mit seinen beiden Hauptfiguren, die keine Sorgen haben außer sich selbst, unwillkürlich wie das nostalgische Zeitgeistdokument einer Ära daher, die vor der Pandemie, vor der zweiten Amtszeit Trumps, ohne Ukraine-, Gaza- und Irankrieg geradezu unschuldig wirkt. Eine unpolitische und angstfrei in sich ruhende Liebesgeschichte wie diese würde heute als Generationsporträt wohl nicht mehr funktionieren.

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