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Bestatter Eric Wrede: „Das Sauberste, was du machen kannst, ist, dich nackt in einen Pilzsarg zu legen“

Interview

Bestatter Eric Wrede: „Das Sauberste, was du machen kannst, ist, dich nackt in einen Pilzsarg zu legen“

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    Der Film „Der Tod ist ein Arschloch“ begleitet Eric Wrede, Deutschlands bekanntester Bestatter, bei der Arbeit.
    Der Film „Der Tod ist ein Arschloch“ begleitet Eric Wrede, Deutschlands bekanntester Bestatter, bei der Arbeit. Foto: mindjazz pictures

    Herr Wrede, „Der Tod ist ein Arschloch“ ist ein berührender, aber kein deprimierender Film über den Tod. Was ist Ihr Anliegen mit diesem Film?

    ERIC WREDE: Die Sprachlosigkeit, die rund um das Thema Tod noch immer besteht, so ein bisschen aufzulösen. Ich möchte, dass ein Diskurs stattfindet und die Leute den Tod in ihr Leben lassen. In den zwei Jahren, in denen uns der Regisseur Michael Schwarz bei der Arbeit begleitet hat, haben wir einige unglaublich tolle Menschen kennengelernt, die mit uns sehr intensiv über den, auch über ihren eigenen, Tod gesprochen haben. Mein Eindruck ist, dass dieser Film wirklich als Sprachverstärker wahrgenommen wird. Und dann ist das Thema natürlich auch Zeitgeist, das darf man nicht vergessen.

    Der Tod liegt im Trend?

    WREDE: Irgendwie schon. Die Babyboomer-Generation, die jetzt in die Jahre kommt, schaut ganz anders und sehr viel selbstbestimmter auf ihr eigenes Ende als deren Elterngeneration. Mit einer viel größeren Selbstwertschätzung. Unsere Großeltern dachten meist nur „Wenn ich sterbe, möchte ich niemandem zur Last fallen“. Diese Haltung ist heute nicht mehr üblich. Auch an meinem Podcast „The End“, in dem ich mit Menschen wie Sven Regener, Balbina oder Uwe Ochsenknecht über Leben, Tod und Trauer rede, wie gern und bereitwillig die Leute mit uns sprechen.

    Eric Wrede hat früher in der Musikbranche gearbeitet, heute ist er Bestatter.
    Eric Wrede hat früher in der Musikbranche gearbeitet, heute ist er Bestatter. Foto: Lebensnah Bestattungen

    Warum ist es wichtig, über den Tod zu reden?

    WREDE: Um besser mit ihm umgehen zu können. Der Tod ist unausweichlich, und er ist das Ende. Der Tod ist für das Leben der größtmögliche Extremfall. Und doch blocken viele den Gedanken an den Tod ab und tun geradezu so, als umwehe ihn der Hauch eines Skandals. Aber je heftiger geschwiegen wird, umso größer wird das Bedürfnis zu reden. Wir geben diesem Bedürfnis einen Raum.

    Sie haben ein Bestattungsunternehmen gegründet, ihr Buch „Sterben für Beginner“ wurde verfilmt, Sie machen Podcasts. Ist es eine persönliche Mission, den Tod aus der Tabuzone zu holen?

    WREDE: Von außen sieht das alles geplanter aus als es tatsächlich ist. Aber ja, das ist natürlich mein Wunsch. Wenn bestimmte schambehaftete oder schwierige Themen auf bestimmte Menschen projiziert werden, macht es das einfach, diese Themen zu konsumieren. Ich denke da zum Beispiel an Erika Berger, die Aufklärungs-Lady aus dem Privatfernsehen der Neunziger. Sex war auch immer ein Super-Tabuthema, aber mit ihrer Sendung hat sie viel dafür getan.

    Ist der Tod der neue Sex?

    WREDE: (lacht) Ich sehe gewisse Analogien, ja. Bin ich in gewisser Weise das Gesicht für diese neue Sprache rund um den Tod? Ich denke schon. Der Tod hatte immer so etwas Ehrwürdiges, so etwas Pastorales, damit habe ich – zusammen mit meinen tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – ein Stück weit aufgeräumt. Durch die ganzen Projekte und Erfolge habe ich das Glück, dass ich gehört werde.

    Eine Protagonistin in „Der Tod ist ein Arschloch“ ist eine Freundin von Ihnen und unheilbar an Krebs erkrankt. Man sieht sie beide bei einer Vorbesprechung ihrer Bestattung. Irgendwann sagen Sie zu ihr: „Ich brauche eine Pause, lass uns eine rauchen gehen“.

    WREDE: Ich brauchte diese Pause wirklich dringend. Was ist das für ein Eingeständnis, wenn ein Mensch vor dir sitzt und sagt: ‚Ich habe Krebs, und ich werde diesen Kampf nicht gewinnen‘? Um das mit dem gebotenen Respekt zu betrachten, muss man sich immer wieder selbst zurücknehmen. Ich glaube, die Menschen kommen auch deshalb gerne zu uns, weil wir selbst manchmal nicht weiterwissen, atmen müssen, rauchen müssen. Bei einem guten Arzt ist es vielleicht ein bisschen ähnlich. Man ist professionell, aber nicht auf eine abgestumpfte Art und Weise.

    Können Sie gut abschalten von der Arbeit?

    WREDE: Wenn du das alles immer mit nach Hause nimmst, wirst du irgendwann verrückt. Auch ich kann nicht ändern, dass deine Mutter gestorben ist. Aber ich habe dafür gesorgt, dass du eine bessere Basis für deinen Trauerprozess bekommst. Ich war gerade bei einem Freund in Bonn, der leitet das Hospiz „Lighthouse“ für Wohnungslose und Menschen, die gesellschaftlich am Rand stehen. Wir haben beide festgestellt, dass wir uns privat nicht mit der Thematik unseres Berufs beschäftigen. Nicht, weil uns das nicht interessiert, sondern weil wir diese Schutzräume brauchen. Ein großer Vorteil der Zusammenarbeit mit meiner Frau liegt darin, dass ich weniger erklären muss. Wenn ich nur sage, ich hatte heute die Eltern eines Suizidopfers da, dann weiß sie, alles klar, er hat sich leergeredet, ich lasse ihn in Ruhe. Der Umgang mit Menschen, die trauern, erfordert viel Aufmerksamkeit und kostet dementsprechend Energie.

    Wie können Sie am besten abschalten?

    WREDE: Zum Beispiel, wenn ich mit meiner Tochter auf meinem alten Segelboot aus den 80er Jahren unterwegs bin. Das ist mein Ort der Kraft, da ist das Sterben weit weg. Ich würde auch auf einer Party nicht als Erstes erzählen, was ich beruflich mache.

    Denken Sie mehr über den Tod nach als andere?

    WREDE: Zu wissen, dass du sterben musst, ist gut. Aber permanent darüber nachzudenken, da macht dich klaustrophobisch. Wenn ich weiß, ich habe alles für die Trauernden getan, was ich tun konnte, dann kann ich guten Gewissens nach Hause gehen.

    Blicken Sie anders aufs Leben, seit Sie sich mit dem Tod beschäftigen?

    WREDE: Wahrscheinlich schon. Ich will meine Zeit nicht verschwenden. Ich will mich nicht mit Dingen beschäftigen, die mir Energie rauben. Ich lasse mich weniger leicht mit Mittelmäßigkeit zufriedenstellen. Eine ganz andere Sache ist die, dass ich angefangen habe, zur Hypochondrie zu neigen. Weil die Krankengeschichten, die ich höre, nie gut ausgehen. Und so wird in meiner Vorstellung aus einem Kopfschmerz, der nicht weggeht, immer gleich ein Hirntumor.

    Haben Sie Angst vor dem Tod?

    WREDE: Ja. Ich will nicht sterben. Ich habe auch keinen Bock auf den Sterbeprozess.

    Sie haben Ihr Testament gemacht und festgelegt, welche Musik auf Ihrem Begräbnis laufen soll, oder?

    WREDE: Die Musik ändert sich ständig (lacht). Aber das mit dem Testament stimmt. Das ist gar nicht schwer. Ich verstehe jeden, der sich damit nicht beschäftigen möchte, aber ich verstehe niemanden, der für andere Verantwortung hat und das nicht macht. Ich habe Leute mit einer Krebsdiagnose erlebt, die wissen, dass sie sterben, die sich aber um nichts kümmern, und wo die Familien aus den Häusern ausziehen mussten, weil ein paar Banalitäten nicht geregelt waren. Ich bin ein alter Punk. Jeder soll von mir aus machen, was er will. Aber für die Familie sollten Vorkehrungen getroffen werden.

    Im Film sagen Sie, dass Ihre Tochter, die damals fünf und jetzt sieben ist, schon weiß, was der Tod ist. Ab welchem Alter sollten Eltern mit ihren Kindern über den Tod sprechen?

    WREDE: Das hängt vom Kind ab, aber generell denke ich, dass man Kindern bereits in die Wiege legen sollte, wie man mit Verlust umgeht. Damit das Kind die Kompetenz bekommt, damit umzugehen, wenn die beste Freundin wegzieht oder wenn das Kuscheltier verloren geht. Kinder sind in dieser Hinsicht sehr neugierig. Meist fangen Kinder ganz von selbst an zu fragen, was ein Friedhof ist oder warum die Katze die Maus tötet. Da kann man sie pädagogisch gut abholen.

    Auch bei Bestattungen ändern sich die Moden. Was ist momentan angesagt?

    WREDE: Früher kamen die Leute auf dem Friedhof in den Sarg, das wurde nicht groß hinterfragt. Heute ist die Vielfalt sehr viel größer, es gibt Waldbestattungen, Seebestattungen und, und, und. Ich weiß nicht, ob man das als Trend bezeichnen kann, aber immer öfter leben die Kinder nicht dort, wo die Gräber der Eltern sind. Dieser Entwicklung gilt es Rechnung zu tragen. Etwa, in dem sichergestellt ist, dass ein Grab nicht verwahrlost, wenn du mal ein halbes Jahr nicht dort warst. Eine weitere Frage, die immer wichtiger wird, lautet: Wie kann ich möglichst wenig Dreck produzieren, wenn ich tot bin?

    Was empfehlen Sie?

    WREDE: Der größte Drecksträger bist du selbst, das ist dein Körper. Nach zwei Jahren Chemo bist du eigentlich Sondermüll. Und dann kann man sich fragen, ob es denn der Eichensarg sein muss, dessen Holz zwanzig Jahre oder länger braucht, bis es nachgewachsen ist.

    Ist Verbrennen ökologisch besser?

    WREDE: Die einen sagen so, die anderen so. Das lässt sich so klar nicht sagen. Das Sauberste und Umweltverträglichste, was du machen kannst, ist, dich nackt in einen Pilzsarg zu legen und eine Erdbestattung zu machen. So bringst du keine Kleidung in den Boden, und du erhältst über viele Jahre eine Grünfläche.

    Was ist ein Pilzsarg?

    WREDE: Den haben Holländer entwickelt. Er besteht aus einer trockenen Pilzkultur, die, wenn sie feucht wird, deinen Körper etwas schneller zersetzt als der normale Boden.

    Wie möchten Sie selbst bestattet werden?

    WREDE: Ich bin nicht religiös, aber falls doch noch mal irgendwas passiert, wäre mir eine Feuerbestattung zu endgültig. Im Moment neige ich zur Erdbestattung mit sehr vielen Freunden, ohne großes Programm.

    Sie haben mal gesagt, Ihr Lieblingstod sei der von Winnetou. Wieso?

    WREDE: Ohne Witz, das habe ich noch nie gesagt. In diesem Fall wäre ich lieber Old Shatterhand. Weil der überlebt hat.

    Zur Person

    Eric Wrede ist Deutschlands bekanntester Bestatter. Der 45-Jährige aus Rostock, im früheren Leben Musikmanager, hat den Beruf von der Pike auf gelernt, betreibt seit gut zehn Jahren in Berlin sein eigenes Unternehmen „lebensnah Bestatten“ und trägt mit Büchern, Filmen und einem Podcast dazu bei, den Tod aus der Tabuzone zu holen. Regisseur Michael Schwarz hat Wrede und sein Team nun zwei Jahre lang bei der Arbeit begleitet. Der Dokumentarfilm „Der Tod ist ein Arschloch“ läuft ab 27. November im Kino.

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