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Interview mit Pepe Lienhard: Ehemaliger Bandleader von Udo Jürgens noch immer auf Tour

Interview

„Respekt und Anstand waren Udo Jürgens sehr wichtig. Würde er heute noch leben, fände er vieles nicht so lustig.“

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    37 Jahre lang stand Pepe Lienhard als Bandleader mit dem Schlagerstar auf der Bühne. Nun führt er sein musikalisches Erbe mit der Tour „Da Capo Udo Jürgens“ weiter.
    37 Jahre lang stand Pepe Lienhard als Bandleader mit dem Schlagerstar auf der Bühne. Nun führt er sein musikalisches Erbe mit der Tour „Da Capo Udo Jürgens“ weiter. Foto: Da Capo Udo Jürgens

    Pepe Lienhard, Sie leben ja wirklich in einem Idyll.

    PEPE LIENHARD: Wir sind jetzt seit vierzehn Jahren hier und haben es noch keinen Tag bereut. So ein großes Haus mit Garten und einer Scheune, die ich mir zum Arbeitsplatz umgebaut habe, wäre in Zürich unbezahlbar gewesen. Frauenfeld ist unsere Heimat geworden. Das ist hier im besten Sinne eine Kleinstadt. Man kennt sich, man duzt sich, man kann aufeinander zählen. Und Platz genug für ein paar Volieren habe ich auch noch.

    Früher, als Sie noch im Tessin lebten, hatten Sie einen ganzen Zoo, oder?

    LIENHARD: Kann man sagen, ja. Das war in den Achtzigern, bevor ich Vater wurde. Ich hatte Flamingos, Kängurus, Tukane, Rhinozerosvögel und vieles mehr. Aber heute besitze ich keine tropischen Vögel mehr. Wenn ich die sehen will, fahre ich nach Costa Rica, mein absolutes Lieblingsreiseland.

    So richtig viel Zeit für Urlaub haben Sie aber nicht.

    LIENHARD: Das stimmt, ich bin sehr beschäftigt. Jedes Konzert ist anders, das ist das Schöne an meinem Beruf. Auch nach so vielen Jahren kommt bei mir keine Routine auf.

    Was ist das Besondere für Sie an der „Da Capo Udo Jürgens Tournee“?

    LIENHARD: Dass wir Udo wieder aufleben lassen können. Für uns war das Kapitel irgendwie abgeschlossen. Wir haben 37 Jahre mit ihm gespielt. Das war eine unfassbare Zeit, eine wunderschöne Zeit – auch, weil ich immer den Traum hatte von der großen Band. Und das war halt wirklich nur möglich dank Udo, der ein Riesenstar ist und Udo, sich auch immer diese Band geleistet hat.

    Eine Big Band ist kein Schnäppchen.

    LIENHARD: Nein. Es gab gewiss mal Zweifel so nach der Devise „Brauchen wir so eine große Band, brauchen wir wirklich drei Posaunen?“ Aber nie von Udo, sondern von den Leuten, die auf das Geschäftliche schauen. Und Udo hat gesagt: Pepe entscheidet, was er sagt, wird gemacht. Diese Unterstützung ist nicht selbstverständlich, denn auch für ihn wäre mehr rausgekommen, wenn wir eine billigere Band gehabt hätten. Das war eine wirklich glückliche Fügung, dass wir da zusammengekommen sind. Das hat mir alle meine Träume möglich gemacht und so gesehen bin ich Udo persönlich auch unglaublich dankbar. Die Zeit mit ihm war super.

    Wie fühlt es sich an, nun wieder neben Udo Jürgens auf der Bühne zu stehen?

    LIENHARD: Dass wir das jetzt nach zehn Jahren nochmal erleben dürfen, ist sensationell. Wir haben natürlich immer von Udo gesprochen, das ist ja klar nach so vielen gemeinsamen Jahren. Seit er nicht mehr lebt, habe ich auch auf meinen Konzerten mit meiner Big Band immer Udo-Titel gespielt. Vorher nie. Aber ich habe nie mit einem Udo-Imitator gearbeitet, das wollte ich nicht. Wir haben die Titel auf unsere Art mit der Big Band bearbeitet. Wir haben Udos Musik gewürdigt und lebendig gehalten. Aber, dass wir jetzt mit Udo selber nochmal wieder dank Da Capo spielen können, ist schon sehr emotional. Vor allem am Anfang. Inzwischen breche ich nicht mehr jedes Mal in Tränen aus, wenn Udo auf der Leinwand erscheint.

    An welchen Stellen kommt denn auch jetzt noch vielleicht mal ein Tränchen?

    LIENHARD: Zum Beispiel beim Lied „Der Gekaufte Drachen“, das von einem Sohn handelt, dessen Vater viel arbeitet und nicht immer zuhause ist. Es soll ja auch emotional sein. Wir spielen diese Show jetzt seit zwei Jahren. Die Fans waren am Anfang skeptisch. Aussagen wie „Wir wissen nicht, ob wir das sehen wollen, ob das nicht unsere Erinnerung zerstört oder schmälert“, kamen nicht selten. Und jetzt sind alle total begeistert. Die Leute vergessen während der Show wirklich, dass Udo nicht mehr lebt. Das ist schon sehr ergreifend. Es ist ja auch keine dieser Phantom-Shows wie bei Abba, mit den Avataren und so. Das ist schon was anderes. Das würde ich jetzt komisch finden, wenn Udo als Avatar da irgendwie plötzlich wieder so dreidimensional auf der Bühne rumspazieren würde. Man weiß bei uns, die Aufnahmen sind aus den Konzerten 2014, 2012 oder sogar original vom Grand Prix Eurovision de la Chanson. Wir spielen heute live dazu. Das ist eine ehrliche Sache.

    Wie war sie überhaupt, die Arbeit mit Udo Jürgens?

    PEPE LIENHARD: Sie konnte fordernd und anstrengend sein. Udo war streng gegenüber seiner Mannschaft, aber am strengsten gegenüber sich selbst. Udo hat sich nie, nie ausgeruht. Selbst bei den langen Tourneen mit bis zu 150 Konzerten nicht. Da hat er am letzten Konzert noch was geändert. Man konnte nie auf Autopiloten schalten. Dafür wussten wir: Wenn Udo gesund bleibt, werden wir noch lange mit ihm arbeiten.

    Sie waren in der Schweiz ein aufstrebender Musiker und hatten gerade mit „Swiss Lady“ am Eurovision Song Contest teilgenommen, als Sie 1977 mit Udo Jürgens zusammengetroffen sind. Wie erinnern Sie sich an den Beginn der Zusammenarbeit?

    LIENHARD: Durch etwas unangenehme Umstände – Probleme mit der Steuer – kam Udo in die Schweiz. In Deutschland durfte er zu der Zeit nicht auftreten, also unternahmen wir 1977 eine Amerika-Tournee. Da haben wir gemerkt, dass es funktioniert. Nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich und von der Einstellung zur Musik her. Wir haben uns angefreundet, und wahrscheinlich hätte eine normale Tour uns nie so nahegebracht wie diese USA-und-Kanadareise, wo uns in manchen Städten wirklich kaum jemand kannte. Wir waren im Wohnwagen unterwegs, ohne Luxus, das war ein richtig rustikales Abenteuer. Die Tournee war sehr erfolgreich, auch wenn wir fast ausschließlich für die vielen deutschen Auswanderer dort in der amerikanischen Provinz gespielt haben.

    Wie fand das Udo?

    LIENHARD: Er hat das richtig genossen. Er hat nach den Shows gern mit uns Musikern abgehangen. Wir wussten ja, was für ein Star er ist, aber diese Distanz hat er nie ausgelebt. Bis auf zwei, drei Ausnahmen sind von den 25 Musikern, die 2014 die letzte Tour mit Udo spielten, jetzt bei „Da Capo“ wieder alle dabei.

    Udo war ein Mensch, der das Leben auszukosten wusste. Über Sie lässt sich Ähnliches behaupten. Wie wild war das damals mit Udo und Ihnen?

    LIENHARD: Naja, das ging schon meist bis 4 oder 5 Uhr morgens. Und dann ab ins Bett und am nächsten Tag um 12 Uhr weiter. Mit den Jahren sind wir beide ein bisschen ruhiger geworden, aber das war schon eine heftige Zeit. Auch mit den Frauen. Ich war ungebunden, und er stand ja dazu, dass er nicht treu sein kann. Ein Heiliger war der Udo nicht. Ich fand das gut, wie ehrlich er war. Und die Frauen wussten, worauf sie sich einließen. Er hat nie einer Dame einen Heiratsantrag gemacht, um sie ins Bett zu kriegen. Das war nicht nötig. Udo hatte einen extremen Schlag bei den Frauen. Wegen allem, seines Aussehens, seiner Songs, er hat die Leute wirklich berührt. Udo hatte für jede Lebenssituation einen Song, die Leute haben sich sehr stark mit seinen Liedern identifiziert.

    Was würde er wohl heute für Lieder schreiben?

    LIENHARD: Ich glaube, er würde sich auch zur Politik äußern. Das Schimpfen auf die Schulen, das Schimpfen auf die Ausländer, dieses undifferenzierte Draufhauen auf alles und jedes, das hat er nie gemocht. Udo war mutig. Ein Lied wie „Gehet hin und vermehret euch“, mit dem er sich mit der katholischen Kirche anlegte, hätten nicht viele seiner Kollegen gemacht. Sein Credo ist ja immer gewesen, dass Unterhaltung viel mit Haltung zu tun hat. Respekt und Anstand waren ihm sehr wichtig. Würde er heute noch leben, fände er vieles nicht so lustig, was gerade passiert.

    Das Herzstück von „Da Capo“ ist das letzte Konzert vom 7. Dezember 2014 im Hallenstadion Zürich. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Show?

    LIENHARD: Sehr gute. Das war das Abschlusskonzert von der ersten Tourhälfte. Udo war ein bisschen emotional und melancholisch, weil er wusste, jetzt würde er zwei Monate nicht auf der Bühne stehen. Aber wir waren alle sehr gut drauf, Zürich war ein Heimspiel, und Udo wollte den Jahreswechsel in seinem Haus an der Algarve verbringen. Vorher haben wir uns noch zum Essen getroffen, das war ein wahnsinnig schöner Abend. Er nahm mich in den Arm und dankte mir, dass ich ihm immer den Rücken freigehalten habe.

    Wo haben Sie zu Abend gegessen?

    LIENHARD: Bei einem Italiener in Weinfelden, den es nicht mehr gibt. Er hat dort sehr gern gegessen und guten Wein getrunken. Wir haben an dem Abend sogar Pläne geschmiedet, ein großes Open Air auf dem Rathausplatz in Wien mit den Sinfonikern. Von Abschied war nie die Rede. Udo hatte noch genug Energie für zwei, drei Tourneen, davon bin ich überzeugt. Die Kraft war da.

    Wissen Sie noch, was ihr gegessen habt?

    LIENHARD: Kaninchen. Das mochte er gern. Ich erinnere mich nicht mehr an den Wein, ich weiß aber noch, dass wir – unsere Frauen waren auch dabei – eine zweite Flasche aufgemacht haben. Und dann bleibt einfach sein Herz stehen, und es ist vorbei.

    Sie werden im kommenden März 80. Dann sind Sie so alt, wie Udo war, als er starb. Denken Sie über so etwas wie den Abschied von der Bühne nach?

    LIENHARD: Es wird von mir nie eine Abschiedstournee geben. So lange die Gesundheit mitspielt, werde ich auf der Bühne stehen. Das hat Udo auch so gemacht. Ich meine, er war ein 80-jähriger Mann, aber er war fit bis zum Schluss. Er hat keine Textfehler gemacht, musste sich nie korrigieren, er war voll da. Manche sagen, am Ende habe er müde gewirkt. Das habe ich ehrlich gesagt nicht so empfunden. Er hat sogar noch getanzt auf der Bühne.

    In welchem Alter ist denn überhaupt das „Da Capo“-Publikum?

    LIENHARD: Es kommen auch Jüngere. Aber das sind vielleicht meist die Mitgeschleppten, wie Udo sie liebevoll genannt hat. Ich denke, es kommen viele Menschen in meinem Alter und ein bisschen jünger, die Udo nochmal sehen wollen. Und einige von denen bringen vielleicht ihre Kinder und Enkel mit.

    Zur Person Pepe Lienhard, 79, Saxophonist und Bandleader, stand mit Stars wie Sammy Davis Jr., Frank Sinatra oder Whitney Houston auf der Bühne, die engste Zusammenarbeit verband ihn aber mit Udo Jürgens. 37 Jahre lang war er dessen Bandleader. Zehn Jahre nach dem Tod des Ausnahmekünstlers macht er mit seinem Orchester Pepe Lienhard im Rahmen der „Da Capo Udo Jürgens“-Tour mit dessen Liedern weiter. Die erste Runde Ende 2024 war ein Riesenerfolg, nun folgt die Fortsetzung der emotionalen Konzertreise. Mit seiner zweiten Ehefrau Christine bewohnt der Musiker einen alten Hof in Frauenfeld zwischen Bodensee und Zürich.

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