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Früher waren auf den Rock-Festivals alle gleich, heute spiegelt sich dort die Gesellschaft

Open-Air-Festivals

„Rock im Park“ und „Rock am Ring“: Wahn und Sinn von Festivals

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    Alle Jahre wieder in Nürnberg, so jetzt auch an diesem Wochenende: Das Open-Air-Festival "Rock im Park" ist eins der größten Musikfestivals in Deutschland.
    Alle Jahre wieder in Nürnberg, so jetzt auch an diesem Wochenende: Das Open-Air-Festival "Rock im Park" ist eins der größten Musikfestivals in Deutschland. Foto: Daniel Karmann, dpa

    Jedes Festival ist eine Insel. An diesem Wochenende etwa leben rund 80.000 Menschen am Nürnberger Dutzendteich und gut 90.000 am Nürburgring in der Eiffel auf ihrer jeweils eigenen. Denn beim größten deutschen Open-Air-Event, dem Zwilling aus „Rock im Park“ und „Rock am Ring“, treten zwar die gleichen Bands auf, es gelten im Grunde auch die gleichen Regeln – aber die hier wie dort versammelte, von Restgesellschaft und Alltagsleben isolierte Masse gebiert sich eben doch ihren je eigenen Ausnahmezustand.

    Wobei das nicht verwechselt werden sollte mit anarchischen Zuständen, die noch in der Geburtszeit der Festivals zur Hippiezeit geherrscht haben. Ja, es gibt reichlich Szenen einer eigentümlichen Freiheit mit wahnhaften Zügen. Zeltplätze, auf denen praktisch jeder Zentimeter besetzt ist, und dann trägt irgendeiner irgendeine Sitzgelegenheit hoch erhoben mittendurch und voran, eine Pilgerpolonaise hinter ihm, rufend: „Folgt dem Stuhl!“ Erwachsene Menschen, die bei Regen wie unbeaufsichtigte Kinder in Pfützen hüpfen und dann den entstehenden Schlamm für Matschrutschen nutzen. Bei Bullenhitze wiederum sind manche gruppenweise in Ganzkörperplüschkostümen unterwegs. Skulpturen aus leeren Bierdosen, die verteidigt werden gegen Pfandsammler (meist migrantischen). Erwachsene Menschen, die Windeln tragen, um sich frühzeitig Plätze zum Auftritt der Lieblingsband in den ersten Reihen sichern und ohne Zwang zum Dixie-Klo dort ausharren zu können. Und irgendwann in der Nacht kommt irgendwoher immer ein plötzlicher Ruf nach einer „Helga!“, weil vor inzwischen Jahrzehnten ein Verirrter auf einem Festival wohl so verzweifelt wie unablässig nach seiner Partnerin gesucht hat …

    Rock im Park und Rock am Ring mögen anmuten wie Fasching

    Das mag samt Rauschquote zuweilen anmuten wie Fasching, bloß bei besserer Musik – und hat mit diesem ja tatsächlich gemein, dass für begrenzte Zeit übliche gesellschaftliche Konventionen und auch die Disziplin der Alltagsexistenzen außer Kraft gesetzt scheinen. Aber das einzig wirklich anarchische Element bei den Festivals ist inzwischen das Wetter, dem ausgesetzt zu sein noch alle eint – von Hitzewellen über Kälteeinbrüche bis zu gefährlichen Gewitterfronten. Ansonsten nämlich ist alles durch viele und vor allem sehr viel Präsenz zeigende Sicherheitskräfte reguliert, ist alles ein genau kalkuliertes und höchst professionell organisiertes Milliardengeschäft in der Entertainmentbranche.

    Das macht es aber nur noch interessanter, was Zeit und Gesellschaft angeht, die sich darin spiegeln. Weil sich dadurch eben auch deren Wandel abzeichnet. Die großen Festivals nämlich sind längst zu einer sehr viel altersdurchmischteren Angelegenheit geworden, seit spätestens in den Neunzigern Pop- und Rockmusik generationenprägend geworden sind und damit auch die heutigen Eltern und teils auch schon Großeltern noch immer als Fans zu den Open-Air-Events pilgern. Auch diese vormaligen Freiräume der Jugend sind damit sinnbildlich unterwandert in einer Gesellschaft, die das (vor allem auch eigene) Altern am liebsten tilgen würde.

    Es gibt jedoch auch Unterschiede zwischen den älteren und jüngeren Besuchern

    Aber den 50-plus-Besucher unterscheidet in aller Regel doch noch mindestens zweierlei von dem mit Anfang 20: Drei Tage durchzufeiern ist selbst im Ausnahmezustand mit gereiftem Körper nicht mehr drin – dafür kann man sich als viele Jahre Berufstätiger jedoch etwas mehr leisten. Dieses veränderte und durchschnittlich zahlungskräftigere Publikum ermöglicht den Veranstaltern eine andere Preispolitik – die aber auch nötig ist, bei all den Auflagen, die sie zu erfüllen, und den Kosten, die sie zu stemmen haben, vor allem auch im umkämpften, weil begrenzten Markt an zugkräftigen Musikstars für die großen Bühnen.

    So haben sich auf den Festivalinseln eben nach und nach Klassengesellschaften gebildet. Neben den klassisch improvisierten Lagern auf dem Zeltplatz gibt es Luxus-Camping-Angebote, gibt es Burgen aus Wohnmobilen, wo man sich die eigene Eismaschine für die Lieblingsdrinks und die eigenen Sanitäranlagen zur Vermeidung der Massen-Dixie- und Dusch-Stationen gönnt. Allein das einfache Wochenend-Ticket für den Normal-Zeltplatz kostet bei „Rock im Park“ inzwischen 361 Euro. Für ein „Upgrade“ mit reserviertem Parkplatz, Einlass über den VIP-Eingang, Verkostung und auch leichterem Einlass in die vordersten Reihen an der Hauptbühne schlagen zudem 440 Euro zu Buche.

    Noch aber strömen ja auch die Kids. Park und Ring sind für die diesjährige Ausgabe jedenfalls in Rekordzeit ausverkauft gewesen. Aus dem einst relativ homogenen Happening einer (sonst irgendwie nur im Jugendzimmer erträumten) Gegengesellschaft ist ein ziemlich heterogener Abenteuerkurzurlaub geworden. Aber wenn’s doch Spaß macht. Und solange es sich so viele leisten können. Nur so kann die Festivallandschaft wohl überleben. So ist es auf den Inseln letztlich wie im Land, wie in der Wirklichkeit da draußen.

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