Brandenburger Tor, 10. November 1989
„24 Stunden, bevor dieses Bild entstand, hätte keiner gedacht, dass es so ein Foto überhaupt geben kann. Selbst in Hollywood hatte sich das niemand vorgestellt, in keinem Drehbuch kam dieses Szenario vor. Ich bin damals gegen drei Uhr nachts angekommen, zusammen mit einem Freund, wir haben sein Auto irgendwo abgestellt und sind sofort hierher. Da stand noch niemand auf der Mauer. Erst in den Morgenstunden haben sich das die Ersten getraut. Dann aber wollten alle hinauf. Selbst jetzt bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mich an den Augenblick erinnere, an dem ich dann selbst oben stand, dank Räuberleiter, um von dort herunter zu fotografieren. Es war unfassbar. Diesen Moment der deutschen Geschichte erleben, das wollte ich unbedingt.
Ich habe damals Geschichte an der Universität Augsburg studiert und zugleich schon als Fotograf gearbeitet. Eigentlich hätte ich am Morgen des 10. November zu einem Termin für eine Zeitung in Bayern fahren sollen, den ich dann aber abgesagt habe. Dass ich damals intuitiv die richtige Entscheidung getroffen habe, macht mich immer noch glücklich.
Ich habe damals ein Graffiti fotografiert, da stand: „Wann baut ihr die Mauer wieder auf?“
Daniel Biskup, Fotograf
Was mich damals schon erstaunt hat: Wie schnell die erste große Euphorie in Berlin aber wieder verschwand. Nach wenigen Tagen ist der Alltag eingekehrt, die ersten Westberliner haben sich über die langen Schlangen in den grenznahen Supermärkten aufgeregt. Und die Taxifahrer aus dem Westen haben sich beklagt, dass ihnen die Kollegen aus dem Osten das Geschäft wegnehmen, weil die viel weniger verlangten. Nach einem halben Jahr habe ich damals ein Graffiti fotografiert, da stand: „Wann baut ihr die Mauer wieder auf?“ Würde man all die Bilder aus meinem Archiv wie eine Art Daumenkino abspielen, würde man Geschichte wie im Zeitraffer erleben: Das erste, gemeinsame Silvester 1989, Hunderttausende waren hier, Dutzende sind damals auf die Quadriga geklettert, das ist danach nie wieder passiert. Ich habe das auf einem Turm, der für die Live-Übertragung des DDR-Fernsehens aufgebaut wurde, miterlebt - dank eines freundlichen Kameramannes. Das hatte dann noch einmal eine wahnsinnige Symbolkraft.
Das Brandenburger Tor war danach immer eine Kulisse, die von unterschiedlichsten Menschen für ihre Anliegen genutzt wurden. Politiker, Demonstranten, Feiernden. Dieser Platz verspricht heute in Deutschland die größte Aufmerksamkeit, die man erhalten kann.“
Alexanderplatz, 4. November 1989
„Die Kundgebung am 4. November auf dem Alexanderplatz war die erste von der DDR genehmigte, nicht staatliche Demonstration. Beantragt worden war sie von Ostberliner Theatermachern. Ich bin an diesem Tag über die Friedrichstraße eingereist, und weil ich nicht offiziell als Fotograf akkreditiert war, habe ich mir zur Tarnung einen Blumenstrauß besorgt und behauptet, ich wolle eine Freundin besuchen. Vor mir in der Schlange stand der von der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann, der wollte auch zur Demo. Als er den Grenzern seinen westdeutschen Reisepass gab, ist erst mal für ein paar Minuten gar nichts passiert. Dann kam ein weiterer Grenzbeamter und sagte zu ihm: „Herr Biermann, Sie wissen doch, dass Sie hier eine unerwünschte Person sind.“ Das war fünf Tage vor dem Mauerfall und 26 Tage später hat er sein erstes Konzert in Leipzig gegeben.
Ich war mir damals nicht sicher, ob mich die Stasi vielleicht überwacht, und bin deswegen wirklich wie behauptet mit dem Blumenstrauß zu meiner ostdeutschen Bekannten gefahren, habe mit ihr noch einen Kaffee getrunken und bin erst dann zur Demo. Auf dem Bild sieht man die provisorische Bühne auf einem IFA W50-Lastwagen. Im Hintergrund den Schriftzug Reisebüro der DDR, daneben war die Interflug-Dependance, gegenüber - auf dem Bild nicht zu sehen - das Hochhaus Interhotel Stadt Berlin mit über 1000 Zimmern. Der Alexanderplatz war ja damals für die DDR so etwas wie eine Visitenkarte, das Schaufenster der Republik, da wollte der Staat seine ganze Weltläufigkeit zeigen. Und auf diesem Platz fand nun diese riesige Demonstration mit fast einer Million Teilnehmern statt, wurden Reformen und die Durchsetzung der Artikel 27 und 28, also der Rede-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, gefordert.
Statt „Wir sind das Volk“ riefen die Menschen nun „Wir sind ein Volk“.
Daniel Biskup, Fotograf
Nach dem Mauerfall haben sich die Demos in der ganzen DDR, also auch in Leipzig, Dresden oder Plauen, innerhalb kürzester Zeit komplett verändert. Bis zum 9. November waren vor allem Menschen aus der Bürgerrechtsbewegung, aus kirchlichen Kreisen und wie hier aus der Kulturszene auf den Straßen, nach dem Fall der Mauer blieben die dann oftmals zuhause. Statt der vorher skandierten Parole „Wir sind das Volk“ riefen die Menschen auf der Straße nun: „Wir sind ein Volk“. Auch die Plakate waren andere. Da stand nun „lieber Kohl als nichts zu essen“ und „Sofortige Wiedervereinigung“ oder „Tausche Luft und runden Tisch gegen Waigel und DM“. Alles, was damals auf den Straßen gefordert wurde, ist innerhalb von Wochen oder Monaten so gekommen. Heute logiert dort, wo einst das DDR-Reisebüro war, ein Secondhand-Laden - allein das sagt schon einiges über den Wandel dieses Platzes.“
Chausseestraße, 10. November 1989
„Die Chausseestraße war vor November 1989 ein normaler Grenzübergang, der von den West-Berlinern mit Visum genutzt worden ist. Ich bin am 10. November der Reihe nach alle Grenzübergänge abgefahren, um so viel wie möglich zu dokumentieren. Heute würde ich wahrscheinlich noch viel mehr Fotos machen, aber damals kostete ein Schwarz-Weiß-Film etwa sechs D-Mark, ein Diafilm zwölf D-Mark. Ich denke, zwischen dem Sommer 1989 und bis zum 3. Oktober 1990, also der Wiedervereinigung, habe ich etwa 600 Filme verbraucht. Alles, was ich mit meinen Fotos verdiente, habe ich sofort wieder reinvestiert, in Filme, Benzin und eine Unterkunft in Ost-Berlin bei einem alten Ehepaar. Wenn ich das Archiv sichte, entdecke ich auch immer wieder Motive, die im Nachhinein erst an Bedeutung gewonnen haben: Alltagsmotive, Straßenszenen, die die Städte und Dörfer im Osten im Wandel zeigen.
Die einen wollten raus, die anderen kamen vom Ausflug zurück.
Daniel Biskup, Fotograf
Für dieses Bild habe ich eine Position gesucht, von der aus ich die Menschenmengen und die riesigen Sperranlagen fotografieren konnte. Der Grenzübergang an der Chausseestraße war wie alle anderen nicht für einen solchen Massenansturm angelegt: Es gab Stau auf beiden Seiten. Die einen wollten raus, die anderen kamen vom Ausflug zurück. Hier auf dem Bild stehen die Westberliner brav Spalier, an anderen Grenzübergängen ging es anders zu, da wurde zur Begrüßung euphorisch auf die Trabis geklopft. Trabiklatschen, so hat man das damals genannt. Das ging ein oder zwei Tage lang, dann war das auch wieder vorbei. Ein, zwei Jahre später lagen die alten Trabis auf dem Schrottplatz – beispielsweise am ehemaligen Grenzübergang an der Bornholmer Straße. Die verstoßenen Autos waren für mich eine Art Symbol einer Zeitenwende: Bis zur Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 wurde hier alles recycelt, dann wurde die ehemalige DDR zum Wegwerfstaat.
Auch hier steht nun eine Stele, die an diese Tage im November 1989 erinnert – genau an einer Stelle, an der die Mauer verlief. Wenn man die Bilder vergleicht, sieht man, wie schnell die durch den Todesstreifen künstlich entstandene Fläche wieder von der Stadt zurückerobert worden ist. Wenn ich mich in etwa an die gleiche Position für das Bild stelle, fotografiere ich neben einer Tankstelle nur noch Neubauten.“
Bernauer Straße, 10. November 1989
„Die Bernauer Straße ist ein besonderer Ort, der wie kein Zweiter in Berlin die Teilung widergespiegelt hat. Die Grenze verlief direkt an den Häusern entlang, wer aus der Tür trat, war quasi im Westen. 1961, als die Mauer gebaut worden ist, sind hier die Menschen verzweifelt aus den Fenstern gesprungen, in die Sprungtücher der Westberliner Feuerwehr. Nach und nach sind nach den Türen auch alle Fenster zugemauert worden, die Häuser später abgerissen worden. Ich habe hier schon als 17-Jähriger Fotos von der Grenzanlage mit ihrem Stacheldraht und den Panzersperren gemacht.
Hier ist der Osten zum Westen geworden.
Daniel Biskup, Fotograf
Ein Jahrzehnt später, am 10. November, ist hier über Nacht ein provisorischer Grenzübergang geschaffen worden. Man hat einfach ein paar Mauerstücke weggerissen, die die Bernauer Straße zur Sackgasse gemacht hatten, und dann strömten die Massen in den Westen. Auf dem Bild sieht man die Mauerelemente, die man mit dem Kran damals zur Seite gehoben hat. Links sind die Menschen zu erkennen, die auf dem einstigen sogenannten Todesstreifen ihre Stippvisite in den Westen starten, rechts jene, die zurückkommen. Hundert Meter weiter hatte ein Supermarkt in diesen Tagen auch einen Lkw stehen, dort wurde an jeden Ostberliner eine Tafel Schokolade und ein Pfund Kaffee verteilt.
Stellt man sich heute an die gleiche Stelle, sieht man direkt in den Prenzlauer Berg, ein Stadtviertel, in dem sich die Bevölkerung komplett verändert hat. Die wenigsten Menschen, die hier leben, wohnten dort vor 35 Jahren. Hier ist der Osten zum Westen geworden. Das gilt aber nicht fürs übrige Berlin. Ich erlebe die Stadt nach wie vor als geteilt. Wer in Marzahn wohnt, fährt nicht zum Ku’damm, die meisten bleiben in ihrem Viertel. Hier in der Gedenkstätte Berliner Mauer findet sich übrigens eines der wenig erhaltenen Mauerstücke. Im Nachhinein wäre es meiner Ansicht nach besser gewesen, mehr von der Mauer stehenzulassen, als Mahnmal und um ein Verständnis für diesen wichtigen Abschnitt der deutschen Geschichte aufrechtzuerhalten.“
Potsdamer Platz, 14. November 1989
„Am 14. November habe ich hier am Potsdamer Platz Udo Lindenberg getroffen. Eine Zufallsbegegnung, ich wollte sogenannte Mauerspechte fotografieren, die Stücke aus der Mauer herausgeschlagen haben, für sich oder um sie zu verkaufen. Lindenberg stieg direkt vor mir aus dem Taxi. Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn fotografieren kann und habe ihn ein wenig begleitet. Er war etwa eine halbe Stunde da, hat Autogramme auf DDR-Pässe gegeben, dann ist ein Trabi gekommen: „Du bist doch Udo“, hat der Fahrer gesagt, „Komm, setzt dich rein, ich fahr‘ dich in den Westen“. Und dann ist Udo eingestiegen und war weg. Solche Szenen konnte man damals erleben und fotografieren: In diesen Tagen und Monaten lag in Berlin Geschichte auf der Straße. Um es mit Helmut Kohls Worten zu sagen: Der Mantel der Geschichte war greifbar.
Man wollte etwas nachholen, was man 40 Jahre nicht umsetzen konnte.
Daniel Biskup, Fotograf
Auf dem Foto sieht man links die Mauer, und im Hintergrund das Promiviertel der DDR, das damals noch nicht ganz fertig gebaut war. In den Luxusplattenbauten wohnten damals verdiente Kader wie Günter Schabowski oder Olympiasieger wie Katarina Witt - mit Blick auf den Todesstreifen, der hier am breitesten war. Die Brachflächen hier am Potsdamer Platz gab es noch für einige Jahre, bis er Mitte der 1990er zu Europas größter Baustelle wurde. Jetzt ist der Platz ein architektonisches Ergebnis seiner Zeit, mit ein wenig New York-Flair, so eine Art Mini-Manhattan. Ich denke, man wollte etwas nachholen, was man 40 Jahre nicht umsetzen konnte, weil man nicht die Fläche hatte.
Heute stehen hier auf dem ehemaligen Todesstreifen unter anderem die amerikanische Botschaft, der China Club, das Holocaust-Denkmal, dann kommen Landesvertretungen, Bürogebäude und so weiter. Auch die Stelle, von der aus ich damals dieses Foto aufnahm, ist zugebaut - wie auch die gesamte Blickachse. Und mittendrin momentan eine künstliche Winterwelt mit Rodelbahn und Weihnachtsmarkt. Es gibt wohl kaum einen anderen Ort in Berlin, der sein Gesicht so komplett verändert hat wie dieser.“
Zur Person
Der Augsburger Daniel Biskup ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Fotografen Deutschlands. Mit seiner Kamera begleitete er ab 1987 die Entwicklungen in der DDR, die Öffnung des Eisernen Vorhangs, den Mauerfall und die Wendejahre. Im Salz-und-Silber-Verlag sind von Biskup drei Bildbände über die Zeit des Umbruchs erschienen: „Perestroika bis Putin“, „Budapest-Berlin“, „Wendejahre“. Neu hinzu kommt in diesen Tagen „Spuren“. Für dieses Buch ist Daniel Biskup seit 2020 auf Spurensuche in der ehemaligen DDR unterwegs gewesen und zeigt, was die Menschen in Ostdeutschland an die Zeit vor 1989 erinnert: von alten Schriftzügen über Denkmäler bis hin zu DDR-Museen.
Dieser Artikel erschien zum ersten Mal im November 2024, 35 Jahre nach dem Mauerfall.
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