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Marietta Slomka: „Ich werde schnell ungeduldig, wenn nichts voran geht.“

Interview

Marietta Slomka: „Wenn man in diesem Beruf anfängt, Zynismus zu entwickeln, sollte man ihn wechseln“

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    Marietta Slomka moderiert seit 25 Jahren das“heute journal“ im ZDF.
    Marietta Slomka moderiert seit 25 Jahren das“heute journal“ im ZDF. Foto: Henning Kaiser, dpa

    Hallo Frau Slomka, Gratulation zu Ihrem Jubiläum! Sie moderieren seit einem Vierteljahrhundert das heute journal? Hat diese von einer breiten Öffentlichkeit mitverfolgte Arbeit in einer der populärsten Nachrichtensendungen etwas mit Ihnen gemacht?

    MARIETTA SLOMKA: Das ist schwer zu sagen. Ich habe ja nur das eine Leben und weiß natürlich nicht, wie es anders verlaufen wäre. Allerdings glaube ich schon, dass es etwas mit einem macht, wenn man sich so intensiv mit dem Weltgeschehen befasst. Es läuft auch immer die Uhr, alles muss schnell gehen, insofern habe ich vor allem das Schnell-auf-den-Punkt-kommen für mich übernommen. Und ich werde schnell ungeduldig, wenn nichts vorangeht.

    Aber Sie haben nicht das Gefühl, dass Sie durch den Job und die vielen Katastrophen sozusagen abgebrühter geworden sind?

    SLOMKA: Nein, das wäre auch völlig falsch. Wenn man in diesem Beruf anfängt, Zynismus zu entwickeln und nicht mehr empathiefähig ist, sollte man ihn wechseln. Auf Katastrophen wie jüngst in Crans Montana mit Kälte draufzuschauen, das ist für mich unvorstellbar.

    Wie darf man sich so einen Standard-Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?

    SLOMKA: Na, der beginnt morgens. Um zehn Uhr ist unsere erste Konferenz. Das werden dann meist lange Tage. Einen Großteil davon verbringe ich mit Lesen, Informationen aufnehmen und Telefonate führen. Wir sind auch eine Redaktion, die viele Konferenzen pflegt. Da streiten wir uns auf kollegialer Basis um die Themen und klären Fragen wie: Was wird unser Schwerpunkt? Womit machen wir auf? Wer könnte der richtige Gesprächspartner sein? Je mehr es Richtung Abend geht, desto höher wird die Schlagzahl. Am Ende hat man alles sauber vorbereitet und dann kommt einer wie Trump jüngst mit Grönland und verkündet kurz zuvor: We have a Deal! Dann kann man alles andere kurz vor der Sendung in den Papierkorb werfen. Das sind dann zwar spannende Tage, aber sie sind auch herausfordernd.

    Können Sie dann nach so einer aufregenden Sendung gleich schlafen?

    SLOMKA: Wir haben ja auch noch immer eine Nachbesprechung. Im Prinzip läuft dann der innere Motor auf voller Leistung. Den kann man dann natürlich nicht sofort abstellen. Dann beginnt bei mir also erst der freie Abend. Mir macht das aber im Prinzip nichts aus, denn ich bin eh Nachteule und komme damit gut zurecht. Ich hätte mehr Probleme, wenn ich im Morgenmagazin arbeiten müsste. Insofern kommt das heute journal meinem Biorhythmus entgegen.

    Dann kommen Sie vermutlich erst gegen zwei oder drei Uhr ins Bett?

    SLOMKA: Ja. Das kann schon hinkommen. Bis ich zuhause bin, ist es meist 23.30 Uhr, dann esse ich oft noch etwas, weil ich tagsüber nicht viel dazu gekommen bin. Und am Ende lande ich auf dem Sofa, (…) schaue fern oder lese. Dann kommt zwei Uhr schon hin.

    Sind Sie denn noch nervös, wenn Sie live hochrangige oder als „schwierig“ bekannte Persönlichkeiten interviewen oder ist das inzwischen längst Routine?

    SLOMKA: Als nervös würde ich mich nicht mehr beschreiben. Da kommt mir die Erfahrung entgegen und das Wissen, dass ich mich auch in schwierigen Breaking-News-Situationen auf meine Kolleginnen und Kollegen, aber auch auf mich selbst verlassen kann. Natürlich kenne ich dann auch das Gefühl der Anspannung. Aber bei normalen Interviews zu normalen politischen Vorgängen habe ich kein Lampenfieber mehr.

    Immer mal wieder kann man lesen, dass Sie rauchen. Hilft Ihnen das zum Entspannen?

    SLOMKA (LACHT): So viel rauche ich nicht. Ansonsten habe ich die gleiche Ausgangslage wie jeder andere, der sich so einem Laster verschreibt.

    Welche ist Ihnen als für Sie herausforderndste Sendung im Gedächtnis hängen geblieben?

    SLOMKA (DENKT NACH): Das sind viele. Die schwierigsten sind überraschende Breaking-News-Geschichten, die während der Sendung reinkommen. Wie beispielsweise die Terroranschläge in Paris, der Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin oder die russische Invasion in die Ukraine mit Live-Gesprächen aus dem Bunker. Das sind schon (…) Herausforderungen, die mit entsprechender Verantwortung einhergehen. Da muss man Fakten schnell und richtig einordnen, man darf aber auch nichts vorschnell aufbauschen. Das sind manchmal heikle Momente, in denen ich auch (..…Verantwortung auf den Schultern spüre.

    Sie sind ja bekannt für Ihre Interviews. Es soll Kollegen und Kolleginnen geben, die Sie sogar mit einer Chirurgin vergleichen, die in Gesprächen das Skalpell dort ansetzt, wo es wehtut, um den Kern von Problemen freizulegen. Haben Sie sich das hart erarbeitet oder ist das Naturtalent?

    SLOMKA (LACHT): Zunächst einmal ist das Handwerk, wie die Chirurgie übrigens auch. Es gibt Menschen, denen dieser feine Schnitt mit dem Skalpell liegt, andere müssen sich das länger erarbeiten. Ich habe Interviews eigentlich schon immer so geführt, wie ich das auch heute noch mache. Die Grundhaltung, Verantwortungsträger kritisch zu befragen und zu gucken, wo die neuralgischen Punkte sind, die hatte ich von Anfang an.

    Es gibt ja dafür sogar den Begriff „geslomkat“ zu werden. Wen würden Sie denn mal so richtig gerne slomkaten?

    SLOMKA: Also, ich muss dazu sagen, dass ich keinesfalls bei jedem Interview die Absicht verfolge, den anderen quasi “zu grillen”. Auch mit Spitzenpolitikern ist nicht jedes Gespräch konfrontativ angelegt. Einen Wunschpartner könnte ich nicht nennen.

    Könnte man mit Trump oder Putin ein vernünftiges Interview führen oder wäre das sinnlos?

    SLOMKA: Sinnlos sicherlich nicht. Wenn man das Angebot hat, einen amerikanischen Präsidenten zu interviewen, schlägt man das natürlich nicht aus. Wenn man sich solche Interviews anschaut, stellt man aber schon fest, dass das in großen Teilen eher eine Diskursverweigerung ist, mit einer Flut wilder Behauptungen und Attacken auf die Fragenden. Das ist für Interviewer ein undankbares Geschäft. Die Bereitschaft, sich hinterfragen zu lassen, ist bei Populisten wie Trump nicht ausgeprägt. Bei einem Diktator wie Putin erst recht nicht. In Russland werden Journalisten ja sogar weggesperrt oder getötet.

    Werden Sie als kritische Journalistin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerade auch von rechter Seite bedrängt oder bekommen Hass-Botschaften?

    SLOMKA: Ja, schon. Die größten Einfallstore für Shitstorms sind Social Media. Da hilft es schon mal, dass ich zum Beispiel auf X nicht mit einem eigenen aktiven Account unterwegs bin. Aber natürlich weiß ich, dass ich Teil von Desinformationskampagnen, Fakes und Hate bin.

    Wie gehen Sie damit um?

    SLOMKA: Ich trenne das von meiner Person, weil ich ja weiß, dass damit in erster Linie eine Institution wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk angegriffen werden soll. Aber es besorgt mich auch, weil ich sehe, dass da vieles nicht spontan passiert, sondern orchestriert und organisiert ist. Mit der Absicht, zu desavouieren und einzuschüchtern. Wir sind da natürlich auch deshalb Zielscheibe, weil wir so große Reichweiten haben, mit einem Millionenpublikum, dem wir Fakten präsentieren.

    Die Zeiten im Journalismus haben sich in den vergangenen 25 Jahren massiv geändert. Wie glauben Sie, wird sich beispielsweise die immer künstliche Intelligenz auf die Zukunft des Journalismus auswirken?

    SLOMKA: Interessante Frage. Ich bin in dem Bereich keine Spezialistin. Solche technischen Entwicklungen haben ja immer eine Sonnen- und eine Schattenseite. Ich denke, dass uns die KI beispielsweise dabei helfen wird, Bilder oder Informationen zu verifizieren und damit Fakes kenntlich zu machen. Sie könnte uns auch dazu dienen, soziale Plattformen sozialer zu machen, indem Bots erkannt werden oder Kampagnen offengelegt. Auf der anderen Seite, wenn künstliche Intelligenz dabei hilft, solche Kampagnen zu verstärken, ist das gefährlich. Aber ich kann, ehrlich gesagt, den präzisen Blick in die Kristallkugel hier auch noch nicht liefern. (…)

    Sagen Sie bitte noch etwas zur Zukunft des seriösen Journalismus, der ja dringend benötigt wird, aber auch immer schwieriger zu finanzieren ist.

    SLOMKA: Das ist eines der großen Themen unserer Zeit. Für Verlage ist die Finanzierung noch viel schwieriger geworden als für Öffentlich-Rechtliche Sender. Ich hoffe, dass der Wert eines unabhängigen Journalismus nach wie vor gesehen wird. Dazu gehört ja, dass eine Regierung nicht einfach sagen kann: Eure Berichterstattung passt uns nicht, jetzt drehen wir euch den Geldhahn zu. Deshalb beim Rundfunk die unabhängige Finanzierung über eine Haushaltsabgabe. In anderen Ländern konnten sie außerdem beobachten, dass Milliardäre, die sich als Hobby eine Zeitung kaufen, nicht unbedingt diejenigen sind, die dann bei politischem Druck gegenhalten und andere Geschäftsinteressen hintenanstellen. Ich hoffe, dass das Publikum versteht, dass guter Journalismus nicht umsonst zu haben ist. Und wenn da online eine Paywall vor Zeitungsartikeln steht, sollte man bedenken: Ja, dafür haben Menschen einen ganzen Tag gearbeitet. Und die wollen auch ihre Familien finanzieren. Auch ein großes Korrespondentennetz zu unterhalten, das kostet einfach. Ich hoffe, dass dieser Wert von Zuschauern und Leserschaft weiterhin geschätzt wird.

    Sie wirken auf dem Bildschirm sehr souverän und cool. Ist das nur die Rolle oder sind Sie auch privat ein Mensch, der sehr gelassen ist?

    SLOMKA (LACHT): Ach, ich glaube, eine gewissen Coolness bringe ich mit. Aber natürlich ist es auch eine Rolle. Man sollte also die Marietta Slomka, die man vom Bildschirm kennt, nicht mit der privaten verwechseln.

    Im Gegensatz zu anderen, auch nachrichtlichen Fernsehmoderatoren treten Sie in Unterhaltungsformaten so gut wie nie auf. Ist das Prinzip oder Zufall?

    SLOMKA: Das ist schon Prinzip, denn ich habe das Gefühl, es passt nicht gut zu meiner Rolle im heute journal. Ich will auch meine Privatperson nicht ins Schaufenster stellen. Die Zuschauer sollen sich auf die Nachrichten konzentrieren.

    Unterhaltungsshows wären nicht Ihre Bühne?

    SLOMKA: Ich habe Volkswirtschaft und Politik studiert, mich haben immer die harten Themen, vor allem die internationale Politik interessiert. Auf die Idee, in den Unterhaltungsbereich zu gehen, wäre ich gar nicht gekommen. Das ist einfach nicht mein Beritt. Aber die Unterhaltung ist natürlich auch wichtig für ein Vollprogramm. Nach einer tollen Show oder einem Fußballspiel hat man noch mal ganz andere Einschaltquoten. Insofern – ein Hoch auf die Unterhaltung!

    Sie sind ja eigentlich Diplom-Volkswirtin. Wann haben Sie dann entdeckt, dass Sie lieber journalistisch arbeiten wollen. War das eine Entwicklung oder hängt das mit einem Ereignis zusammen?

    SLOMKA: Ich hatte schon sehr früh, den Wunsch, Journalistin zu werden. Das war ein Geschenk, denn viele junge Menschen können das ja nicht so genau sagen. Es nicht ja so leicht, einen Beruf zu finden, in dem man aufgeht. Mir hat das auch geholfen, mein Volkswirtschaftsstudium durchzuhalten. Denn dabei spielt Mathematik eine große Rolle und die lag mir eigentlich gar nicht.

    Über Ihr Privatleben halten Sie sich im Vergleich zu anderen Kolleginnen und Kollegen im TV-Bereich relativ bedeckt. Müssen Sie viele Nachfragen der People-Magazine abwimmeln?

    SLOMKA: Wenn bei mir etwas Großes passieren würde, das sich nicht verheimlichen lässt, dann käme ich wohl nicht darum herum, in entsprechenden Blättern und Online-Seiten zu landen. Gegebenenfalls auch auf eine Art und Weise, die ich selbst furchtbar fände. Aber die Kolleginnen und Kollegen des Boulevards sind auch Profis. Und wissen, von wem sie etwas bekommen und vom wem eher nicht. Die wissen, dass es keinen Sinn macht, bei mir anzurufen und mich nach meinem Privatleben zu befragen. Anfangs kam das noch häufiger vor, aber inzwischen ist wohl jedem klar, dass mehr Nachfragen auch nichts bringt.

    Zur Person: Marietta Slomka, geboren am 29. April 1969 in Köln, hatte schon als Kind den Wunsch, Journalistin zu werden. Nach ihrem Abitur studierte sie Volkswirtschaft und Internationale Politik an der Universität Köln und an der University of Kent in England. Vor 25 Jahren moderierte Slomka, die nach dem Examen bei der Deutschen Welle volontierte, zum ersten Mal die Nachrichtensendung heute journal. Darüber hinaus ist sie als Reporterin für das ZDF im Einsatz, und hat mehrere Bücher verfasst (unter anderem „Kanzler lieben Gummistiefel“). Slomka ist seit 2019 in zweiter Ehe mit dem Architekten Andreas Veauthier verheiratet.

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