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Hans Zimmer: „In der Musik kann ich alles machen, was ich will“

Interview

Filmkomponist Hans Zimmer: „In der Musik kann ich alles machen, was ich will“

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    Hans Zimmer hat schon zwei Oscars gewonnen. Er hat Musik für über 150 Filme arrangiert, darunter „Dune“, „König der Löwen“ und die Fluch-der-Karibik-Reihe.
    Hans Zimmer hat schon zwei Oscars gewonnen. Er hat Musik für über 150 Filme arrangiert, darunter „Dune“, „König der Löwen“ und die Fluch-der-Karibik-Reihe. Foto: Britta Pedersen, dpa

    Herr Zimmer, Ihre Tochter Zoë sagt im Programmheft zu Ihrer Tournee „The Next Level“: „Mit 60 hat mein Vater beschlossen, Rockstar zu werden“. Was ist passiert?

    HANS ZIMMER: Naja, Rockstar, also… okay, das kam so, dass ich mit Pharrell Williams und Johnny Marr im Studio saß, wir hatten an dem Tag irgendwas geschrieben. Nun war es Abend, ich wollte eigentlich nach Hause gehen, alle anderen waren schon weg, und dann setzten sich die beiden ganz nah neben mich auf die Bank. So, dass ich nicht aufstehen konnte. Pharrell sagte: „Wir müssen mit dir sprechen, Hans. Du musst auf die Bühne. Du musst dem Publikum endlich in die Augen schauen und Musik live machen, in Echtzeit. Du kannst dich nicht immer hinter der Leinwand verstecken.“

    Was entgegneten Sie?

    ZIMMER: Ich sagte, nee, das kann ich nicht, ich habe Lampenfieber. Und dann sind Pharrell und Johnny so ein bisschen traurig aufgestanden. Johnny war zuerst zur Tür raus, und Pharrell war noch so halb im Raum, als er sagte „Ich trete dieses Jahr bei den Grammys auf. Warum spielst du nicht Gitarre für mich?“

    Das war bei der Grammy-Verleihung 2015. Ihr habt zusammen „Happy“ gespielt, auch Pianist Lang Lang war mit dabei.

    ZIMMER: Nur ein Idiot hätte zu diesem Angebot nein gesagt. Ich habe dann also bei den Grammys gespielt, und es hat Spaß gemacht.

    Seitdem treten Sie live auf und touren durch die Welt. Ihre aktuelle Konzertreise trägt den Titel „Hans Zimmer Live - The Next Level“. Andererseits gehen Sie aber jetzt verstärkt zurück zu Ihren Wurzeln, oder?

    ZIMMER: Den Namen der Tour habe ich mir nicht selbst ausgedacht (lacht). Weiß auch nicht, ich glaube, je älter ich werde, desto stärker verspüre ich in der Tat meine Rock ’n’ Roll-Wurzeln und desto lauter will ich Musik machen. Ich habe diese großartige Band, ich habe diesen fantastischen Chor, ich habe Musiker aus allen Teilen der Welt, eine wirklich unheimlich internationale Besetzung. Wir umspannen im wörtlichen Sinne den ganzen Globus, mit Musikerinnen und Musikern aus jedem Kontinent außer der Antarktis.

    Sie spielen Gitarre, Klavier und Synthesizer, sie laufen die Bühne auf und ab, Sie halten die Fäden dieser Show in der Hand. Ist es noch da, Ihr Lampenfieber?

    ZIMMER: Bei der ersten Show in Oberhausen haben mir ganz schön die Knie geschlottert. Ich war zu nervös, es gab auch ein paar menschliche Momente, aber im Laufe der Tour werden wir das alles hinkriegen.

    Filmmusik wird live oft so umgesetzt, dass man ein Orchester hat mit einem Dirigenten, und zur Musik werden die entsprechenden Filmsequenzen abgespielt. „Hans Zimmer Live“ ist anders, ein richtiges Konzert, mit Ihnen als Dirigent.

    ZIMMER: Ich wollte diese Tour elektronischer gestalten, mit mehr Rock ’n’ Roll, mit tiefen Bässen. Ich finde die Idee mit einem Dirigenten auch gar nicht so gut. Wenn du nicht gerade einen Karajan oder einen Bernstein hast, dann schaut das Publikum den ganzen Abend auf den Rücken eines Mannes, und das Orchester liest die Noten wie eine Zeitung am Sonntagmorgen. Ich wollte das immer anders machen. Und jetzt, mit der ganzen Technologie ist es einfacher geworden, ein Orchester auch ohne Dirigenten zu leiten. Ich mag die direkte Kommunikation mit dem Publikum. Wir auf der Bühne blicken den Menschen vor der Bühne in die Augen und umgekehrt. Auch die Filmszenen brauche ich nicht. Leute, wenn ihr euch die Filme anschauen möchtet, dann geht ins Kino!

    Sie sind in Frankfurt am Main zur Welt gekommen. Ihr erstes Instrument war das Klavier, oder?

    ZIMMER: Ja, aber ehrlichgesagt war es dumm, mich als Sechsjährigen zu fragen, ob ich einen Klavierlehrer möchte. Ich hörte als Kind immer schon Musik im Kopf. Und ich dachte, der Lehrer bringt mir bei, wie ich diese Kopfmusik unter die Finger kriege und verwirklichen kann. Das hat er natürlich nicht gemacht. Er wollte, dass ich anständig Mozart und so spielen lernte. Und da habe ich mich eben verweigert. Tue ich immer noch.

    Sie haben Deutschland früh verlassen, sind erst in der Schweiz und dann in England aufs Internat gegangen. Warum eigentlich?

    ZIMMER: Ich bin von acht, neun Schulen geflogen. Ich habe ein Problem gehabt mit der deutschen Autorität. Ach, mit Autorität habe ich überhaupt ein Problem.

    In London haben Sie sich dann mit Musikern angefreundet und etwa beim Buggles-Hit „Video Killed The Radio Star“ Synthesizer gespielt.

    ZIMMER: Als Deutscher musste ich - natürlich wegen Tangerine Dream und Kraftwerk - Synthesizer spielen, weil mich keiner in England an die Gitarre gelassen hätte. Ich weiß noch, wie wir uns in der Buggles-Zeit jeden Morgen hingesetzt und erstmal das Album „Die Mensch-Maschine“ von Kraftwerk gehört haben, die Buggles Trevor Horn, Geoff Downes und ich. Wir haben uns ganz gut verstanden, Anfang der Neunziger haben Trevor und ich dann ja auch zusammen den Soundtrack für „Toys“ gemacht.

    Ihr größtes Vorbild aber war Ennio Morricone. Was hat Sie an dem Maestro so begeistert?

    ZIMMER: Ennio war mein Held. Wie er bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ einfach die elektrische Gitarre benutzt hat, obschon es zu der Zeit noch gar keine elektrische Gitarre gab. Trotzdem hat seine Musik genau richtig zu dem Film gepasst. Das ist ja überhaupt auch das Schöne am Komponieren von Filmmusik: Es ist ein weit offenes Feld. Ich kann machen, was ich will.

    Haben Sie Morricone kennengelernt?

    ZIMMER: Wir haben 2015 zusammen das Beethovenhaus in Bonn besucht, Ennio, ich – und meine Mutter. Das war sehr wichtig, weil sie fließend Italienisch konnte und unsere Dolmetscherin war.

    Sie sagen, Filmmusik ist ein offenes Feld. Wie läuft das eigentlich ab, wenn Sie für einen Film schreiben?

    ZIMMER: Ich habe eigentlich selbst keine Ahnung, wie das Ganze funktioniert. Die spannendsten Momente sind immer die, wenn ich mir neue Musik ausdenke. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie Christopher Nolan zu mir kam mit der Idee für „Interstellar“. Ich schrieb daraufhin nur ein kleines Stück, und Chris meinte: „Das ist das Herz des Films“. Stilistisch bin ich sehr, sehr frei. Ich muss nicht einen bestimmten Stil beibehalten wie Rock- oder Popstars. In der Musik kann ich alles machen, was ich will und von dem ich denke, dass es zur Geschichte passt.

    Gibt es einen Soundtrack, der Ihnen am meisten bedeutet?

    ZIMMER: Nein, den habe ich noch nicht geschrieben. Der kommt noch.

    Für „Dune: Part One“ haben Sie 2022 einen Oscar gewonnen, für „Dune: Part Two“ 2025 einen Grammy.

    ZIMMER: Dune-Regisseur Denis Villeneuve und ich warteten zusammen auf ein Taxi, als er mich fragte, ob ich das Buch „Dune“ kennen würde. Ich sagte, klar, das hätte ich als Teenager gelesen. Ich glaube, dieser Teenager ist immer noch in mir. Mein Leben ist schön, weil ich spielen darf. Als kleiner Junge habe ich gespielt, und ich spiele immer noch. Ich bin noch kein Erwachsener geworden.

    Erwachsensein ist ja auch keine Frage des Alters.

    ZIMMER: Ich erinnere mich, wie ich noch im Bett lag und Ridley Scott mich anrief. Dabei weiß Ridley doch, dass ich morgens um 9 Uhr noch nicht wach bin (lacht). Er meinte: „Wie wäre es mit einem Gladiatorenfilm?“ Ich habe sofort angefangen zu lachen und stellte mir Männer in Röcken und so vor. Ridley versprach mir, dass „Gladiator“ nicht diese Art von Film sein würde. Gerade letzte Woche habe ich ihn gesehen. Es ist toll, was der Mann noch für eine Energie hat. Der Ridley ist unser wahrer Gladiator.

    Sie leben seit Ihrem Durchbruch 1989 mit dem Soundtrack zu „Rain Man“ in Los Angeles. Wie deutsch fühlen Sie sich noch?

    ZIMMER: Im Moment verbringe ich auch viel Zeit in England, aber es ist schon so, dass ich meine Heimat vermisse und mich ich immer freue, wenn ich hier bin. Ich komme immer wieder gerne nach Deutschland zurück. Es fällt mir schwer, fließend Deutsch zu sprechen, aber ich kann sehr gut auf Deutsch denken. Ich glaube, in meiner Musik gibt es auch immer so einen deutschen Akzent. Ich bin Deutscher. Meine Kultur ist deutsch. Ich habe einen deutschen Pass. Es ist der einzige Pass, den ich besitze.

    Dann stimmt es nicht, dass Sie auch amerikanischer Staatsbürger sind?

    ZIMMER: Nein, das bin ich nicht. Wer möchte denn schon amerikanischer Staatsbürger sein (lacht). Wahrscheinlich werde ich jetzt aus den USA rausgeschmissen, wenn ich das nächste Mal einreisen will.

    Sie sind seit zwei Jahren mit der Filmproduzentin Dina De Luca verlobt. Wann heiraten Sie denn?

    ZIMMER: In meinem Leben ist immer so viel los. Wir sind noch nicht dazu gekommen. Aber wir sind immer noch zusammen… und wie (lacht). Es gibt sogar ein Stück Musik, das ich nicht so gerne mag, ich verrate nicht, welches, aber sie liebt es. Und deshalb spielen wir es auf dieser Tournee auch jeden Abend. Nur wegen ihr. (lacht)

    Zur Person

    Hans Zimmer gehört zu Hollywoods bekanntesten Komponisten. Seit den 1980er-Jahren hat er Musik für über 150 Filme arrangiert, darunter „Dune“, die Fluch-der-Karibik-Reihe und die The-Dark-Knight-Trilogie. Zwei Oscars, drei Golden Globes und vier Grammys hat der gebürtige Frankfurter gewonnen. Schon als Teenager spielte er Keyboard, schrieb erste Werbemelodien und Radio-Jingles und machte sich als Komponist einen Namen in der Londoner Musikszene. Der Durchbruch gelang ihm 1989 mit der Filmmusik zu „Rain Man“. Oscar-Nominierung ohne akademische Ausbildung in Musik, schafft nicht jeder und seit seinem Arrangement zu „König der Löwen“ wird der 68-Jährige mit Aufträgen von berühmten Regisseuren nur so überhäuft. Gerade ist Zimmer auf Tour und spielt am 18. und 19. Oktober auch in der Münchner Olympiahalle.

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