Wenn man zum ersten Mal ein Kind bekommt, denken Eltern an alles Mögliche, was da nun auf sie zukommen wird, an das Glück, hoffentlich groß, an die Sorgen, hoffentlich klein. Kann man das überhaupt, Elternsein, das ist eine der Fragen. Woran man da eher noch nicht denkt: An all die anderen, denen es genauso geht. Die anderen Eltern.
Die anderen Eltern sind so etwas wie die Kollegen im Mutter- und Vater-Dasein. Eine temporär zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft. Sie sitzen oder stehen plötzlich neben einem, schwitzend im überhitzen Raum bei der Babymassage, in Badekleidung beim Babyschwimmen, auf viel zu kleinen Stühlen beim ersten Elternabend in der Kita oder der Schule, am Rande der Eislaufbahn, am Rande des Fußballfelds, im Arbeitskreis Sommerfest – ohne dass man sie sich ausgesucht hätte. „Hallo, ich bin der Vater, die Mutter von....“
Fürs Elternfreundesammeln gilt: Man sollte früh damit beginnen
Wie bei Kollegen, manche mag man mehr. Manche werden Freunde. Fürs Elternfreundesammeln gilt, man sollte früh damit beginnen: Je kleiner die Kinder, je mehr Betreuung, umso mehr Zeit verbringt man mit anderen Eltern. Je größer, umso weniger Zeit haben die anderen Eltern. Wie man selbst ja auch. Alle wieder am Arbeiten. Und die Sehnsucht nach anderen Eltern ist da schon ein wenig gesättigt im Vergleich zur Anfangszeit mit all den Fragen, als das Kind als Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner noch ein wenig schwächelte. Trotz all der Liebe – man kann sich mit einem Baby auch ganz schön einsam fühlen. Die erste Elternfreundin begegnete einem bei einer ziellosen Kinderwagenrunde durch die Stadt. Irgendwo her kannte man sich, beide ausgehungert nach Gespräch: Nach dem ersten „Ach, hallo....“ stürzten die Worte aus uns heraus, im Grunde sprachen wir von da ab ein Jahr durch, bis sie in eine andere Stadt zog und einen seltsam verwaist trotz neuer anderer Elternfreunde zurückließ. Weil während dieser Monate wirklich alles besprochen wurde, auch Fragen wie diese: Kann man ein Heidelbeergläschen dem Kind mittags geben, oder ist das doch keine vollwertige Mahlzeit, sondern Nachtisch? Darf man das Kind aus dem Mittagsschlaf reißen, damit es abends vor Mitternacht auch wieder schläft? Fragen also, die man nur mit Menschen diskutieren kann, die haargenau in der gleichen Situation sind, eben anderen Eltern!
Die anderen Eltern haben ein Imageproblem
Über die anderen Eltern hört man dennoch oft nichts Gutes. Sie haben ein Imageproblem. Die anderen Eltern sind ja auch die, die beim Klassenabend nerven, die WhatsApp-Gruppen mit sinnlosen Nachfragen verstopfen, mit denen man diskutieren muss, ob das Fußballtrikot vor dem Waschen auf Links gezogen werden muss, die sich beklagen, weil die Tochter auf der Klassenreise hinten sitzen musste, obwohl ihr doch schlecht wird … „Meiner aber doch auch“! Dass Yasmina Reza mit ihrem Stück „Der Gott des Gemetzels“ so einen sagenhaften Erfolg hatte, liegt auch daran, dass sich fast alle Eltern im Drama zumindest ein Stück weit wieder erkennen. Denn, hüstel, hüstel, wie man soll man es sagen: Wenn es um das eigene Kind geht, ist man jedenfalls nicht immer der Mensch, der man sein möchte, rasend und blind vor lauter Elternliebe: „Kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass das meiner gesagt hat. Das Wort kennt er doch gar nicht“ … Auch Eltern sind halt nur Menschen.
Irgendwann verschwinden die meisten anderen Eltern wieder aus dem Leben, wenn sie nicht mittlerweile Elternfreunde sind. Manche nach Wochen, manche nach Jahren, letztes Schulfest und Tschüss. Auch in Ordnung. Der eigene Sohn hat vor kurzem seinen Universitätsabschluss gefeiert, ein letztes Event noch einmal mit ganz anderen Eltern: Große Aula, großes Brimborium, als die jungen Menschen mit Musik zur Ehrung auf die Bühne gebeten werden, stehen alle auf und klatschen. Gerade als man denkt, na, du wirst doch jetzt bitte nicht vor Rührung weinen, fällt der Blick in das Gesicht einer Mutter am Tisch gegenüber, die mit einem Taschentuch ein bisschen an den Augen herumnestelt. Mit ihr hätte man vielleicht vor Jahren gut über Heidelbeergläschen zu Mittag sprechen können …
Vermutlich fühlen sich die anderen Eltern auch kein bisschen älter als 39 oder 49, aber man muss sagen: sie sehen schon etwas älter aus. Man selbst ja auch. Faltiger, grauhaariger, schon ein wenig ins Großelternhafte neigend. Die nächste Rolle, hoffentlich, irgendwann. Der Abend wird jedenfalls lustig, einer, der lange jung bleibt. Es wird getanzt, glücklich, zusammen mit den großen Kindern, die keine Kinder mehr sind – nur das eigene für einen selbst. Es wird Abschluss gefeiert, die neue Unabhängigkeit, aber auch Abschied. Macht es gut, ihr anderen Eltern. Es war eine herrliche Zeit mit Euch.
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