Frau Fanning, was hat es mit Ihrem T-Shirt auf sich, auf dem zu lesen ist „Joachim Trier Summer“?
ELLE FANNING: Ah, das T-Shirt! Charli XCX, die ich supercool finde und mit der ich schon auf ein paar Partys zusammen abhing, hatte auf ihrem Coachella-Set eine Menge T-Shirts mitgebracht, die sie in Anlehnung an ihr Motto „Brat Girl Summer“ produziert hatte. Sie hat mich darauf gebracht, das für mich abzuändern und der elfjährige Sohn meiner Stylistin ist mit einem Filzstift gleich zur Tat geschritten. Er hat also mit derselben Schrift „Joachim Trier Summer“ für mich auf ein T-Shirt gekritzelt. Und jetzt will jeder so eins haben. Der Junge kommt kaum mit den Bestellungen hinterher!
Langsam könnte es „Joachim Trier Year“ heißen, nach dem Erfolg seines neuen Films „Sentimental Value“. Nicht viele Hollywood-Stars reißen sich darum, einen relativ kleinen, norwegischen Film zu drehen. Was hat Sie dazu bewogen?
FANNING: Ich glaube, jeder würde mit Joachim Trier arbeiten wollen! Sein Film „Der schlimmste Mensch der Welt“ war für mich einer der besten Filme des letzten Jahrzehnts - mindestens. Ich finde ihn als Regisseur so außergewöhnlich! Seitdem steht ein Film mit Joachim auf meiner Bucketlist. Als ich hörte, dass er einen neuen Film drehen will, hat Mike Mills, der mich in „Jahrhundertfrauen“ inszeniert hat, Joachim mal meinen Wunsch signalisiert - die beiden sind eng befreundet. Joachim schickte mir das Drehbuch. Ich war damals gerade in New York, wo ich „A Complete Unknown“ beendet hatte, und habe das Skript sofort verschlungen. Einen Tag später hatte ich einen Zoom-Call mit Joachim arrangiert und gebetet, dass ich die Rolle bekomme. Und es hat geklappt.
Das klingt ja extrem easy...
FANNING: ... war es dann aber doch nicht (lacht). Denn ich musste kurz darauf nach Neuseeland, um den „Predator“-Film zu drehen, der jetzt im November rauskam. Was wiederum perfekt für die Figur meiner Rachel war, denn die ist ein großer Action- und SciFi-Star. Ich wollte unbedingt beide Filme machen. Aber es war nicht einfach, das zeitlich zu koordinieren!
Aber Sie haben es geschafft, jetteten von Neuseeland... nach Norwegen?
FANNING: Fast, ich drehte vier Monate lang in Neuseeland „Predator“, stieg am Abend nach Drehschluss ins Flugzeug nach Paris, fuhr mit dem Auto ans Set nach Deauville, hatte abends eine Anprobe, stand am nächsten Tag um fünf Uhr morgens auf und fing an zu drehen! (lacht) Das war wirklich wild. Aber es fühlte sich auch so richtig an, zumal meine Rachel gerade vielbeschäftigt von einem SciFi-Dreh kam. Das war geradezu meta!
Wie fühlte sich der Jetlag an?
FANNING: Den spürst du dann gar nicht mehr, da übernimmt das Adrenalin völlig das Ruder. Aber kurz vor Neuseeland gab es ein Zeitfenster von einer knappen Woche, in dem ich kurz nach Norwegen konnte, um in Oslo mit den anderen Schauspielern zu proben, was Joachim sehr wichtig war. In dieser Woche haben wir Rachel perfektioniert, und erlebten eine irre schöne Probezeit in dem wunderbaren Haus, in dem wir dann auch tatsächlich gedreht haben. Das war schon sehr hilfreich, denn so konnte ich direkt nach meiner Ankunft in den Dreh einsteigen.
Ihre Figur Rachel sagt, dass sie nie daran gedacht hat, das Schauspielen aufzugeben. Haben Sie je daran gedacht? Immerhin stehen Sie seit 25 Jahren vor der Kamera.
FANNING: Ich würde nie aufhören. Mir liegt das Spielen einfach im Blut, ich funktioniere nicht ohne. Bei Rachel ist es so, dass sie gerade eine kleine Krise durchmacht und ihre Beziehung zu Hollywood und Filmen hinterfragt: Sie ist ein riesiger Filmstar, aber weiß nicht, ob sie für die Dinge anerkannt wird, für die sie unbedingt anerkannt werden möchte. Das bringt ihre Beziehung zu Filmen etwas ins Schwanken.
Kennen Sie so etwas wie Zweifel?
FANNING: Nicht so, dass ich je erwogen hätte aufzuhören, dazu liebe ich es viel zu sehr. Aber es gibt schon Zeiten, in denen du dich entmutigt fühlst. Oder wenn du nicht die Rollen bekommst, die du willst. Oder du suchst nach etwas anderem, oder fühlst dich niedergeschlagen und bist nicht eins mit dir selbst. Das ist sicher in jedem Beruf so, aber ganz besonders ausgeprägt und auch wichtig in kreativen Jobs, denn Kreativität braucht auch Zeit, um zu wachsen. Du brauchst also hin und wieder eine kleine Auszeit, um Atem zu holen, und dann kommt plötzlich wieder ein Regisseur deines Weges und du denkst: „Wow, das hätte ich nie erwartet!“ Es ist ein kurvenreicher Weg. Ich habe das auch schon erlebt, klar, und ich werde es sicher auch noch ein paar Mal erleben.
Sie drehen „Predator: Badlands“ und diesen Kunstfilm, reisen von Norwegen nach Neuseeland, tragen ein selbst bemaltes T-Shirt und stehen gleichzeitig für Hollywood-Grandezza. Wie jonglieren Sie all das?
FANNING: Ja, es ist ein bisschen wie bei einem Puzzle, finde ich: Man muss viele unterschiedliche Dinge kombinieren, dann wird das Bild bunt und vollständig. Ich habe gerade zum zweiten Mal mit Nicole Kidman gedreht und diese Lady weiß wirklich, wie man jongliert! Sie ist ein Vorbild für mich, sie ist überall und macht alles auf einmal, zur gleichen Zeit.
Auch ein großer Filmstar zu sein und geerdet wie Sie zu bleiben, ist eher selten...
FANNING: Das liegt dann wohl am familiären Hintergrund und der Erziehung. Darum geht es mir: Nicht so durchgeknallt zu werden, dass man seine Liebsten vernachlässigt. So bewahrt man sich seine Bodenständigkeit. Ich habe dieses Jahr zum Beispiel meine Großmutter gebeten, mich nach Cannes zu begleiten, weil sie noch nie da war. Meine Mutter war ja schon bei der „Neon Demon“-Premiere hier, daher wollte ich dieses Mal meine Oma mitnehmen, zumal der Film um so etwas Persönliches wie Familie geht. Und nun ist sie hier! (lacht) Heute aßen wir am Strand zu Mittag, und heute Abend wollen wir ins Le Maschou, das Restaurant ist berühmt für seine riesigen Gemüse-Kreationen.
Sind Sie schon mal aus einem Projekt ausgestiegen, weil Sie plötzlich dachten, Sie seien nicht die Richtige dafür?
FANNING: Ich glaube nicht, dass ich je kneifen würde, wenn ein Dreh sich schon in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. Das wäre mir zu unangenehm. Was schon ein paarmal passiert ist, ist, dass ich aus Projekten „herausgewachsen“ bin, Filme, für die ich lange vorgesehen war, aber als es dann so weit war, passte es schon altersmäßig nicht mehr. Manchmal scheitert auch die Finanzierung oder es fühlt sich nicht mehr richtig an, dann höre ich auf meinen Instinkt. Oder mir gefällt eine andere Figur aus dem Drehbuch besser, für die ich gar nicht vorgesehen war. Das passiert schon mal.
Was hat für Sie selbst einen sentimentalen Wert?
FANNING: Es ist mir fast peinlich, aber ich habe ein Kuscheltier, einen Cockerspaniel, ein Thai-Beanie-Baby namens Jesse. Ich habe Jesse, seitdem ich sechs oder sieben war, und würde es auch heute noch ungern verlieren.
Zurück zum Film, konnten Sie sich mit der engen Beziehung der beiden Schwestern identifizieren, die im Mittelpunkt steht?
FANNING: Ja, und deren Innigkeit ist wunderschön beschrieben! Nun, bekanntlich habe ich eine Schwester, die vier Jahre älter ist als ich. Unsere Beziehung ist natürlich nicht identisch mit der im Film. Aber dennoch ist ein Gefüge richtig gut getroffen: das Gefühl, in einem Menschen einen Felsen zu haben, ein Zuhause. Und diese Zusammengehörigkeit kann ich genau nachempfinden.
Ist Ihre Schwester auch Ihr Felsen, nicht nur im Beruf?
FANNING: Ja! Unbedingt. Daher ging mir die Verbundenheit der Frauen sehr nahe. Der Moment, in dem die Schwestern auf dem Bett liegen und die eine fragt: ‚Warum bist du so geworden und ich ganz anders?‘ Und ihre Schwester antwortet: ‚Der Unterschied ist, dass ich immer dich hatte, die mich beschützte.‘ Ich kann es kaum erwarten, Dakota diese Szene zu erzählen, und ihr zu sagen: ‚Ich hatte zum Glück immer Dich.‘
Sie haben mal als jüngere Version Ihrer Schwester Dakota angefangen, als Zweijährige in „I am Sam“. Aber Sie haben noch nie zusammen gedreht, oder?
FANNING: Noch nicht. Wir haben lange versucht ein passendes Projekt zu finden, denn das wollten wir beide unbedingt. Bald ist es aber soweit...
Im Sommer wurde verkündet, dass Sie den Roman „The Nightingale“ von Kristin Hannah verfilmen wollen. Aber Sie sind sicher ausgebucht bis 2027, kommendes Jahr werden Sie auch als neue Effie Trinket in „Tribute von Panem“ debütieren...
FANNING: 2027? Nein, ganz so schlimm ist es nicht! (lacht)
Was hatte Sie an dem „Predator: Badlands“-Projekt gereizt? Darin hätte man Sie weniger vermutet.
FANNING: Genau das reizte mich, weil es total unerwartet kam. Ich wollte eine mutige Wahl treffen, die alle überrascht und mich selbst herausfordert, mal etwas völlig anderes zu tun, ein bisschen wie bei „Neon Demon“. Und ich war ein großer Fan von Trachtenberg‘s „Prey“, der etwas abseits der „Predator“-Franchises liegt. Dieser Dan Trachtenberg hat das „Predator“-Franchise wirklich wiederbelebt. Es ist auch eine ziemlich coole Franchise, gerade, wenn man an Arnold Schwarzenegger in dieser Liga zurückdenkt! Es ist ziemlich verrückt, auf eine gute Art und Weise. Aber es ist auch gewagt.
Es ist eine sehr physische Rolle. Mussten Sie monatelang im Fitnessstudio trainieren?
FANNING: Ich bin ein sehr physischer Mensch, ich bin recht durchtrainiert, ziemlich sportlich und habe viel Kraft. Das Training war daher nichts Zermürbendes oder Hartes. Wir haben ein paar Tage im Fitnessstudio verbracht, aber es war eher so, dass ich dachte: „Okay, ich zeig‘s euch!“
Zur Person:
Die US-Schauspielerin Elle Fanning stand schon als Kind vor der Kamera. Sie spielte in Serien wie „CSI: Miami“ und „Dr. House“ mit und übernahm im Alter von drei Jahren ihre erste Filmrolle „Ich bin Sam“. Als Nebendarstellerin war sie in „Babel“ und „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ zu sehen. In Sofia Coppolas „Die Verführten“ spielte sie an der Seite von Colin Farrell und Nicole Kidman. Ihre Schwester Dakota Fanning arbeitet ebenfalls als Schauspielerin. Nun ist die 27-Jährige im neuen Film „Sentimental Value“ des norwegischen Regisseurs Joachim Tier zu sehen.
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