Man ist bei Ian McEwan in guten Händen, da gibt es gar keinen Zweifel, der Mann weiß, wie man Geschichten spannend erzählt und hat seit Jahrzehnten ein untrügliches Gespür für interessante Stoffe. Vin Da macht sein neuer Roman, „Was wir wissen können“ keine Ausnahme. McEwan, inzwischen weit über 70 Jahre alt, nimmt uns mit ins Jahr 2119, in die gar nicht mehr ganz so ferne Zukunft also und erzählt dann doch mehr oder weniger über die Gegenwart – die Hauptgeschichte spielt im Jahr 2014.
In der Zukunft also, da macht sich ein Professor, der sich mit der Literatur unserer heutigen Zeit beschäftigt, auf die Suche nach einem Manuskript, einem Gedicht, das der große Poet Francis Blundy an einem Abend mit Freunden im Oktober 2014 seiner Frau Vivian als Geburtstagsgeschenk vorgetragen hat. Nach allem, was man weiß, handelt es sich um ein Meisterwerk, daher firmiert dieses Abendessen irgendwo auf dem Land bei Oxford in der (zukünftigen) Wissenschaft schon bald unter dem Titel „Zweites unsterbliches Dinner“. Das Vorbild, das „erste“ Dinner von Mega-Poeten fand übrigens am 28. Dezember 1817 in London tatsächlich statt – unter den Gästen waren William Wordsworth, John Keats und Charles Lamb, die Dichterfürsten der englischen Romantik.
Für ein verlängertes Wochenende 2000 Kilometer weit fliegen – die Nachfahren wundern sich
Tom, der Forscher, vergräbt sich in Bibliotheken, die alle möglichst hoch auf Hügeln und Bergen gebaut sind, um sicher vor dem steigenden Meeresspiegel zu sein. Großbritannien ist 2119 nach mehreren Naturkatastrophen in kleine Inseln zerklüftet. En passant erzählt McEwan wie die Menschheit bis dahin begrenzte Atomkriege übersteht (Indien und Pakistan, Nahost), wie eine Tsunamiwelle Westeuropa überschwemmt, wie der Klimawandel zuschlägt, dass Deutschland Teil von Russland wird, die USA in Gebiete sich bekämpfender Warlords zerfällt und das schon heute bevölkerungsreiche Nigeria zur technologischen Supermacht aufsteigt.
Die Menschheit überlebt das alles, und auch die Natur regeneriert sich Stück für Stück, doch das Leben in der Zukunft verläuft gemächlicher als in der heutigen Zeit, gedämpfter, grauer. Größere Reisen sind eher selten und statt echtem Essen gibt es vielfach Brot und Proteinkuchen. „Sie trank auch einige Schlucke. Das würde ich nie tun“, sagt Tom, als er mit Rose an einem Bach Halt macht. „Stromaufwärts könnte ein verwesender Kadaver im Wasser liegen. Und dann war da noch die Radioaktivität.“
Mit Staunen blicken die Forscher auf unsere Epoche, wo man für ein verlängertes Wochenende schon mal 2000 Kilometer mit dem Flugzeug verreist, wo kein Vergnügen zu teuer ist, wo Forschungsdrang und Fortschrittsglaube noch weitgehend ungebrochen sind, wo die Menschheit, so sehen es unsere Nachfolger, in die Katastrophe rennt – und zwar mit Anlauf.
Ob dieses Szenario plausibel ist, mag jeder für sich entscheiden, als Erzählstoff kommt es doch hier und da recht hölzern daher. Kein Wunder, so könnte man süffisant anfügen, dass auch Toms Studierende bald die Nase voll haben von der Epoche 1990 bis 2030. Ein Kurs über diese, unsere Gegenwart entwickelt sich zum Fehlschlag, genauso wie die Beziehung von Tom zu seiner Kollegin Rose.
Der Forscher gräbt eine verbuddelte Kiste aus – ein Glück für ihn und die Lesenden
Ein Glück für den Forscher und uns Leser, dass Tom dann, so etwa in der zweiten Hälfte des Buches, auf der Suche nach dem verschollenen Gedicht doch noch fündig zu werden scheint und eine seit hundert Jahren tief verbuddelte Kiste ausgräbt. Sie enthält (zunächst) nicht das Gedicht, sondern die Lebenserinnerungen von Vivian, der Frau des Dichters. Und die, soviel sei verraten, halten dann doch einige Überraschungen bereit für den Forscher, der jedes Blatt gewendet hat, um möglichst viel über den legendären Sonettenkranz zu erfahren – und damit auch für die Leserinnen und Leser. Die gelebte Realität ist dann doch oft eine andere als die, die Nachgeborenen zu kennen meinen, daran mag uns McEwan erinnern wollen. „Was wir wissen können“, eben.
Was wir nun tatsächlich wissen: McEwan ist ein gut geschriebener, etwas umständlich komponierter Roman gelungen, der allerdings erst in der zweiten Hälfte, mit dem Fund des Manuskripts, so richtig Fahrt aufnimmt.
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