Um den Anforderungen des Lebens, der Arbeit oder des Studiums gerecht zu werden, greifen viele auf ChatGPT zurück. Für jede Frage, jeden Text oder als Anreiz für Ideen kann die Künstliche Intelligenz verwendet werden. Die Grenze zwischen dem, was vom Chatbot stammt und dem eigenen Verdienst, scheint immer mehr zu verschwimmen. Da ist das Gefühl von Betrug quasi vorprogrammiert. Oder wie eine Freundin neulich sagte: „Eigentlich studiert ChatGPT und nicht ich.“
Natürlich studiert sie, lernt und büffelt – und nutzt die KI nur als Hilfe. Trotzdem hat sie das Gefühl, immer weniger selbst zu leisten. Dieses Empfinden ist nicht neu, wird aber durch ChatGPT verstärkt. Schon 1978 benannten zwei amerikanische Psychologinnen den Gefühlszustand als „Imposter Syndrome.“
Viele mit dem Hochstapler-Syndrom wissen nicht, ob sie wirklich gut in dem sind, was sie tun, oder nur so tun als ob. Die Angst davor, als Betrüger entlarvt zu werden, ist für die Betroffenen allgegenwärtig. So denken sie zum Beispiel, dass es mehr Glück war, den Doktortitel zu erlangen und schon gar nicht verdient.
Auch Schauspielerin Maryl Streep fühlt sich manchmal wie eine Hochstaplerin
Laut einer Studie sind besonders Frauen vom Syndrom betroffen. So auch Maryl Streep, die in einem Interview sagte, sie wisse eigentlich nicht, wie man richtig schauspielert – und das als Rekordhalterin mit 21 Oscar-Nominierungen in der Kategorie beste Hauptdarstellerin. Aber es reicht schon aus, im Hörsaal vor einem Professor zu sitzen, der eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist, um sich unfähig zu fühlen. Und wenn es nicht der Dozent ist, dann der Überflieger-Sitznachbar, der schon fest eingeplant hat, nach dem Master noch zu promovieren.
Warum Frauen häufiger vom Imposter-Syndrom betroffen sind, liegt unter anderem daran, dass sie schon früh in selbstkritischem Denken erzogen werden, während Männer tendenziell in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt werden. Ein Faktor, der auf beiden Geschlechtern lastet: Druck von außen. Man will an den Erfolg der Eltern anschließen, den Anforderungen des Umfelds gerecht werden. Wer aus einer Familie ohne akademischen Hintergrund kommt und als Erster ein Studium beginnt, kann sich an der Uni schnell fehl am Platz fühlen. Der innere Kritiker wird laut, man fühlt sich unfähig, wie ein Hochstapler eben.
Wenn der Chatbot Segen und Fluch zugleich ist
Die Nutzung von KI kann dieses Gefühl noch verstärken. Dabei ist es nicht verwerflich, ChatGPT als Inspiration zu nutzen. Wenn man aber die KI fragt, was man heute einkaufen soll, ob man sich vom Partner trennen sollte oder ob sie nicht gleich die ganze Hausarbeit schreiben könnte, verschiebt sich der Fokus tatsächlich vom eigenen Lernen und Denken hin zu einer passiven Nutzung von Informationen. Klar, die Versuchung ist groß, schließlich liefert ChatGPT innerhalb von Sekunden Ergebnisse. Mit dieser Geschwindigkeit macht der Chatbot den Menschen Druck, dabei ist er auch nicht unfehlbar.
Der Unterschied besteht darin, ob man die KI mal schnell etwas fragt, als Themenfindungshilfe oder Korrekturleser verwendet oder die ganze Arbeit von ihm erstellen lässt. So schreibt ein Nutzer auf der Plattform Reddit, mithilfe von ChatGPT 90 Prozent seiner Arbeit erstellt zu haben. Zu Recht fragt sich der Nutzer, ob er allein genauso viel geschafft hätte. So verführerisch es ist, in wenigen Minuten eine Hausarbeit erstellen zu lassen, die auf den ersten Blick auch noch fehlerfrei und kohärent wirkt, ist es doch Betrug.
Auch früher wurde geschummelt. Jeder, der schon einmal in der Schule die Hausaufgaben eines Mitschülers abgeschrieben hat, kennt das Gefühl, wenn man im Unterricht plötzlich aufgerufen wird und erklären muss, wie man die Aufgabe gelöst hat. In diesem Moment fühlt man sich ertappt - und zurecht wie ein Betrüger.
Was hilft gegen das Imposter-Syndrom?
Was aber, wenn man selbst lernt und viel leistet und sich trotzdem ständig wie ein Hochstapler fühlt? Je nach Ursache des Imposter-Syndroms reichen die Strategien zur Überwindung von Therapie bis zu Affirmationen. Man kann sich gut zureden, positive Sätze wie „Ich bin kein Betrüger, ich tu‘ nur so“ oder „Ich habe die Anerkennung verdient, denn ich habe hart dafür gearbeitet“ immer wieder vorsagen.
Hilfreich ist auch, Freunde oder Kollegen um sich zu haben, die einen bestätigen und die kritische Stimme im Kopf für einen Augenblick verstummen lassen. Man sollte sich auch einfach eingestehen, dass Fehler und Unsicherheiten menschlich und auch gut sind. Denn aus Fehlern kann man lernen, sich weiterentwickeln und Kompetenz erwerben. Künstliche Intelligenz, wie ChatGPT, führt schnell zu einem scheinbar perfekten Ergebnis – der Nutzer betrügt sich damit aber nur um den eigenen Lernprozess.
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