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„Meilenstein in der Behandlung“ – wie ein winziges Implantat Blinde wieder sehen lässt

Medizin

„Meilenstein in der Behandlung“ – winziges Implantat lässt Blinde wieder sehen

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    Die altersbedingte Makula-Degeneration zählt zu den häufigsten Augenkrankheiten in Deutschland.
    Die altersbedingte Makula-Degeneration zählt zu den häufigsten Augenkrankheiten in Deutschland. Foto: Adobe Stock

    Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Das Verfahren ist noch nicht zugelassen, und die Studie beruht auf Resultaten an 32 Patienten. Aber ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Netzhautimplantat Menschen mit einer bestimmten fortgeschrittenen Form der altersabhängigen Makula-Degeneration (AMD) wieder zu einer gewissen Sehfähigkeit verhelfen kann. Diese ist die häufigste Ursache für den Verlust des Sehvermögens.

    Mitunter konnten die Patientinnen und Patienten sogar wieder lesen, wie das internationale Forschungsteam um Studienkoordinator Frank Holz von der Uniklinik Bonn im New England Journal of Medicine („NEJM“) berichtet. „Das ist ein sehr großer Erfolg“, sagt der Augenmediziner Peter Walter, der nicht an der Studie beteiligt war. „Für diese Patienten haben wir bisher nichts, was wirklich hilft“, betont der Direktor der Klinik für Augenheilkunde an der Uniklinik RWTH Aachen.

    Rund sieben Millionen Menschen in Deutschland sind von AMD betroffen

    Eine solche Therapie wünschen sich viele Menschen sehnlichst: Denn die im höheren Alter auftretende AMD ist in westlichen Ländern die häufigste Ursache für den Verlust des Sehvermögens. Betroffen ist mit der Makula ausgerechnet jenes nur wenige Quadratmillimeter kleine Areal im Zentrum der Netzhaut, mit dem das Auge am schärfsten sieht.

    Weltweit sind von AMD rund 200 Millionen und in Deutschland Schätzungen zufolge rund sieben Millionen Menschen betroffen – allerdings mit verschiedenen Formen und in unterschiedlichen Stadien. „Die altersbedingte Makula-Degeneration ist eine Volkskrankheit“, sagt Walter. „Sie betrifft hierzulande in irgendeiner Form etwa ein Drittel der Menschen im Alter über 70 Jahren.“ Das nun getestete Implantat könnte gegen die Spätform der trockenen AMD helfen – die sogenannte geografische Atrophie.

    Weltweit leiden daran den Studienautoren zufolge etwa 5 Millionen Menschen, Walter schätzt die Zahl der Betroffenen bundesweit auf etwa 100.000 bis 500.000 Menschen – aber bei weitem nicht alle kämen für das nun vorgestellte Verfahren infrage.

    Injektionen können die Atrophie zwar bremsen, aber nicht die Sehfähigkeit verbessern

    Primär betroffen ist bei der geografischen Atrophie das Pigmentepithel – diese Zellschicht versorgt die darüberliegenden lichtempfindlichen Photorezeptoren unter anderem mit Nährstoffen. Geht das Pigmentepithel zugrunde, sterben in der Folge auch die Photorezeptoren ab.

    Betroffen hiervon ist im Zentrum der Makula vor allem die Fovea centralis – auch Sehgrube genannt. Diese winzige Vertiefung mit einem Durchmesser von 1,5 Millimetern, wo die lichtempfindlichen Zellen besonders eng gepackt sind, ermöglicht Menschen das schärfste Sehen.

    Bisher können monatliche oder zweimonatliche Injektionen mit sogenannten Komplement-Inhibitoren ins Auge das Fortschreiten der geografischen Atrophie zwar bremsen. Aber diese Stoffe, die zurzeit in den USA, nicht aber in Europa zugelassen sind, bessern die Sehfähigkeit nicht. Und sind in der Sehgrube die lichtempfindlichen Photozellen, die Licht in elektrische Impulse umwandeln, erst abgestorben, sind die Medikamente nutzlos.

    Ein Netzhautleiden ist die sogenannte Makula-Degeneration.
    Ein Netzhautleiden ist die sogenannte Makula-Degeneration. Foto: Sebastian Widmann/dpa

    „Diese Menschen sind sehr unglücklich“, erläutert Walter. Sie sind oft in ihrer Mobilität eingeschränkt und verlieren nun auch noch die Fähigkeit, zu lesen, fernzusehen oder Freunde und Verwandte zu erkennen. In der Folge seien sie oft sozial isoliert, sie hätten ein erhöhtes Sturz- und Verletzungsrisiko, viele Menschen würden depressiv, so Walter. „Nun haben wir zum ersten Mal ein Verfahren, das eine gewisse Sehfähigkeit wieder herstellen kann.“

    Erst in diesem fortgeschrittenen Stadium käme das neue sogenannte PRIMA-Verfahren (Photovoltaic Retina Implant Microarray) zum Zug, das Co-Autor Daniel Palanker an der Stanford University entwickelt hat. Dabei wird das 2 mal 2 Millimeter kleine und nur 30 Mikrometer (Tausendstel Millimeter) dünne Implantat, das 378 Elektroden enthält, im Rahmen eines mikrochirurgischen Eingriffs unter die Netzhaut eines Auges gepflanzt.

    Zudem müssen die Patienten eine spezielle Brille mit integrierter Kamera tragen, die die Bilder in Echtzeit per Infrarotlicht durch das Auge auf das Implantat projiziert. Dieses wiederum wandelt die Bilder in elektrische Sig-nale um, die zum visuellen Cortex ins Gehirn geleitet werden. Die Energie-versorgung läuft per Photovoltaik, und die Patienten können bei den Bildern Helligkeit, Kontrast und Zoom an einem kleinen Prozessor einstellen.

    Bei 80 Prozent der Studienteilnehmer verbesserte sich das Sehvermögen deutlich

    In der Studie, die in fünf europäischen Ländern – darunter Deutschland – lief, bekamen 38 Männer und Frauen das Implantat, das Durchschnittsalter betrug knapp 79 Jahre. Die nun veröffentlichten Resultate beruhen auf den Daten von 32 Patienten.

    Gut 80 Prozent erreichten im Zeitraum bis zwölf Monate nach dem Eingriff eine deutliche Besserung des Sehvermögens. Bei ihnen besserte sich das Seh-vermögen auf einer standardisierten Sehtafel mit fünf Buchstaben pro Zeile um mindestens zehn Buchstaben.

    Im Durchschnitt der Teilnehmer waren es 25 Buchstaben, was auf der Sehtafel etwa fünf Zeilen entspricht. Ein Teilnehmer steigerte das Sehvermögen sogar um 59 Buchstaben – also etwa 12 Zeilen. Gut 84 Prozent der Teilnehmer konnten nach einem Jahr zu Hause Zahlen, Buchstaben oder Wörter lesen.

    Vielversprechendes Implanttat: Ein Studien-Teilnehmer steigerte das Sehvermögen um 59 Buchstaben.
    Vielversprechendes Implanttat: Ein Studien-Teilnehmer steigerte das Sehvermögen um 59 Buchstaben. Foto: Marijan Murat, dpa (Symbolbild)

    Bei 19 Teilnehmern traten – meist zu Anfang der Therapie – Nebenwirkungen auf, die sich in fast allen Fällen schnell besserten. Am häufigsten war mit sechs Fällen ein zeitweilig erhöhter Augeninnendruck. Insgesamt sei das Vorgehen gut verträglich, schreibt die Gruppe. „Der Nutzen übersteigt die Nebenwirkungen bei weitem“, betont einer der Studienleiter, José-Alain Sahel von der Sorbonne Université in Paris.

    Ebenfalls wichtig: Das periphere Sehen blieb dabei stabil – die Netzhaut jenseits der Makula war unbeeinträchtigt. Dass dies auch über Jahre so bleibt, belegt eine schon früher gestartete Machbarkeitsstudie an fünf Patienten, deren Resultate vor einem Jahr im Fachblatt „Ophthalmology Science“ publiziert wurden.

    „Die Ergebnisse markieren einen Meilenstein in der Behandlung der geogra-fischen Atrophie“, sagt der Erstautor Holz, Netzhautchirurg und Direktor der Augenklinik der Uniklinik Bonn. „Erstmals gelingt es, zentrale Sehfunktionen bei fortgeschrittener AMD teilweise zurückzugewinnen. Für viele Betroffene eröffnet sich dadurch eine neue Perspektive.“

    Betroffene müssen ihr Sehvermögen monatelang trainieren

    Allerdings ist bei dem Verfahren die Mitwirkung der Menschen nötig. Diese müssen gewillt und auch kognitiv dazu in der Lage sein, ihr Sehvermögen monatelang gezielt zu trainieren. „Es kann mehrere Monate Training brauchen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen“, sagt Entwickler Palanker.

    Den Nutzen aus Patientensicht beschreibt das University College London an der Teilnehmerin Sheila Irvine. „Bevor ich das Implantat erhielt, schien es, als hätte ich zwei schwarze Scheiben in meinen Augen.“ Die Operation sei schmerzfrei verlaufen, berichtet sie. „Als ich anfing, einen Buchstaben zu sehen, war ich absolut aufgeregt.“ Dennoch sei es nicht leicht gewesen, wieder lesen zu lernen, sagt die Frau, die nun nach Angaben der Hochschule lernt, Puzzles zu legen und Kreuzworträtsel zu lösen.

    Allerdings warnt der Experte Walter vor übertriebenen Hoffnungen: „Die Menschen brauchen eine gewisse Zeit, bis sie die Buchstaben sehen.“ Und auch dann sei ihre Fähigkeit mit dem natürlichen Lesen nicht vergleichbar.

    Hersteller hat bereits eine Zulassung des Verfahrens beantragt

    Der Hersteller des Geräts, das US-Unternehmen Science Corporation, hat schon eine Zulassung des Verfahrens für Europa und auch für die USA beantragt. Wie lange dies dauern könne, sei offen sagt Studienkoordinator Holz. Möglicherweise könne der Zulassungsprozess weniger als ein Jahr brauchen.

    Im Falle einer Zulassung stellt sich dann die Frage nach dem Preis. Die Operation sei anspruchsvoll und aufwendig, aber für einen Netzhautchirurgen gut machbar, so Walter. Holz sagt, die Dauer liege bei einem erfahrenen Augenchirurgen unter zwei Stunden: „Der chirurgische Aufwand ist somit überschaubar.“ Was der Hersteller dagegen für Implantat, Prozessor und Brille berechnet, sei derzeit noch offen.

    „Dieses Verfahren bringt Erfolge, aber gerade am Anfang wird es sicherlich sehr viel Geld kosten“, sagt Walter. Ob das Gesundheitssystem sich das leisten wolle, sei auch eine gesellschaftliche Frage. „Letztlich geht es darum: Wie viel sind wir dafür bereit zu bezahlen?“

    Implantat erzeugt bislang nur Bilder in schwarz-weiß

    Walter schätzt, dass in Deutschland etwa 50.000 bis 100.000 Menschen für den Eingriff infrage kommen. So müsse etwa das Auge – abgesehen von der AMD – noch weitgehend funktionsfähig und der Sehnerv intakt sein.

    Nach Angaben der Stanford University soll das Implantat weiter verbessert werden: Bislang sind die erzeugten Bilder schwarz-weiß, kommende Versionen sollen auch Grautöne ermöglichen. „Ganz oben auf der Wunschliste der Patienten steht Lesen“, sagt Palanker. „Aber gleich danach kommt das Erkennen von Gesichtern. Und dafür braucht man Graustufen.“

    Zudem will Palanker die Auflösung von momentan 378 Pixel drastisch steigern: Künftige Varianten, die schon an Tiere getestet seien, könnten 10.000 Pixel haben. (Walter Willems, dpa)

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