Rachel, Sie sind eine extrem versierte Schauspielerin im Film, TV auf der Theaterbühne. Ist Lois Lane nicht zu leicht, zu eindimensional für die facettenreiche Rachel Brosnahan?
RACHEL BROSNAHAN: Gar nicht! Ich fühlte mich total zu dieser Figur hingezogen, gerade weil sie so viele verschiedene Seiten hat: Sie ist unerbittlich, wenn sie auf der Suche nach der Wahrheit ist. Sie ist intelligent, mutig und entschlossen und allen anderen immer zehn Schritte voraus. Regisseur James Dunn, der auch das Drehbuch schrieb, gab ihr noch mehr Raum, jetzt ist sie jemand, der richtig arbeitet, richtig feiert, aber dann auch richtig liebt.
„Richtig liebt“?
BROSNAHAN: Wir lernen Lois erst als kompetente, selbstsichere Journalistin kennen. Dann gibt es aber auch die Frau, die sich unsicher ist, ob und wie sie Liebe in ihrem Leben zulässt und die von Gefühlen völlig verunsichert werden kann. Es macht Spaß zu spielen, wie ein Mensch, der sonst so fähig und patent ist, so völlig aus der Bahn geworfen wird.
Gibt es Parallelen zwischen Rachel und Lois Lane, durch die Sie sich tief in die Figur hineinversetzen konnten, weil sie auch ein bißchen so ist wie Sie selbst?
BROSNAHAN: Mehr, als ich gerne zugeben möchte! (lacht herzlich) Wir sind uns in vieler Hinsicht sehr ähnlich. Ich verstehe ihre Neugierde total, ihre Leidenschaft und die Haltung, dass das Wort „nein“ eine Art Einladung für sie bedeutet. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Es ist die Figur, die mir selbst von der Persönlichkeit her am allernächsten kommt. Und ich war mir zu Anfang sehr, sehr unsicher, ob ich mich selbstbewusst genug fühlte, um das zu bringen.
Wie gehen Sie mit Angst und Nervosität konkret um?
BROSNAHAN: Angst motiviert mich. Oder ist zumindest ein sehr starker Antrieb für mich. Das bin ich. Ich habe das Gefühl, dass ich die ganze Zeit Angst habe. Im Amerikanischen gibt es den Ausdruck: „Ich musste irgendwann scheißen oder vom Topf kommen“. Heißt: Ich musste herausfinden, wie ich Angst und Einschüchterung zu meinem Vorteil nutzen konnte. Schauspielerei ist echt die beste Therapie! Wir können alles auf der Leinwand oder dem Bildschirm ausleben. Und jeder, der sich aufs Spielen einlässt, braucht eine Therapie.
Dabei haben Sie schon so viel gespielt und auf die Beine gestellt. Wenn Sie eine Rolle wie Midge Maisel oder Lois Lane verkörpern wollen, müssen Sie im Castingprozess jedes Mal das Beste aus sich herausholen. Sind Sie ein Kämpfer oder „nur“ ein Gewinner?
BROSNAHAN: Ich bin auf jeden Fall ein Kämpfer. Ich bin jemand, der sich schnell langweilt und immer gleich die nächste Herausforderung vor sich haben möchte. Das war immer eine der größten Vorteile und Freuden an diesem Beruf: Es gibt immer etwas Neues für eine Rolle zu lernen, immer einen Charakter, den man als unerreichbar empfindet. Es war die größte Freude meines Lebens und meiner Karriere, so viele Dinge zum ersten Mal innerhalb meines Berufs ausprobieren zu dürfen.
Die Philosophie hinter Superman lautet: Die bestmögliche Version seiner selbst zu werden. Ist das für Sie eine Herausforderung, ein ernstes Thema oder nur ein Comic-Jux?
BROSNAHAN: Das Beste an Comics ist, dass es im Kern immer um die bedeutungsvollsten Dinge geht. Um die Essenz dessen, was es bedeutet, am Leben zu sein und ein Mensch auf dieser Welt zu sein. Besonders Superman sucht darauf eine Antwort und strebt nach mehr Menschlichkeit. Diese Figur will einfach nur gut sein und Gutes in die Welt bringen. Das ist so einfach, dass andere Menschen, Lois eingeschlossen, es manchmal infrage stellen. Als könnten wir etwas Grundgutes gar nicht mehr für möglich halten. Diese Moral ist der Herzschlag hinter dem Film, aber ich hoffe, dass es sich nicht so anfühlt, als würde man seine Vitamine einnehmen. Natürlich gehören zu Superman aber auch die großen Abenteuer, mit Superhelden, Metamenschen und all den anderen Wesen, die in Metropolis leben.
Ist die Beziehung zwischen Clark und Lois in dieser modernen Version auch zeitgemäßer, gleichberechtigter?
BROSNAHAN: Sie sind gegensätzlich, aber ergänzen sich und brauchen einander. Das macht ihre Liebesgeschichte aus: Er ist z. B. jemand, der sehr präsent ist und sich nur auf die nächste richtige Tat und das nächste Optimum konzentriert. Das bedeutet, dass er oft nicht die Auswirkungen dieser nächsten Sache in Betracht zieht, was danach kommt. Lois dagegen stellt alles und jeden infrage – damit verdient sie als Journalistin ja ihren Lebensunterhalt. Sie muss gedanklich zehn Schritte voraus sein, um gut in ihrem Job zu sein. Deswegen hat sie oft damit zu kämpfen, mal ganz im Hier und Jetzt zu sein. Außerdem tut sie sich schwer, Menschen an sich heranzulassen. Aber sie teilen dasselbe Wertesystem, das auf das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit abzielt. Nur tun sie es auf ganz entgegengesetzte Weise. Sie brauchen einander, um ihre Menschlichkeit für andere zum Vorschein zu bringen.
Würden Sie sagen, dass die Lois von 2025 feministisch agiert?
BROSNAHAN: Sie gibt immer 150 %. Mindestens. Und agiert so, wie sie es auch von anderen erwartet. In meiner Definition geht Feminismus mit Tatkraft und Aktion einher. Lois ist definitiv eine Frau der Tat, nicht jemand, der nur redet. Sie geht den ganzen Weg bis zum Ziel.
Wer ist für Sie ein wahrhaftiger Supermann?
BROSNAHAN: Ich kann mich glücklich schätzen, von außergewöhnlichen Menschen umgeben zu sein. Einer von ihnen ist Hugh Evans, der Gründer der Organisation „Global Citizen“, für die ich in den letzten zehn Jahren Botschafterin war. An seiner Schule in Melbourne hatte mal jemand über die extreme Armut in Indien erzählt. Er war mit seinen 12 Jahren tief beeindruckt. Aber während andere Kids kurz mal inspiriert waren, ging Hugh zum Schulaustausch nach Manila und Indien und gründete eine Organisation, deren einziger Zweck es ist, einen Weg zu finden, die extreme globale Armut zu beenden. Er ist einer der klügsten Menschen, die ich je getroffen habe. So viel Gutes zu bewirken, finde ich megacool.
Sie haben als Kind nicht nur mit dem Schauspielen angefangen, sondern auch Wrestling betrieben. Wie kamen Sie dazu?
BROSNAHAN: Ich bin in einer sehr sportlichen Familie aufgewachsen. Mein Vater spielte sehr gut Tennis und fuhr Ski, mein Bruder war ein brillanter Hockeyspieler und meine Schwester ist eine großartige Fußballspielerin. Also habe ich mir meinen Sport gesucht. Ich habe vieles ausprobiert, in dem ich wirklich schrecklich war: Ich war miserabel in Basketball und konnte nicht rennen, nicht mal, wenn es um mein Leben gegangen wäre. Aber ich hatte Freunde, die Wrestling betrieben haben, und für mich sah der Sport immer nach Spaß aus. Es ist ein Einzel- und Teamsport zugleich und nach Gewichtsklassen getrennt. Zwei Personen haben vielleicht das gleiche Gewicht, aber einer ist schneller, der andere ist dehnbarer. Jeder kann unterschiedlichste Fähigkeiten anwenden, um gut zu werden.
Außerdem sind Sie Snowboardlehrerin gewesen. Wann war dazu noch Zeit?
BROSNAHAN: Ich bin mit Skifahren aufgewachsen. Irgendwann habe ich dann zum Snowboarden gewechselt. Mit 16 Jahren habe ich dann meine Zertifizierung zum Instructor gemacht, vor allem, um jedes Wochenende mit meinen Freunden kostenlos snowboarden gehen zu können oder ein bisschen Taschengeld zu verdienen. Dann haben wir zusammen die Berge von Wisconsin unsicher gemacht, wir waren die totalen Hallodris auf den Skipisten.
Bevor Ihre „Marvelous Mrs Maisel“ 2017 zur Kultserie wurde, haben Sie viel Theater gespielt. Ihr Partner in „Othello“ war kein Geringerer als Daniel Craig. Klingt nach einem sehr coolen Shakespeare …
BROSNAHAN: Ja, das war definitiv eine der coolsten Erfahrungen meiner Laufbahn. Das Ganze stieg in einem ganz kleinen Theater in New York. Und Daniel ist so ein phänomenaler Shakespeare-Darsteller! Seine Leichtigkeit im Umgang mit der Sprache hat mich sehr inspiriert. Und dazu der brillante David Oyelowo als Othello – ich fühlte mich, als wäre ich gestorben und in den Schauspiel-Himmel gekommen. Oder zumindest in ein Bootcamp für Schauspieler.
Sie scheinen voller Energie zu sein. Wie laden Sie Ihre Batterien auf, woher kommt Ihre viele Kraft?
BROSNAHAN: Meine Power entspringt einer tief verwurzelten Neugier auf die Welt und das menschliche Sein, die condition humaine. Noch einmal: Ich bin so glücklich, in diesem Beruf gelandet zu sein, weil ich jeden Tag etwas Neues erkunden kann. Ich lerne ständig neue Dinge. Das fühlt sich an, als sei ich immer in der Schule zu sein, und ich lerne von Leuten, die besser darin sind als ich und klüger. Und ich kann mich von ihnen inspirieren lassen, um damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mein Beruf ist das coolste Ding der Welt. Und ich habe heute viel Kaffee getrunken! (lacht)
Zur Person
Rachel Brosnahan, geboren 1990 in Milwaukee, Wisconsin, hat es sich nie leicht gemacht. Fünf Staffeln lang spielte sie sich als „Marvelous Mrs. Maisel“– der gewitzten, wortgewandten Stand-up-Pionierin im New York der 50er-Jahre – mit Tempo, Timing und Tiefgang in die Herzen der Zuschauer und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Jetzt, mit 35, hebt sie in ganz andere Sphären ab. Als Lois Lane, Amerikas berühmteste Journalistin im Superhelden-Universum, übernimmt sie die weibliche Hauptrolle in der neuen Superman-Verfilmung von James Gunn. Comic-Klischees sind darin passé: Brosnahan, theatererprobt, Oscar-nominiert, Emmy- und Golden-Globe-prämiert, gibt Lois eine neue Tiefe: eine Frau, die kämpft, zweifelt, liebt und mit maximalem Einsatz nach Wahrheit sucht.
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