Das Halbfinale des Dschungelcamps mit Gil Ofarim in diesem Jahr erreichte die höchsten Einschaltquoten seit der ersten Staffel 2004. Und trotzdem fragen sich auf jetzt viele, ob das Reality-TV endgültig seinen Reiz verloren hat. Wie passt das zusammen?
Die Reality-Formate sind breit gefächert. Sich daten am Pool bei Love Island, die Auserwählte bei Princess Charming werden, die Beziehung auf die Probe stellen bei Temptation Island oder das soziale Miteinander im Sommerhaus der Stars testen - alles möglich im Fernsehen. Und es kommen immer neue Reality-Formate dazu. Wenn eine Show nicht mehr die nötigen Quoten erreicht, wird sie abgesetzt und eine neue aus dem Boden gestampft.
In Reality-Shows scheinen Teilnehmende oft bestimmten Rollen zu spielen
Seit der Corona-Pandemie boomt die Nachfrage. WGs treffen sich zum „Trash-TV-Abend“ und auf Dating-Apps wird „Trash-TV“ als Hobby angegeben. Während es früher allerdings vielen Menschen noch Spaß machte, anderen beim Verlieben, Streiten, Vertragen und über sich Hinauswachsen zuzuschauen, unter dem Deckmantel der vermeintlichen Authentizität, ist davon heute nur noch wenig zu spüren.
Reality-TV hat sich in den letzten Jahren verändert, sagen selbst Menschen aus der Branche. Reality-Star, meistens in Verbindung mit einer Karriere als Influencer, ist attraktiv und ein eigener Beruf geworden. Aber von der Reality ist nicht mehr viel übrig. Oft hat man das Gefühl, dass Teilnehmende bestimmten Rollen spielen, Dinge einstudieren oder sich sogar absprechen, um für die Sender interessant zu bleiben und für die nächste Show gebucht zu werden. Denn Formate, die in die sechste oder siebte Staffel gehen, haben oft ein Problem mit der Einzigartigkeit. Die Shows und Geschichten der Kandidatinnen und Kandidaten verschwimmen. Das merken Teilnehmende, Produzentinnen und Sender. Als vermeintliche Lösung werden gezielt polarisierende Menschen eingeladen, die Aufmerksamkeit, ob positiv oder negativ, generieren und das Format binden sollen.
Der Sender hätte Ofarims Aussagen einordnen oder kritisch hinterfragen können
Und das funktioniert, wie die Teilnahme Ofarims im Dschungelcamp zeigt. Sein Konzept ging auf: ruhig bleiben, keine Reue zeigen und Zweifel unter den Zuschauenden säen. Er hat gewonnen. „Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer, obwohl ich das bin“, sagte der Geschädigte Markus W. im Interview mit der Zeit nach Ende der Ausstrahlung. 2021 hatte ihm Ofarim antisemitische Diskriminierung vorgeworfen. Die Anschuldigungen stellten sich jedoch als falsch heraus, Ofarim nahm seine Darstellung zurück und entschuldigte sich. Der Fall zeigt ein Problem des Reality-TVs. Von Seiten des Senders und der Produktion wäre es möglich gewesen, während oder nach der Ausstrahlung Ofarims Aussagen einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Doch das passierte nicht - und das zieht sich durch die Formate.
Denn das, was im Fernsehen oder auf Streaming-Plattformen ausgestrahlt wird, mangelt oft an kritischer Einordnung. Eine Trigger-Warnung oder Einblendung hier, ein gepiepstes Wort und Statement auf Social Media da, mal eine Kandidatin, die die Show verlassen muss, zum Teil nur mit vager Begründung. Wie Sender mit Menschen und Situationen im Reality-TV umgehen, die auf problematische Weise die Grenzen anderer überschreiten, wirkt intransparent und willkürlich. Warum auch anders, wenn die ausgerutschte Hand, das Fremdgehen, der Übergriff, die Beleidigung, die diskriminierende oder rassistische Aussage oder der unverhoffte Gewinner hohe Einschaltquoten und Resonanz mit sich bringen?
Instagram wirkt wie eine Art zweiter Schauplatz des Reality-TVs
Vor allem offen frauenfeindliche und -verachtende Aussagen und Taten scheinen sich etabliert zu haben. Und das hat Auswirkungen, auch auf Social Media. Gerade Instagram kann mittlerweile als eine Art zweiter Schauplatz des Reality-TVs gesehen werden. Wer sich zur ausgestrahlten Folge äußern, etwas erklären, kommentieren oder sich entschuldigen möchte, nutzt die Plattform. In den Kommentarspalten mancher Reality-Kandidatinnen oder in den gezeigten DMs von Kandidatinnen zeigt sich, dass Frauenhass nach wie vor ein tiefsitzendes Problem ist.
Ist also Reality-TV im Sinne der leichten Unterhaltung tot? Die Frage scheint angesichts der Quoten aus der Luft gegriffen. Scheinbar stört das Verhalten der Sender und mancher Teilnehmenden viele Zuschauerinnen und Zuschauer nicht. Wer jedoch einst Formate verfolgte, um dem Alltag zu entfliehen und vermeintlich authentische Menschen und Situationen zu sehen, wird heute immer mehr von Inszenierungen und Realityprofis enttäuscht. Das nächste Dschungelcamp werden aber trotzdem wieder Millionen schauen.
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