Ein Gespenst geht um in der deutschen Pop- und Rapszene – und es trägt Bikini. Mal in Chrom, mal in Lack, grell Neongrün, je nach Laune eben. Es rappt von Party und Pillen, von wilden Orgien, vom „Dummgehen“ und Männer-an-die-Leine-Nehmen. In Songs wie Böser Junge klingt das dann so: „Schnauze halten, Leine an, Schatz, jetzt sind die Weiber dran.“ Zugegeben: Da runzelt man vielleicht erstmal mit der Augenbraue, vielleicht bildet sich sogar eine Zornesfalte. Aber immer mit der Ruhe.
Wer chronisch im Netz herumgeistert, weiß vermutlich, um wen es geht: Skandalrapperin Ikkimel. Seit ihrer EPAszendent Bitch erntet die Berlinerin in den sozialen Medien regelmäßig Hype, treue Anhängerinnen; Kritik und Shitstorms. Dabei ist die studierte Linguistin, die es mit ihrem Album in die Top 10 geschafft hat, kein Einzelphänomen. Immer mehr Gen-Z-Rapperinnen provozieren bewusst mit ihren Liedern, brechen Geschlechterklischees auf, verschieben die Grenzen des (Un)sagbaren – mit Songs, die Eltern die Schamesröte ins Gesicht treiben. Gemeinsam heben sie ein neues Subgenre aus der Taufe: den sogenannten „F*tzenrap“. Und der macht nicht nur mächtig Kasse, sondern trifft den digitalen Zeitgeist auf den Takt genau. Was ist da los?
Provokation als Prinzip der Popkultur
Klar: Sex als Provokation ist nicht neu. Madonna küsste Anfang der 2000er Britney und Christina und die halbe mediale Welt kippte kollektiv vom Sofa. Aber insbesondere im Rap, dieser jahrelang männlich dominierten Macho-Spielwiese, war Sex vor allem immer eines: einseitig. Männer gaben den Ton an, und je derber die Lines, desto mehr Applaus. Fler rappte „will keine Frauen, will Hoes – sie müssen blasen wie Pros“ und kaum einer zuckte. Und dann sind da diese unangenehmen Flashbacks: die Dorfpartys in einem kleinen, schwäbischen Kaff. Klebriger Boden, billig gemischte Drinks, aus der Anlage dröhnt Frauenarzt & Manny Marc. Die halbe Schule grölt zu dem Song Lass dich gehn – (fast!) alle fanden es witzig.
Heute sind die Frauen dran. Die Lieder, sie sollen mindestens genauso prollig, aber gespickt mit einer großen Prise Selbstironie sein. Und sie treffen wohl den Nerv der Zeit: Selbst wenn man mit dem Musikgenre wenig am Hut hat, an den Künstlerinnen kommt man in der virtuellen Welt, wo Provokation gut klickt, kaum vorbei: die Songs laufen in Videos, werden geteilt, geliked, endlos recycelt. Man kann sich jetzt an dieser Stelle berechtigterweise fragen: Muss sich weiblicher Rap wirklich an denselben Geschmacklosigkeiten bedienen wie das männliche Pendant? Nun … warum eigentlich nicht? Was Mann kann, kann Frau auch. Und außerdem liegt wohl genau darin für viele junge Fans und Künstlerinnen die Pointe.
Deutlich wird das an dem Wort, das nicht nur Ikkimels Albumtitel ziert, sondern auch zum Namensgeber dieses weiblich-vulgären Subgenres geworden ist. Jahrzehntelang war es im Rap der schnelle Griff ins Schimpfwortregal – billig, brachial, immer bereit, um Frauen kleinzumachen. Heute eignen sich Rapperinnen den Begriff offensiv an. Wenn sie sich selbst so bezeichnen, wird das Abwertende ins Gegenteil verkehrt: zur ironischen Selbstinszenierung, zur Feier der eigenen Stärke, zur Selbstermächtigung. Ihre Argumentation: Was ich mir selbst gebe, kann mir niemand mehr als Waffe entgegenhalten.
Es ist ein Selbstschutz ... Es würde sowieso jeder in die Kommentare schreiben. Wenn man es selbst macht, juckt es nicht mehr.
Juju, Teil des Hip-Hop-Duos SXTN
Ganz neu ist das Spiel nicht. Das Hip-Hop-Duo SXTN brachte mit Liedern wie F*tzen im Club das Wort in die Charts. In einem Interview erklärte Sängerin Juju: „Es ist ein Selbstschutz, würde ich sagen. Es würde sowieso jeder in die Kommentare schreiben. Wenn man es selbst macht, juckt das nicht mehr.“ Und geht man noch weiter zurück, finden sich auch bei den Millennials erste weibliche Aufstände im Rap – Tic Tac Toe in den 90ern, Lady Bitch Ray in den Nullerjahren –, nur eben nicht so dicht, zugespitzt und erfolgreich wie Ikkimel und Co.
Kritik gibt’s reichlich: Schon früher galt das Provokante als schlechtes Vorbild – nicht nur im Rap, man denke an Marilyn Manson oder an die Sex Pistols. Heute trifft derselbe Vorwurf die Rapperinnen. Dazu mischt sich eine zweite Stimme: die Sorge, dass hier alte Rollenbilder nur im neuen, weiblichen Outfit verkauft werden. Muss dieser feministische Rap aber vorbildlich sein? Oder reicht es nicht schon, dass er das, was in der virtuellen Welt heiß diskutiert wird, mit dem Vorschlaghammer hervorhebt: nämlich die Konflikte einer Gesellschaft, die sich gerade neu sortiert.
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