Robbie Williams, wer Sie letzten Sommer live gesehen hat, konnte leicht den Eindruck bekommen, dass Sie Ihr Leben und Ihre Karriere mehr denn je genießen. Wie sehen Sie das?
ROBBIE WILLIAMS: Exakt genauso! Ich bekomme so viel Liebe und Wärme von meinem Publikum, dass ich es kaum fassen kann. Oft fühle ich mich bei den Auftritten wie Usain Bolt. Er ist zwar Jamaikaner, aber er gehört irgendwie der ganzen Welt. So ist es auch bei mir: Die Leute machen mich zu einem der Ihren. So sehr ins Herz geschlossen zu werden, gibt mir sehr viel Energie.
Sie brauchen diese Liebe der Leute, oder?
WILLIAMS: Oh ja, ich bin ein Künstler, der geliebt werden will. Unbedingt. Und der die Liebe, die er bekommt, absolut zu schätzen weiß.
Lustig, dass Sie sich mit dem Weltrekordhalter über 100 Meter Sprint vergleichen. Wie steht es um Ihre eigene Kondition?
WILLIAMS: Naja, ich will immer mitzählen, wie viele Schritte ich am Tag mache, aber dann lasse ich es doch lieber bleiben.
Weil?
WILLIAMS: Ich immer Angst habe, dass es weniger sind, als ich erwartet habe.
Haben Sie eine dieser smarten Uhren, die deine körperlichen Aktivitäten permanent vermessen?
WILLIAMS: Ja, so eine habe ich. Aber ich setze sie praktisch nie auf. Sollte ich vielleicht besser mal machen.
Auf der Bühne und den Sportklamotten auf den neuen Fotos wirken Sie jedenfalls ziemlich fit und durchtrainiert.
WILLIAMS: Nun ja, ich schaffe es, körperlich ein bisschen auf mich achtzugeben. Ich war aber nie so ein klassischer Work-out-Typ, der in jedem Hotel, in das er eincheckt, als Erstes an die Gewichte geht. Allerdings haben sich die Zeiten geändert. Seit gefühlt zwanzig Jahren sehen Popstars aus wie Athleten. Früher war das anders. Da konntest du schon als Teenager einen „Dad Bod“ haben, also ein Bäuchlein, und niemand hat sich daran gestört.
Auch bei Ihnen war körperlich über die Jahre ein gewisses Auf und Ab zu beobachten.
WILLIAMS: Das stimmt, ich war für Sport oft zu nachlässig. Wenn ich früher Gewichte gestemmt oder Ausdauer trainiert hatte, dann war das ein Work-out, bei dem ich mich dem Selbsthass hingab. Heute mache ich Sport, um am Leben zu bleiben. Mittlerweile trainiere ich nach einer Art realistischen Plan, der für mich passt. Ich arbeite mit Gewichten, mache ganz viele Sit-ups und habe besonders intensiv an meiner Beinmuskulatur gearbeitet.
Wieso sind gerade die Beine so wichtig?
WILLIAMS: Weil ich für das ganze Herumrennen in meinem Job gesunde Beine brauche. Ich beobachte, dass eine Menge Leute, die nur wenig älter sind als ich, anfangen, mit dem Gehen ihre Probleme zu haben. Dem will ich vorbeugen.
Wenn Sie sagen, viele haben schon in der Jugend einen Bauch – bei Take That waren Sie jedenfalls in Topform.
WILLIAMS: Bei Take That schon. Wir haben so viel tanzen müssen, da konntest du gar nicht dick werden. Aber dann gab ich mich bekanntermaßen dem Hedonismus hin, und er hat mich fett werden lassen. Seitdem kämpfe ich auf die eine oder andere Weise mit meinem Gewicht und meinem Körper. Heute indes bin ich in einer ganz guten Phase, was das Verhältnis zu mir selbst und meinem Körper angeht. Auch wenn ich manchmal diese Shape-Wear trage, die mich zusammenhält und besser aussehen lässt, als ich in Wirklichkeit bin.
Ihre Ära des Hedonismus Mitte der Neunziger war zugleich die goldene Zeit des Britpop. So haben Sie auch Ihr Album genannt. Weshalb?
WILLIAMS: Die Aufgabe, die ich mir für „Britpop“ gestellt hatte, lautete: Stell dir vor, es ist 1997, und nun schreibe ein Album, das in die Zeit passt, bloß mit dem gesammelten Wissen von heute. Ich würde sagen, der Plan ist annähernd aufgegangen.
„Britpop“ ist definitiv eine sehr kurzweilige und gutgelaunte Platte.
WILLIAMS: Danke schön. Ja, ich finde das auch. Da mich die kommerziellen Radiosender sowieso kaum noch spielen, habe ich nicht den Druck gehabt, irgendwie in den Zeitgeist zu passen. Vielmehr habe ich Songs aufgenommen, die mich selbst glücklich machen, ohne die Angst im Nacken zu haben, auf Biegen und Brechen mal wieder einen „Hit“ landen zu müssen.
Ich habe schon den Eindruck, dass so einige potentielle Hits auf „Britpop“ schlummern.
WILLIAMS: 1999 oder 2000 wären manche dieser Songs bestimmt sehr erfolgreich geworden (lacht).
Dass der hymnische Song „All My Life“ so klingt, als wäre er von Noel Gallagher geschrieben und von Liam Gallagher gesungen, wissen Sie schon?
WILLIAMS (LACHT): Ja. Zu einhundert Prozent. Britpop, das sind für mich Radiohead, Blur und Oasis. Ah, und Pulp. Pulp war mir von den Britpop-Bands immer die liebste. Aber wenn ich selbst eine Nummer im Britpop-Stil singe, dann bitte so wie Oasis. Richtig fett, mit vollem Einsatz, Alter, das macht irre viel Spaß.
„The biggest prize is what’s behind these eyes“ singst du in „Pretty Face“. Klingt wie ein Liebeslied an Ihre Frau und insbesondere an deren Klugheit.
WILLIAMS: So ist es auch. Die Zeile habe ich komplett selbst geschrieben. Und ja, sie ist für Ayda. Wenn ich dieses Lied singe, denke ich jedes Mal an meine Frau. Wenn ich mit Ayda zusammen bin, fühle ich mich geborgen, sicher und glücklich. Sie ist mein Fels. Wir sind jetzt seit bald 16 Jahren verheiratet. In dieser Zeit bin ich ein Riesenfan der Idee namens Ehe geworden.
Das heißt, früher haben Sie das Heiraten eher skeptisch gesehen?
WILLIAMS: Ja. Heute verstehe ich sehr gut, warum Leute sich dafür entscheiden. Als jemand, der aus einem zerrütteten Elternhaus kommt und so viele Menschen in Beziehungen kennengelernt hat, die einfach immer nur am Streiten waren, habe ich lange Zeit den Sinn einer Ehe einfach nicht verstanden. Aber nun kann ich sagen: Die Ehe mit Ayda hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Was ist das Verdienst Ihrer Frau?
WILLIAMS: Ayda hat aus einem Jungen einen Mann gemacht. Mit vier wunderbaren Kindern. Sie hat mir ein Sicherheitsnetz aufgespannt, in dem ich mich gefahrlos bewegen kann. Sie fängt mich auf, wenn es sein muss.
Wo wären Sie ohne Ayda?
WILLIAMS: Ich will es gar nicht wissen. Sehr wahrscheinlich wäre ich allein mit meinem hedonistischen Selbst und würde mein ganzes Leben nur nach Genuss, Lust und Selbstzerstörung ausrichten. Ich würde da draußen herumirren und jeden Mist machen, zu dem mich das Teufelchen auf meiner Schulter verleiten würde. Das wäre natürlich nicht gesund, denn wenn du nur auf Spaß aus bist, dann fallen dir irgendwann die Räder ab. Meine Frau hat mich vor meinen eigenen Dämonen gerettet und dafür Sorge getragen, dass ich ein, nun ja halbwegs, ausgeglichenes Individuum geworden bin.
Das mit dem reinen Leben nach dem Lustprinzip haben Sie in den Neunzigern schon auch ausprobiert, nicht wahr?
WILLIAMS: Ja, klar. Ist mir nicht besonders gut bekommen. Der Spaß hat mich süchtig, fett, einsam und traurig gemacht. Nun lebe ich seit 25 Jahren ohne Drogen.
Am 27. Januar startet auf Netflix die Take-That-Doku „Take That“, in der es auch um Ihre Eskapaden mit Drogen und Alkohol gehen wird. Was würden Sie dem jungen Robbie, der mit 16 bei Take That einstieg und in einen Wirbelsturm geriet, der ihn komplett überforderte, mit auf den Weg geben wollen?
WILLIAMS: Ich wünschte, ich hätte damals schon gewusst, dass Selbstvertrauen nicht so wichtig ist wie Mut. Deshalb würde ich ihm sagen wollen: Sei mutig. Im Nachhinein sehe ich vieles kritisch, was mein Leben betrifft. Aber ich würde nichts nachträglich ändern wollen. Alles, was passiert ist, gehört unauslöschlich zu meinem Leben dazu.
Ist es wahr, dass ihr dabei seid, nach Miami zu ziehen?
WILLIAMS: Ja, das ist wahr. Nach 24 Jahren in Kalifornien wollte ich das gern. Wir haben gerade privat richtig viel um die Ohren. Wir sind aktuell dabei, uns mit dieser für uns ganz neuen Ecke vertraut zu machen. Ayda kümmert sich gerade intensiv darum, Schulen für die Kinder zu finden.
Warum ist die Wahl ausgerechnet auf Miami gefallen?
WILLIAMS: Ich bin jemand, der die Sonne braucht. Nicht nur, weil ich es gern warm habe, sondern auch für meine Selbstfürsorge und für meine mentale Gesundheit. Zuletzt haben wir fünf Jahre in Europa gelebt, und ich habe gemerkt, ich kann das nicht. Nicht auf Dauer. Nicht immer. Ich brauche das Gefühl, das die Sonne auslöst, wenn sie mir auf den Pelz brennt. Außerdem ist Amerika für die Anonymität nach wie vor besser. Ich stelle mir vor, dass ich Bruce Wayne in Miami und Batman im Rest der Welt bin.
Sie bezeichnen sich auf der Bühne ja selbst als den größten Entertainer der Welt. Wie kommen Sie damit zurecht, nach einer Show vor 60.000 Leuten in die Stille deines Hotelzimmers zurückzukehren?
WILLIAMS: Viel besser als früher. Ich war in den Anfangszeiten überhaupt nicht darauf vorbereitet, so schnell so krass erfolgreich zu werden. Emotional und körperlich hat mich das völlig überfordert. Heute bin ich geübt und geschult im Umgang mit dieser ständigen Achterbahn der Gefühle, die mein Beruf beinhaltet. Die wichtigste Lektion lautet, niemals meinen eigenen Gedanken zu trauen. Denn wenn ich auf die Bühne gehe, kreiert mein Körper seine eigenen Drogen wie Adrenalin und Dopamin. Du bist voll von diesen Hormonen, was es dir schwer macht, gelassen und objektiv zu bleiben. Denn du steckst in einem natürlichen High.
Was trotzdem nicht so gefährlich ist wie ein chemischer Rausch.
WILLIAMS: Nein, aber auch das ist ein Preis, den du bezahlst als Entertainer. Du willst natürlich Abend für Abend dieses Hochgefühl wieder herstellen. Für meinen Körper ist das ein Drahtseilakt. Denn aufgrund von Ängsten und Nervosität sagt er dir bisweilen, dass du nun sterben wirst. Nach all den Jahren im Geschäft habe ich verinnerlicht, dass das ein Bluff der Hormone ist. Und ich keineswegs in Lebensgefahr bin.
Einer der neuen Songs, den Sie zusammen mit deinem Take-That-Kollegen Gary Barlow geschrieben hast, heißt „Morrissey“. Sie singen, dass Sie den wegen seiner politisch grenzwertigen Äußerungen umstrittenen Musiker bis zum Ende seines Lebens im Arm halten wollen. Tut er ihnen leid, der gefallene Held?
WILLIAMS: Für mich ist und bleibt Morrissey der beste Lyriker und einer der wichtigsten Songschreiber der letzten vierzig Jahre. Er ist wie Bob Dylan und Oscar Wilde. Der Song handelt von einem Stalker, der Morrissey stalkt.
Zum Schluss, Robbie, Sie haben zwei Katzen zuhause, Elvis und Priscilla. Was können Sie von den beiden lernen?
WILLIAMS: Mir den Ruhm nicht zu Kopf steigen zu lassen. Meinen eigenen Ängsten zu misstrauen. Einfach cool zu sein. Katzen haben mir voraus, dass sie saucool sind. Sie lassen Aufregung nur an sich heran, wenn es ihnen nützt.
Wären Sie gern mehr wie eine Katze?
WILLIAMS: Ich glaube, ich bin schon ein bisschen wie eine Katze. Ich mag es, ganz für mich zu sein. Aber wenn ich meine Streicheleinheiten brauche, dann lasse ich es meine Familie wissen.
Zur Person
Schon als Jugendlicher träumte Robbie Williams, geboren 13. Februar 1974, davon berühmt zu werden: 1990 machte der Brite bei einem Radiowettbewerb mit und wurde Mitglied bei Take That. Die fünfköpfige Gruppe avanciert zur erfolgreichsten Boygroup der 1990er-Jahre. Nach Drogenexzessen verließ Williams die Band und startete 1996 seine Solo-Karriere. Lieder wie „Angels“, „Somethin’ Stupid“ oder „Let Me Entertain You“ machten ihn zum größten Popstar der Neunziger. Seit 2010 ist Williams mit der Schauspielerin Ayda Field verheiratet, das Paar hat vier Kinder.
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