Ohne es zu merken, hat Deutschland eine historische Schwelle überschritten, symbolträchtig, bedeutsam, unumkehrbar. Laut der aktuellsten Studie der Europäischen Zentralbank wurden hierzulande 52 Prozent der Käufe mit Bargeld getätigt. Allerdings sind die dabei verwerteten Zahlen aus dem Jahr 2023 – und die Tendenz war immer weiter fallend, im Jahr zuvor waren es noch 59 Prozent gewesen. Inzwischen also kann sicher gelten: Die Mehrheit der Transaktionen in Deutschland ist digital.
Und die kommende Bundesregierung plant, der Entwicklung noch einen weiteren Schub zu verpassen. Denn künftig sollen alle Läden und Lokale verpflichtend auch die Möglichkeit, mit Karte zu zahlen, anbieten müssen. Wie immer in dieser Frage wird der Schritt damit begründet, die Gefahr von Steuerhinterziehung zu verringern. Und ganz gewiss ist bei ohnehin aktuellen Einnahmerekorden des Bundes ein finanzpolitischer Knüller, wenn am Kiosk um die Ecke oder im kleinen Café oder Liebhabergeschäft neben der Bargeldkasse nun auch noch Kartenlesegerät zu stehen hat, Riesending! Für die Kleinunternehmer jedenfalls vom Aufwand her ist es das schon viel eher …
Von USA bis Asien, auch in der EU – alle sind mal wieder vorneweg
Nein, es geht hier eben um einen Bereich, in dem nicht nur eine internationale Finanzlobby in Richtung Digitalisierung zieht, sondern auch der internationale Vergleich nur diese eine Richtung vorzugeben scheint. Von USA bis Asien, auch in der EU: Da sind sie natürlich mal wieder vorneweg, diese Skandinavier, die doch längst nur noch mit Karte oder App einkaufen, in Schweden etwa sind es nach Angaben der dortigen Riksbank 90 Prozent.
Da muss das Deutschland der traditionell Bargeldliebenden Schlafmützigkeit (wann kaufen denn endlich alle Aktien und ETF?) doch endlich mal hinterher! Man kennt das ja von der Digitalisierung in den Schulen, dieses Rückständigkeitsseufzen, dieses Aufbruchsdynamikverordnen (können wir vielleicht direkt zu dem Punkt voran springen, wo die KI gleich die Lehrer ersetzt und die Kinderhirne programmiert?).
Schweden sorgt sich: Das Vertrauen ins Geld geht verloren
Aber ganz ähnlich wie auch dort kürzlich von einem Umdenken etwa aus Schweden berichtet wurde, weil sich zeigte, dass parallel zur höheren Digitalisierungsquote auch die Lern- und Lesekompetenz zurückgeht: Schweden will nun auch das Bargeld retten! Und dafür sind, so berichtet der britische Guardian, schwerwiegende Sorgen ausschlaggebend: Die Anfälligkeit für Cyberattacken ist deutlich höher und deren Auswirkungen wären deutlich größer. Und weil Bargeld kaum noch verbreitet ist, sinkt auch die Vertrautheit der (zumal jüngeren) Menschen damit, geht das Vertrauen verloren – ohne das Geld aber halt nun mal nichts wert ist. Die Entwöhnung führt zur Delegitimierung. Im Digitalkrisenfall fiele dann die Rückkehr zum Baren aus und damit das Finanzsystem ins Leere – Kollaps.
In den Broschüren, die derzeit vom Verteidigungsministerium an alle verschickt werden mit dem Titel „Wenn Krise oder Krieg kommen“ wird darum vorsorglich ermutigt, doch wieder mehr und regelmäßig mit Bargeld zu bezahlen und zudem eine Barsumme zu Hause zu haben, die für den Unterhalt einer Woche genügt. Gleiches tut sich in Norwegen, wo auch schon die zuständige Ministerin öffentlich warnte. Und während sich in Deutschland derzeit gerade die Lokale ausbreiten, in denen nur noch mit Karte oder App bezahlt werden kann, „No Cash!“, droht die Regierung in Oslo Händlern per Gesetz Strafen an, die genau das tun. Deutschland dagegen sanktioniert noch „Only Cash“ …
Am anderen Ende des Spektrums wachsen Kryptowährungen heran
Nun könnte man an dieser Stelle freilich wieder mal all die guten Gründe fürs Bargeld aufreihen, vom Zählenlernen der Kinder bis zur auch einen Wert fassbar machende Konkretheit eines Zahlungsmittels im Gegensatz zum digitalen Ziffernabgleich (bitte einfügen auch einen Verweis auf Simmels „Philosophie des Geldes“ und das Dostojewskis Satz „Bargeld ist geprägte Freiheit“, das bloß leider aus dem Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ und damit spezifisch die Funktion des Geldes in Strafkolonie bzw. Gefängnis meint, wo Kartenzahlungsmöglichkeiten – zumal zu dessen Zeit – ohnehin eher weniger verbreitet sind).
Aber in diesen Zeiten ist die große Frage der konkreten Währung und ihrer Sicherheit samt der Unabhängigkeit ihrer Währungshüter tatsächlich die entscheidende. Denn am anderen Ende des Spektrums wachsen Kryptowährungen heran, Spekulationsobjekte außerhalb staatlicher Kontrolle. Vom reinen Fetisch wie die eigene des US-Präsidenten Donald „Deal“ Trump bis hin zu hochkomplex verschachtelten Digitalkonstruktionen wie Bitcoin, zu deren Gewinnung („Mining“ = Schürfen) weltweit inzwischen riesige Rechenzentren mit riesigem Energiebedarf betrieben werden und dabei jede Möglichkeit einer verbreiteten Nutzung als Zahlungsmittel im Alltag immer unrealistischer wird. Ein Irrsinn. Im Vergleich dazu ist das regelmäßige Geheule über die Kosten für Prägung und Druck von Bargeld ein Witz – in Branchensprache: Peanuts!
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