Hier geht ein Lebenstraum in Erfüllung. Nicht nur, weil eine Autorin gleich in ihrem Debüt einen Riesenerfolg feiert – zuerst zu Hause in den USA, nun auch international in Übersetzungen und bereits unterwegs zum Hollywoodfilm, umgesetzt vom hippsten Studio der ganzen Branche, A24, mit Stars wie Saoirse Ronan und Austin Butler.
Es ist noch mehr als das, etwas zudem sehr Persönliches und Inhaltliches nämlich. Denn von dem Lebenstraum erzählt ja im Grunde auch das Buch selbst. Da antwortet die Ich-Erzählerin Percy auf die Frage eines Kommilitonen aus dem Aufbaustudiengang „Kreatives Schreiben“, warum sie in ihren Texten über Popmusik nicht ein bisschen mehr von sich selbst einbringe: „Das würde total ausufern.“ Und: „Ich würde kein Ende finden.“ Schließlich: „Das wäre ein ganzes Buch!“ Woraufhin eben jener auch ziemlich an ihr selbst interessierte Kollege antwortet: „Dann schreib halt ein ganzes Buch.“
Warum manche Popsongs berühren? Das weiß Holly Brickley fein zu beantworten
Genau das hat sie jetzt also getan, die Autorin Holly Brickley – und räumt damit gleich so ab, dass sie mit inzwischen 46 und zweifache Mutter nun womöglich mit ihrer Leidenschaft tatsächlich ihr Berufsleben bestreiten kann. Sie da mit ihrer Romanfigur gleichzustellen, legt sie im Übrigen selbst nahe, teilt sie selbst mit Percy nicht nur das Absolvieren jenes Studiengangs an der Columbia University, sondern auch das Absolvieren von Berkeley zuvor, die Beschäftigung als Trendscout danach – und vor allem ganz offensichtlich ihre größte Leidenschaft: von Popsongs berührt zu werden, und dann zu verstehen versuchen, wie und warum das funktioniert.
Tatsächlich versteht sich Holly Brickley/Percy darauf ziemlich eindrücklich. Das beweist sie hier im Fokus ihrer Erzählzeit vor allem an der Musik der Jahre 2000 bis 2008, zumeist hippe Indie-Songs, die keiner allzu großen Leserschaft geläufig sein dürften, aber auch schön begleitend zu entdecken sind: etwa von The Shins und Panda Bear, Joanna Newsom und Fiona Apple … Wie unweigerlich beim tieferen Verständnis des Pop werden aber auch deren Ahnen bespiegelt: The Beach Boys und Joni Mitchell, Fleetwood Mac und Leonard Cohen … „Deep Cuts“ heißt das Buch, tiefe Schnitte also, in denen sich Musik und Leben samt der jeweiligen Vergangenheit spiegeln. Hübsch. Bloß: Wie wird da ein Roman draus? Noch dazu einer, der eine möglichst breiteres Publikum anspricht als bloß Indie-Hipster der Nullerjahre?
Die Antwort darauf ist seit dem ersten großen Erfolg eines Pop(musik)romans im engeren Sinne mit Nick Hornbys „High Fidelity“ (dem Brickley auch eine Reverenz erweist): durch die Liebe. Denn ist die nicht eh auch Gegenstand vieler Songs und Anknüpfungspunkt fürs je eigene Berührtsein? Was sich jedenfalls wunderbar trifft: Der Liebesroman erlebt in einigen Schattierungen, zuallermeist von Autorinnen aktuell ja ohnehin als NewAdult und Romantasy eine wahre, serielle Bestsellerblüte.
Nicht nur die Hauptfigur ist ein Zeitgeist-Stereotyp
Aber ausgerechnet das fadenscheinigste Hit-Rezept hat sich Holly Brickley als roten Faden für ihren Roman gewählt. Die junge Percy ist also demnach eine Außenseiterin, einsam, dabei sehr klug und begabt – für Schulisches und Popmusikalisches jedenfalls, aber halt nicht fürs menschliche Miteinander. Erfahrungen in der Liebe und im Sex praktisch keine, und wenn, dann keine guten, das Verhältnis speziell zur Mutter ist eher schwierig. Und sie leidet an einer hochfunktionalen Depression, also hinter der Fassade, ist krank, aber niemand erkennt es. Doch dann geschieht es: „Ich hatte das traumähnliche Gefühl, mich etwas zu nähern, nach dem ich schon so lange suchte – eine Lücke, in die ich genau hineinpasste, verborgen in einem riesigen Puzzle.“
Und es geschieht mit Joe, der natürlich groß ist und dazu tolle dunkle Locken hat, eine etwas kantige, aber auch schön sehnige Art der Attraktivität, der freilich auch einen Schatten tief in seiner Seele trägt (hier: die Mama früh gestorben, der Papa darüber zum Säufer geworden), und der mies in der Uni ist, weil ihn eigentlich nur eines interessiert: Popmusik! Er schreibt an Songs, zu deren Verbesserung Percy manches einfällt, und will eine Band gründen, Sänger werden. Was alles perfekt wäre, hätte er nicht längst eine Freundin, ein cooles Duo, in der Uni schon eine eigene Marke: „Joey und Zoe, Fans von Bowie“. Bloß dass unter der Oberfläche alles gar nicht nur Glück ist zwischen den beiden. Denn fühlt sich Zoe nicht eher zu Frauen hingezogen? Und ist Joe(y) wirklich anders als diese ganzen toxischen Typen, die sich letztlich nur um ihre eigenen Bedürfnisse scheren? Der Reigen beginnt, und so weiter und so fort, als Songtext: La la la la la la la.
So innig und interessant Holly Brickley also über einzelne Songs und Pop im Allgemeinen zu schreiben versteht, so neoklischeehaft schreibt sie über diese und die Liebe im Allgemeinen. Und ertränkt alles noch Differenzierte, Lebendige, das in ein paar wenigen der nach Songs betitelten Kapitel abseits der Romanze noch zur Entfaltung kommt, in Bestsellersoße, gewürzt mit viel (behauptet wirkendem) Drama und ein bisschen Feminismus. Aber bitte, das Wunder wiederholt sich. Bei Ali Hazelwood etwa reicht das Rezept zu Verkaufsschlagern in Serie – und auch für Holly Brickley hat sich mit diesem Verrat ein Lebenstraum erfüllt. Herzlichen Glückwunsch!
Holly Brickley: Deep Cuts. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner, dtv, 384 Seiten, 23 Euro
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