Herr Pastewka, „Fabian und die mörderische Hochzeit“ ist eine Hommage an Agatha Christie und das „Whodunnit“-Genre. Was fasziniert Sie an dem Genre?
BASTIAN PASTEWKA: Ich habe mich da mal eingelesen. Das Whodunnit-Genre findet seinen Ursprung bei Edgar Allen Poe. Er war der erste, der einen Detektiv hat auftreten lassen. Sein Name war Auguste Dupin und er bekam einen relativ schwierigen Fall, nämlich den Doppelmord an zwei Frauen in der Pariser Rue Morgue. Aber es ist weit und breit kein Täter zu sehen und vor allem wurde die Tür weder geöffnet noch geschlossen. Ein Locked-Room-Mystery ist also eine der ersten Kriminalerzählungen, die historisch überprüfbar sind. Kurz darauf gab es eine Engländerin namens Anna Katharine Green, die mit einem Buch namens „Der Fall Leavenworth“ auch eine Geschichte um einen unmöglichen Mord in einem englischen Herrenhaus erzählt hat. Da geht es um den Tausch von Identitäten. Die ersten Krimis setzten sozusagen nicht auf das psychologische Motiv, sondern nur auf das Krimi-Puzzle, auf das Mystery-Rätsel.
Und dann brauchte es nicht mehr lange, bis Sherlock Holmes kam.
PASTEWKA: Genau. Ab da gab es eine Flut von Mystery-Geschichten, die sowohl psychologischer Natur waren, als auch die rein technisch unmöglichen Verbrechen beschrieben. John Dickson Carr entdecke ich seit dem letzten „Knives Out“-Film gerade neu: Er schrieb Mord-Geschichten, wo es um Spiegeltricks und Identitätstausch geht, um Schatten und Geräusche, die eigentlich gar nicht da sein könnten. Es ist fast eine Art Zauberkiste, die immer wieder geöffnet wird. Dieses Subgenre vom Krimi ist nie weg gewesen. Es erlebt jetzt nur durch Daniel Craig und die „Knives Out“-Filme eine Art von Renaissance, aber auch durch Serien wie „Only Murders in the Building“, „Death and Other Details“ und „Death in Paradise“. Da freue ich mich, dass wir mit „Fabian und die mörderische Hochzeit“ genau in diese Einflugschneise einbiegen können.
Sie betreiben auch den Krimi-Podcast „Kein Mucks!“. Worum handelt es sich dabei?
PASTEWKA: „Kein Mucks!“ ist ein ARD-Krimi-Podcast, den ich moderieren darf. In jeder Folge dieses kostenfreien Podcasts, den man überall empfangen kann, läuft ein historisches Kriminalhörspiel aus den ARD-Rundfunkanstalten. Wir versuchen, die ältesten Aufnahmen, die noch erhalten sind, in diesem Podcast zu präsentieren. Es sind vorwiegend Hörspiele aus den 50er und 60er Jahren. Wir hatten sogar mal eines aus dem Jahre 1949 von Radio Bremen. Das ist eines der ältesten erhaltenen Kriminalhörspiele dieses Landes überhaupt. Man hört mich in diesem Podcast vorne und hinten fünf Minuten über die Geschichte erzählen, über die beteiligten Darstellerinnen und Darsteller, den historischen Kontext, Fun Facts und Fan-Trivia, Bezüge zu den Drei Fragezeichen oder zu artverwandten Kinofilmen und Fernsehserien. Aber im Zentrum steht ein historisches Hörspiel, was wir in seiner ursprünglichen Form tatsächlich so senden, wie es seinerzeit gedacht war.
Verfügen Sie selbst über eine gewisse kriminelle Energie, haben Sie schon mal etwas geklaut?
PASTEWKA: Ich hoffe nicht. Bis auf ein peinliches Hanuta, was ich auf einer Feier gemopst und dann aber reumütig zurückgebracht habe, weil es dem Besitzer um ein beigelegtes Sammelbild von Klaus Augenthaler ging. Fabian in unserem Film ist ein Hochstapler, eine Spieler-Natur. Wir kennen alle diese Leute, die sagen: „Mir kann die Steuer nichts, ich verarsche die auch noch. Und das Abo kündige ich so spät wie möglich, dann habe ich noch was davon. Ich schummele mich so lange durch, bis die Behörden mich erwischen. Aber die können mir ja auch nichts.“ Es gibt Leute, die das zur Perfektion betreiben. Ich kann das nicht. Ich werde mich nie permanent mit Tricksereien aufhalten, weil ich meinen Fokus auf etwas anderes lege. Hochstapeln kenne ich von mir aber auch. Als angehender Komödiant musst du halt manchmal tricksen und in Interviews wie diesem deine Biografie ein bisschen besonderer beschreiben, als sie im wirklichen Leben möglicherweise war. Du musst sozusagen immer noch ein paar Asse in den Ärmeln haben, um als Entertainer und People Pleaser hantieren zu können.
Fabian schlüpft – genau wie Sie – in verschiedene Identitäten. Was bereitet Ihnen Freude daran, das kurzzeitige Entfliehen vom eigenen Ich oder ein sich selbst besser Kennenlernen?
PASTEWKA: Es ist ein sich selbst besser Kennenlernen. Als ich sehr jung war, kam ich mit Glück in eine Comedyshow bei Sat.1, in der ich über fünf Jahre alle möglichen Rollen spielen durfte. Das waren natürlich zweidimensionale Sketchfiguren. Ich habe mir eine grüne Kappe aufgesetzt, einen Schnäuzer ankleben lassen und – Überraschung! – ich war ein Polizist. Dann hat man mir den grünen Hut wieder weggenommen und mir eine langhaarige Perücke aufgezogen, und schon sah ich aus wie ein Heavy-Metal-Fan. Das sind Comedy-Abziehbilder, die keine eigene Identität haben, aber innerhalb eines 30-Sekunden langen Sketchs für das Fernsehen eben funktionierten. Und je mehr ich davon spielen durfte, desto mehr habe ich mich selbst kennengelernt.
Inwiefern?
PASTEWKA: Ich habe in mir selbst Resonanzräume gefunden, von denen ich mich immer noch hin und wieder bedienen kann, wenn ich in eine Rolle schlüpfe. Das ist bei Fabian ähnlich. Aber dadurch, dass ich gar nicht weiß, wer dieser Fabian wirklich ist, hat diese Figur keine wirkliche Identität. Er ist eine Art Phantom. Ein Mann, der es den Reichen nimmt und den Armen gibt. Aber er bleibt eben auch eine Art von Chimäre. Ich kann mir als Schauspieler der Figur nicht mal richtig sicher sein, ob die Figur überhaupt Fabian heißt, denn auch das könnte wieder einer seiner vielen Namen auf den kleinen Ausweisen sein, die er als Trickbetrüger ständig mitführt, um schnell umschalten zu können. Insofern gibt es da eine Ähnlichkeit zum Sketchfernsehen.
Ist es legitim, besonders einfallsreich vorgehende Diebe, die niemandem ein Leid zufügen, ein Stück weit zu bewundern?
PASTEWKA: Das ist das, was das Publikum eben so schön mit sich selbst ausmachen darf. Wir alle verfolgen mit besonderem Schmunzeln Geschichten, in denen es um Trickbetrüger oder Kavaliersdelikte geht. Ich bin aber der Meinung: Ein Betrug ist ein Betrug. Auch unser Fabian ist eben kein sauberer Geselle. Da muss halt jeder, der den Film betrachtet, überlegen, auf welche Seite er sich stellt. Das macht aber den Reiz einer guten Geschichte aus: Dass es eben nicht nur Gut oder Böse gibt, sondern dass wir alle unsere Seiten miteinander verzahnen und dann versuchen müssen, als Gesellschaft zurechtzukommen.
Ihre Form der Komödie ist weitgehend unpolitisch. Kommt Ihnen diese Tatsache in dieser Zeit der allgemeinen Erregung entgegen?
PASTEWKA: Ich glaube, dass man keine Kunstform im luftleeren oder zeitlich abgekoppelten Raum darstellen kann. Aber tatsächlich ist das Genre Kriminalkomödie relativ unverdächtig. Ich glaube jedoch, dass das Publikum nach wie vor ein sehr großes Bestreben hat, wirklich gut unterhalten zu werden. Und auch das kann ein wichtiges Statement sein. Ein guter Film, eine gute Serie, eine gute Geschichte – die machen was mit dir. Die stellen dich in Frage, gehen zu dir und sagen: Ich packe dich da, wo du möglicherweise lange nicht hingeschaut hast. Leute, die etwa Unterhaltungsfernsehen nicht so betreiben, dass es Unterhaltung, sondern nur das Ausstellen von schnellen Effekten ist, langweilen das Publikum und treiben es langfristig zu anderen Genres. Oder sie sagen, dass Fernsehen sie eigentlich gar nicht interessiere. Wir hören doch laufend, dass die Leute gar kein Fernsehen mehr schauen.
Das ist besonders bei der jungen Generation der Fall, oder?
PASTEWKA: Es gibt andere Darreichungsformen, aber ganz sicher wird auch die Generation Netflix in 30 Jahren so etwas sagen wie: Weißt du noch, als damals die letzte Staffel von Stranger Things rausgekommen ist? Wenn man sich die Einschaltzahlen anschaut, auch speziell die des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, stellen wir fest, dass die Leute da sind und es sich anschauen. Die wollen was wissen. Die wollen sowohl mit Nachrichtensendungen und Talkshows informiert werden, als auch im besten Sinne unterhalten werden. Nicht nur durch die zahlreichen Tatorte, sondern eben auch durch kreuzalbernen Unsinn. Als das Genre Comedy vor ein paar Jahren totgesagt worden ist, kommt plötzlich eine Show wie „Last One Laughing“ bei Amazon Prime um die Ecke, die bis heute eine der erfolgreichsten komödiantischen Sendungen aller Zeiten im deutschsprachigen Raum ist. Eine neue Generation hat die Entertainer und die Kunst des Klamauks dort entdeckt. Nachdem ich bei „LOL“ mitgemacht habe, bin ich im Supermarkt von Kindern am Arm gezupft worden, die mich gefragt haben: Bist du der aus „LOL“? Ich sehe dann einen kleinen Jungen und stelle fest, dass ich das vor 45 Jahren gewesen wäre. Auch das ist ein Akt des Zusammenführens, will ich damit sagen. Auch Unterhaltung ist sinnstiftend. Im besten und eben auch damit gesellschaftspolitischen Sinn.
Würden Sie alte Weisheit unterschreiben, nach der Fernsehen kluge Menschen klüger und dumme Menschen dümmer macht?
PASTEWKA: Ich weiß gar nicht, von wem dieses Zitat ist, aber ich würde es tatsächlich unterschreiben. Immer dann, wenn sich Macherinnen und Macher mit den flüchtigen Zuschauenden verabreden, ist das, was da passiert, meist kein nachhaltiger Erfolg. Ich persönlich bin so eitel zu sagen, dass ich mich an ein Publikum zu richten versuche, von dem ich hoffe, dass es schlauer ist als ich. Ich bin nicht sehr schlau, deshalb können mir sehr viele folgen. (lacht) Aber es geht um Unterhaltung. Das Publikum verabredet sich für eine halbe Stunde mit einer Serie, für 90 Minuten mit einem Film oder drei Stunden mit einem tollen Theaterstück. Das Medium ist egal. Es muss nur zu dem passen, was zu erzählen ist. Wenn die Menschen, die da schauspielern, Musik spielen oder schreiben, wirklich etwas zu erzählen haben, so ist ihr Werk auch universell gültig. Und das gilt und galt auch für die Komödie: Vor 20 Jahren kam „Der Schuh des Manitu“ ins Kino, vor 40 Jahren „Das Leben des Brian“. Das sind verschiedene Stile und damit verschiedene Generationen, die sich durch Humor mit Unterhaltung verabredeten. Speziell der Humor ist das Erste, was von autokratischen Systemen angegriffen wird. Deshalb müssen wir ihn hochhalten, solange und so schnell es geht.
Zur Person
Bastian Pastewka, geboren am 4. April 1972 in Bochum, ist ein TV-Multitalent: Schauspieler, Komiker, Drehbuchautor, Hörspielsprecher, Synchronsprecher – und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis, dem Deutschen Comedypreis. Bekannt wurde Pastewka in den 90ern mit der Sat.1-Wochenshow. Derzeit ist er im Krimi „Fabian und die mörderische Hochzeit“ (Prime Video) von Regisseur Markus Sehr zu sehen. Er spielt darin den Betrüger Fabian, der sich auf einer Hochzeit als Ermittler tarnt. Pastewka ist seit 2004 mit Heidrun Buchmaier, Geschäftsführerin einer Künstleragentur, verheiratet.
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