Noch liegt das Jahr 2026 vor einem, fast noch ganz weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, um eine leicht vergilbte Metapher zu nutzen. Aber ist das ein reines Weiß? Mischt sich da nicht noch ein anderer Ton hinein, etwas Warmes, Zartes, Graues, ein wolkiges Licht, ein hoffnungsmachender Schimmer? Das mag jetzt alles ein wenig verschwurbelt klingen, aber wenn es um Farben geht, muss man auch mal dicker auftragen. Eine Kunst, die das Pantone Color Institute perfekt beherrscht. Für 2026 hat das Institut den Ton Pantone 11-4201 mit dem verheißungsvollen Namen „Cloud Dancer“ zur Farbe des Jahres gewählt und die Entscheidung mit passenden wolkigen Worten begründet.
Die Farbe stehe sinnbildlich für Leichtigkeit, Ausgleich und einen bewussten Neuanfang. „Der Lärm um uns herum ist mittlerweile so überwältigend, dass es immer schwieriger wird, die Stimme unseres inneren Selbst zu hören. Cloud Dancer wirkt wie ein bewusstes Bekenntnis zur Simplizität, schärft unsere Aufmerksamkeit und befreit uns von ablenkenden äußeren Einflüssen.“ Die luftige Präsenz des edlen Weiß, ein Hauch von Ruhe und Frieden in einer lauten Welt.
Wobei jedem Neuanfang ein Zweifel inne ist: Ist das eine kluge Wahl? Seit der Verkündung von Pantone wird diskutiert, ob hinter dem leicht gräulichen Weiß nicht auch ein politisches Statement steckt. Schon auffällig sei die Wahl jedenfalls in einem Jahr, in dem Diversitätsprogramme abgeschafft werden, merkt Stylereporterin Carrie Holterman in der New York Times an und zeigt sich grundsätzlich enttäuscht: Sie fühle sich an die Farbe von Hüttenkäse und Zahnseide erinnert, sowie an Lebensmittel, die sie isst, wenn sie Bauchschmerzen habe. Das Urteil: „Etwas geschmacklos.“ Eine elitäre Wahl, merkt auch Kollege Jacob Gallagher an: Weiß habe man einst getragen, um Reichtum zu signalisieren. Seht her, ich kann es mir leisten, saubere Kleidung zu tragen, kein bisschen Schmutz an mir. Vielleicht sei das Ganze also auch nur „ein Vorbote für ein großartiges Jahr für Fleckenentferner.“
Mit dem Kombitalent Weiß kann man kaum etwas falsch machen
Solche Deutungsversuche weist man bei Pantone strikt zurück. Hauttöne würden keinerlei Rolle spielen, bei „Cloud Dancer“ ebenso wenig wie bei „Mocha Mousse“, der Trendfarbe des vergangenen Jahres. Bei der Wahl ginge es darum, was Menschen eigentlich suchen und welche Farbe darauf eine Antwort hat. Die globale Gefühlslage eben. Im nächsten Jahr wollen die Menschen demnach vor allem sich in ihren Wolkenkuckucksheimen mal ein bisschen entspannen. Still reflektieren, andere nennen es Eskapismus!
Und alles, was man für den neuen Trend braucht, ist ja schon wundersamerweise da: in den Schaufenstern, den Einrichtungshäusern, auf den Shoppingportalen. Die Mode-Suchmaschine Tagwalk verzeichnete sofort einen Anstieg von 156 Prozent an weißen Komplett-Looks in den Sommer-Kollektionen.
Ist das also die Farbe, die man sich für ein Jahr wünscht, die passt? Die meisten Menschen tun sich ja schon bei der Wahl vor dem Kleiderschrank schwer. Curryfarbenes Hemd zu blauem Sakko? Oranges Kleid mit rotem Schuh? Oder doch ganz klassisch eben irgendetwas in seriösem blau, weltweit Nummer eins der Lieblingsfarben. Dazu passt „Cloud Dancer“ als heller Kontrast natürlich perfekt! Wobei man mit dem Kombitalent Weiß – für Johann Wolfgang von Goethe die Mutter aller Farben – modisch ohnehin kaum etwas falsch machen kann, schön, wenn das fürs ganze Jahr gälte. Klingt unkompliziert. Aber auch ein wenig hüttenkäsig langweilig.
Lektüre zum Trend? „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ zum Beispiel
Bleibt die Frage: Gibt es da auch Bücher? Was lesen zum Trend? Vielleicht „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, so heißt ein Roman von Ottessa Moshfegh, in der eine nicht gerade sympathische Heldin sich genau nach so einer „Cloud-Dancer“-Zeit sehnt, nach einem wolkig-weißen Nichts, in das sie sich betten und der ganzen Welt den Rücken kehren kann. Gelingt dann aber selbst mit Tabletten nicht. Und noch ein Roman, der zur Farbe passt. „Air“ von Christian Kracht, da reist der Architekt Paul nach Norwegen, um dort ein riesiges Rechenzentrum im perfekten Weiß zu gestalten. „Nicht zu beige, nicht zu eierschalenfarben, nicht zu blaukalt wie Schneeweiß“. Ein Magnetsturm kommt dann dem Unterfangen in die Quere, der Mann verschwindet in einer anderen Sphäre … Beide Lektüren sind jedenfalls eher beunruhigend. Denn natürlich bräuchte man die Menschen ja hier, im grauen Alltag – passende Farbe vielleicht „Cumulus Cloud“.
In der New York Times wünscht sich Carrie Holterman dann auch das wilde Magenta von 2023 zurück. Eine verrückte Wahl, „aber zumindest war es eine Entscheidung.“ „Cloud Dancer“ hingegen wirke zurückhaltend, unentschieden. „Was natürlich auch eine Art von Aussage ist.“ In der Mode gibt es den Begriff des Dopamin-Dressings, wer Buntes trägt, sendet unbewusst Offenheit und Lebensfreude aus und stimuliert die Produktion des Glückshormons, schreibt Farbforscher Axel Buether in „Das große Buch der Farbpsychologie“. Besonders wirksam: Sonnengelb, Rubinrot, Smaragdgrün und Himmelblau. So ein Jahr würde man sich aber doch wünschen. Mit ein paar Klecksen Weiß …
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