Kristen, nun ist es vollbracht: Sie präsentieren Ihren ersten eigenen Film. Entspricht das Ergebnis Ihrer ursprünglichen Vision?
KRISTEN STEWART: Die ursprüngliche Idee war so etwas wie meine Knetmasse – sie bestand weniger aus einem festen Bild als aus einem Gefühl. Dieser Film handelt von Veränderung und Entwicklung. Dass er über Jahre hinweg seine Form gesucht hat, entspricht dem Lebensweg der Autorin der Buchvorlage, Lidia Yuknavitch. Trotz aller Rückschläge und Niederlagen stand sie immer wieder auf und fand auf ihren Weg zurück. Mich hat dieser Prozess oft verstört, zwischendurch fand ich den Stoff völlig unverfilmbar.
Was hat Sie dennoch davor bewahrt, Schiffbruch zu erleiden, wenn die Wogen, auf denen dieser Film schaukelte, so hoch waren?
STEWART: Manchmal fühlte es sich schon wie ein Schiffsunglück an! Täglich ging etwas schief. Das Drehbuch, an dem ich Jahre gearbeitet hatte, lag plötzlich in Einzelteilen vor uns. Wir setzten die Bruchstücke und Wrackteile wieder zusammen, wie ein Puzzle, und daraus entstand etwas ganz Eigenständiges. Erst im Nachhinein machten sich dann die Verbindungen zwischen den Bildern sichtbar. Man merkt dem Film oft die Verzweiflung an. Ich glaube, es war der Starrsinn meines Sternbilds, des Widders, gepaart mit meiner Unerfahrenheit, die uns dann schließlich doch noch über die Ziellinie brachten.
Was hatte Sie an Lidia Yuknavitchs Geschichte so sehr entflammt?
STEWART: Ihre Geschichte – und dieser Film – erzählt wie man Schmerz verarbeitet und in Schönheit verwandelt, in etwas Lebenswertes. Ich empfand den Text als geradezu lebensrettend. Er formuliert, dass das Leben im weiblichen Körper sich wie eine Grenzverletzung anfühlen kann. Es gibt eine „konkave“ Natur in uns Frauen – wir empfangen, biologisch formuliert. Frauen handeln häufig aus Scham heraus statt aus Selbstliebe. Sie werden konditioniert, ihre eigene Stimme mit einer Art vorauseilendem Gehorsam zu dämpfen. Erst wenn wir lernen, unsere Wünsche selbst zu bestimmen, gewinnen wir Freiheit. Und deswegen musste dieser Film mein erster werden, weil es darum geht, die eigene Stimme zu finden.
Schon vor Jahren sagten Sie, dass Ihr Debüt Wasser zum Thema haben würde. Was prägte Ihre Beziehung zu Wasser?
STEWART: Wasser faszinierte mich schon immer, auch wenn ich es so scheue wie eine Katze. Wasser ist die Metapher, um die ich kreise: Es verändert, es transportiert, es formt, es kann sogar Felsen brechen. Ich musste lernen, mich davon treiben zu lassen. Und das fiel mir schwer, denn ich bin eher der Typ, der gegen die Strömung ankämpft. Für mich wurde das Buch wie ein Rettungsboot. Ich hatte Lust, daraus einen Film zu machen, der sich oft wie ein psychedelischer Trip anfühlt.
Das ist Ihnen gelungen: Sie inszenieren eine Flut von Assoziationen und Bildern, einen Bewusstseinsstrom. Wollten Sie bewusst mit klassischen Mustern brechen?
STEWART: Sicher nicht aus dem Wunsch heraus, avantgardistisch zu sein. Es war nur das, was dieses Material verlangte: mit altbekannten Strukturen und Elementen zu brechen. Auch Erinnerungen lassen sich nicht chronologisch organisieren. Sie ähneln eher Träumen, sind irrational, setzen Grenzen außer Kraft – und das Unterbewusstsein bestimmt die Cuts. Kino erlaubt es, innere Erfahrungen sichtbar zu machen – mit 24 Bildern pro Sekunde, die man neu zusammensetzt.
Waren Sie vor der Premiere auf eine neue Art nervös?
STEWART: Sehr. Ich habe das Gefühl, sechs Wochen nicht geschlafen zu haben. Ich weiß, einen Film wie diesen zu machen, bedeutet, sich angreifbar zu machen. Aber genau das ist notwendig.
Bisher war die Resonanz eher positiv. Wieso erfüllt Sie das Regieführen anders als die Aufgabe der Schauspielerin?
STEWART: Ich bin Regisseurin geworden, weil ich Schauspielerin bin. Ich wollte die kreative Dynamik zwischen Regisseur und Schauspieler mal von der anderen Seite erleben. Meine Schauspieler beobachten. Und sie auf Film festhalten. Vielleicht ist es nur ein Spielzeug, mit dem ich unbedingt spielen wollte. Aber, wenn die richtigen Menschen zusammenkommen, dann entsteht eine ansteckende Energie, eine verrückte Magie. Ich habe es selbst erlebt, dass aus den coolsten Unterhaltungen mit den Regisseuren die echtesten, ehrlichsten Resultate folgen. So war es hier auch mit der Hauptdarstellerin Imogen Poots, auf die ich so stolz bin. Danach habe ich mich gesehnt. Ich wollte Bilder erschaffen, die elektrisieren.
Verstehen Sie Regisseure nach dieser neuen Erfahrung nun besser?
STEWART: Ja, die Regie hat mich sehr verändert. Vielleicht hat mich diese Erfahrung gelehrt, als Schauspielerin noch stärker loszulassen, mich freiwillig und vertrauensvoll in die Hand von jemandem zu begehen, der einen künstlerischen Wunsch umsetzen will. Ich bin so gerne Teil eines solchen Prozesses. Ab jetzt bin ich noch eher bereit zu sagen: Ich halte den Mund und helfe Dir, Deine Vision zum Leben zu erwecken.
Eine Überraschung: Sie bringen den lang vermissten Komiker Jim zurück auf die Leinwand. Wie kam das?
STEWART: Ich entdeckte ihn in seiner TV-Show ,Growing Belushi‘, in der es um den Anbau von Cannabis in Oregon geht. Er erinnert mich an ein frühreifes, sehr witziges Kind. Jim Belushi brachte Präsenz, Gravitas und Wärme ein. Er war perfekt, weil er sehr klug ist, immer gut vorbereitet war und zugleich offen war für Spontaneitäten und Improvisationen. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Der Run auf die Hauptrolle in Ihrem Debüt war unter Schauspielerinnen sicher groß. Was zeichnete Imogen Poots für Sie aus?
STEWART: Ihre Hingabe. Sie trägt diesen Film vollständig. Während des Drehs bekam sie zwei Leistenbrüche, aber erzählte es mir erst danach. Sie war in einigen Szenen angeschnallt wie bei einem Actionfilm, schwitzte, ihre Füße waren taub. Ein paar Mal fragte sie, ob sie kurz aus dem Trapez heraus dürfte. Später erfuhr ich, dass die Hängevorrichtung auf ihren Bauch drückte. Ich war fassungslos. Ich hatte großes Glück, Leute um mich zu haben, die Lust darauf hatten, sich mit mir auf dieses wilde Jazz-Experiment einzulassen.
Warum haben Sie selbst nicht in Ihrem Regiedebüt mitgewirkt? Viele Kollegen entscheiden sich dafür, gerade weil es die Finanzierung eines Films erleichtert …
STEWART: Ich wollte bei meinem ersten Film nicht in den Spiegel schauen. Gerne mal später – aber jetzt wollte ich lieber erleben und erkunden, wie Imogen Poots diesen Film zum Leben erweckt. Zu beobachten, wie sie ihm jeden Tag Atem einhaucht, war für mich sehr erfüllend. Manchmal wusste ich nicht, ob wir die Schmetterlinge einfangen oder sie von uns wegpusten.
Wählen Sie Ihre eigenen Rollen nach einem Plan aus?
STEWART: Ich habe keine Checklisten für Rollen. Es muss sich in dem Moment richtig anfühlen. Ich habe aber ein ziemlich gutes Gespür für das, was passt. Ich will gute Filme machen, authentisch sein und Spaß haben. Wo ich schon alles mitgespielt habe! Da war so viel Unterschiedliches dabei, und ich hoffe, dass es so weitergehen wird.
Gibt es etwas, das Sie in den 20 Jahren Ihrer Karriere bereuen?
STEWART: Das würde bedeuten, dass ich mein Ich von damals verraten würde. Wir alle lernen aus Erfahrungen und Fehlern, wir alle wachsen, währenddessen dreht die Welt sich um uns herum ständig weiter.
Sie haben immer klar Position bezogen, für welche US-Partei Sie votieren. Finden Sie, dass Schauspieler ein politisches Standing haben sollten?
STEWART: Ich bin überzeugt, dass es gar nicht möglich ist, als Künstler unpolitisch zu bleiben. Kunst wird immer die eigene Gesinnung widerspiegeln. Kunst endet dort, wo man sich selbst zensiert, um nicht anzuecken. Ab dem Moment macht man nur noch Unterhaltung. Nichts gegen gute Unterhaltung – oft braucht man nichts anderes! - aber echte Künstler tragen ihre politischen Ansichten immer auch nach außen. Ihre Arbeit ist ihr Statement.
Haben Künstler also eine soziale Verantwortung, sobald sie in der Öffentlichkeit stehen und ihre Stimme Gewicht hat?
STEWART: Man kann Leute nicht dazu bringen, sich für etwas einzusetzen, wenn ihr Herz nicht dafür schlägt. Aber wenn ihr Herz dafür schlägt, ist es schwer, sie davon abzubringen. So einfach ist das. Aber jeder hat das Recht zu sagen, wofür er steht.
Haben Sie den Eindruck, Ihr Image steuern zu können?
STEWART: Die vielen Social Media-Posts reißen einen in kleine Stücke. Das große Bild aber fehlt. In diesem Zirkus stecken wir alle fest. Die Lösung für mich ist, mir keine Gedanken mehr zu machen, wie ich auf andere wirke, sondern authentisch, ganz aus mir heraus zu agieren.
Mit welchem Gefühl blicken Sie auf Ihre „Twilight“-Zeit zurück?
STEWART: Ich war erst 18, hatte keine Referenzpunkte und wurde von dem Erfolg völlig überrumpelt. Plötzlich stand ich im Zentrum eines Orkans – und alle um mich drehten durch! Nichts hätte mich darauf vorbereiten können. Es gibt bis heute Verrückte, die mich verfolgen, um Fotos zu schießen. Aber ich habe mich geändert und kann gelassener mit dem Irrsinn umgehen. Früher meinte ich, auf jede Frage eine Antwort finden zu müssen – jetzt kommentiere ich nicht mehr jeden Quatsch, sondern halte auch mal die Klappe.
Zur Person
Kristen Stewart, geboren am 9. April 1990 in Los Angeles, wurde durch die vier Filme der Twilight-Saga (2008 bis 2012) berühmt. Darin spielte sie die junge Bella Swan, die sich unsterblich in einen Vampir verliebt. Entdeckt wurde sie aber bereits als Kind, mit acht Jahren spielte sie an der Seite von Jodie Foster in „Panic Room“. Es folgten Filme wie „Into the Wild“ (2007), Still Alice (2014) oder „Die Wolken von Sils Maria“ (2014), für den sie den César gewann. An „The Chronology of Water“, ihrem Regiedebüt, einer Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans der US-Schriftstellerin Lidia Yuknavitch von 2011, hat sie acht Jahre gearbeitet. Stewart, deren Eltern ebenfalls in der Filmbranche arbeiten, ist seit 2025 mit der Drehbuchautorin Dylan Meyer verheiratet.
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