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Interview: Kiefer Sutherland: "Ich habe keinen Bock mehr auf Ärger"

Interview

Kiefer Sutherland: "Ich habe keinen Bock mehr auf Ärger"

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    Hollywood-Star Kiefer Sutherland hat gerade ein neues Album herausgebracht. Die Songs: überraschend positiv!
    Hollywood-Star Kiefer Sutherland hat gerade ein neues Album herausgebracht. Die Songs: überraschend positiv! Foto: Jörg Carstensen, dpa

    Kiefer, welche Erinnerungen haben Sie an die Bloor Street, eine der Haupteinkaufsstraßen in Toronto

    Kiefer Sutherland: Auf der Bloor Street habe ich meine halbe Kindheit verbracht. Ich bin mit meinem besten Kumpel fast jeden Tag mit der U-Bahn ins Stadtzentrum gefahren, wir guckten uns die tollen Instrumente in den Musikläden an, trafen andere Kids und überlegten, mit welchem Unsinn wir den Nachmittag verbringen könnten.

    Waren Sie auch als Erwachsener noch häufiger dort?

    Sutherland: Ja. Als ich bis vor einigen Jahren in Toronto die Serie „Designated Survivor“ drehte, bin ich ab und zu die Bloor Street entlanggelaufen. Die Erinnerungen kamen hoch, und die meisten waren wunderbar. Ich hatte in dieser Straße meinen ersten Job in einem Schnellrestaurant, ich küsste mein erstes Mädchen, erstand mein erstes Marihuana. Und meine erste Gitarre habe ich natürlich auch dort gekauft.

    Haben Sie die noch?

    Sutherland: Nein. Die Gitarre war nicht besonders gut, irgendwann kaputt, aber als Zehnjährigem bedeutete sie mir mein Leben. Ich spielte als Kind Violine, und als ich sieben war, sagte ich meiner Mutter, dass ich lieber Gitarre lernen möchte. Wir schlossen einen Kompromiss: Sie sagte: „Wenn du Geige spielst, bis du zehn bist, dann schenke ich dir eine akustische Gitarre.“ Später fing ich an, Gitarren zu sammeln. Mein Rekord waren 105 Stück. Mittlerweile habe ich aber nur noch knapp 20. Es bringt nichts, eine Gitarre zu besitzen, wenn du sie nie spielst.

    Was hat die Gitarre einer Geige voraus?

    Sutherland: Ich war vier, als ich mit der Geige anfing. Ich hatte Respekt vor dem Instrument, aber keine besonders enge Bindung. Mit der Gitarre war das von Beginn an komplett anders. Die Gitarre ist mein bester Freund. Immer wenn ich mich von einem Mädchen trennte oder das Mädchen sich von mir, hat mir meine Gitarre geholfen, mich weniger allein zu fühlen.

    „Bloor Street“ ist Ihr drittes Album. Wann wurde aus dieser Freundschaft Ihr zweites berufliches Standbein?

    Sutherland: Richtig eng wurde die Beziehung, als ich neun Jahre lang „24“ drehte. Die Serie war ein Vollzeitjob, doch natürlich gab es am Set auch sehr viel Leerlauf. Was mich bei Laune und klarem Verstand hielt, war wieder meine Gitarre. Während „24“ begann ich, Songs zu schreiben. Und irgendwann nahm ich sie aus einer Laune heraus auf.

    Es ist vielleicht ein Klischee, aber unter einem Jungen, der Geige spielt, stellt man sich ein braves Kind vor. Und keinen wilden Burschen wie Sie.

    Sutherland: Du hast recht, durchgeknallte Momente und Eskapaden sind nicht fremd für mich. Ich bin ein Bursche, der Ärger und Abenteuer angezogen hat. Andererseits konnte ich mich noch so sehr besaufen oder sonst wie schlecht benehmen – bei der Arbeit war ich immer pünktlich, diszipliniert und zu hundert Prozent verlässlich. Tatsächlich hat mir die Violine, als ich klein war, sich meine Eltern getrennt hatten und alles irgendwie unsicher war, eine gewisse Struktur gegeben. Und später, mit 13, kam ich aufs St. Andrew’s College in Toronto, eine Militärschule. Ich schlug mich dort erstaunlich gut. Ich denke, wir Menschen sind komplizierte und widersprüchliche Wesen.

    Kiefer Sutherland bei einem Konzert in Frankfurt am Main.
    Kiefer Sutherland bei einem Konzert in Frankfurt am Main. Foto: Andreas Arnold, dpa

    Hat Ihnen die Zeit auf der Militärschule was gebracht für die Geheimagentenrolle als Jack Bauer in „24“?

    Sutherland: Disziplin war alles an dieser Schule. Sie ist ein Internat, ich lebte dort also auch. Vor allem lernte ich, hart zu arbeiten. Und mein Durchhaltevermögen zu stärken. Ich war in der 8. und 9. Klasse dort, drei Jahre später, mit 17, drehte ich schon „Stand By Me“. Plötzlich musste ich mich in einer Erwachsenenwelt behaupten. Und da half der Drill sehr. So etwas lernst du als Kind nicht von selbst.

    Trotzdem haben Sie keinen Schulabschluss.

    Sutherland: Ein Fehler und vielleicht die eine Sache, die ich wirklich bereue. Ich hatte plötzlich eine Karriere, und das Filmemachen war einfach verlockender und cooler.

    Sonst bereuen Sie nichts?

    Sutherland: Nö, echt nicht. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ein paar wirklich unglaublich dumme Dinge in meinem Leben gemacht habe.

    Zum Beispiel haben Sie sich wiederholt beim Autofahren unter Alkoholeinfluss erwischen lassen und mussten 2007 deshalb ins Gefängnis.

    Sutherland: Knapp zwei Monate habe ich absitzen müssen, ja. Eine glanzvolle Aktion war das nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus Triumphen. Ich war kein besonders reifer oder reflektierter junger Mann. Und keine Frage, ein Gefängnisaufenthalt ist kein klassischer Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Schon gar nicht mit Anfang 40. Aber hey, es ist passiert.

    Haben Sie die wilde Seite inzwischen etwas gezähmt?

    Sutherland: Einer der wundervollen Nebeneffekte des Älterwerdens ist der, dass krasse und wilde Ausschweifungen allmählich langweilig werden. Ich bin immer noch gerne unterwegs, ich mag meinen Whiskey und, mein Gott, ich liebe lange Nächte in irgendwelchen Spelunken mit guten Freunden. Aber ich habe keinen Bock mehr auf Ärger, und irgendwann wurde ein „Alter, das ist eine echt gute Idee“ zu einem „Vielleicht sollten wir das lieber sein lassen“ (lacht). Man erinnert sich halt an schlechte Entscheidungen und reift mit der Zeit.

    Der Schauspieler Kiefer Sutherland bereut eine Sache besonders in seinem Leben.
    Der Schauspieler Kiefer Sutherland bereut eine Sache besonders in seinem Leben. Foto: Sebastien Nogier, dpa

    Wegen Corona mussten wir uns alle zwei Jahre lang ziemlich zurückhalten. Haben Sie viel verpasst

    Sutherland: Was ich am meisten vermisst hatte, war meine Arbeit. Ich habe meine Band seit einem Jahr nicht gesehen, gerade mussten wir unsere Tournee schon wieder verschieben. Im Mai werde ich immerhin mit den Dreharbeiten zu einer neuen Thriller-Serie beginnen. Glücklicherweise war ich nicht von meinen liebsten Menschen getrennt. Ich habe die Zeit in Los Angeles verbracht und konnte alle sehen, meine Töchter, meine zwei Enkelsöhne, die jetzt schon Teenager sind, auch meinen Vater. Stell’ dir vor, ich bin seit 18 Jahren Opa. Das ist wahnsinnig cool.

    Die neuen Songs wie „So Full Of Love“ klingen recht hell und positiv. Wollten Sie der trüben Gesamtsituation etwas entgegensetzen?

    Sutherland: Ich gestehe, ich bin selbst verwundert, dass ich ausgerechnet während einer Pandemie die positivsten Songs meines Lebens geschrieben habe. Ich tendiere normalerweise zu eher zynischen und sarkastischen Texten, aber diese hier sind wirklich sehr hoffnungsvoll. Ich denke, der Grund ist mein nostalgischer Rückblick auf das bisherige Leben. Ich habe realisiert, wie glücklich und wie dankbar ich sein kann. Ich habe bis hierher ein echt tolles Leben gehabt.

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