Pro: Einblicke in die Lebenswelt derer, die Entscheidungen für uns treffen
Auf Mallorca die Sonne genießen, während im eigenen Bundesland Menschen um ihre Existenz bangen: Der ehemaligen Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen Ursula Heinen-Esser brachte das nach der Flut-Katastrophe im Ahrtal viel Kritik ein, die letztlich zu ihrem Rücktritt führte. Ebenso bei Ex-Bundesfamilienministerin Anne Spiegel. Auch, wenn viele Politikerinnen und Politiker sich wünschen, dass private Entscheidungen sich nicht auf ihre Karriere auswirken, zeigt die Geschichte: Menschen interessiert sehr wohl, was ihre Vertreterinnen und Vertreter in ihrer Freizeit tun.
Dass CSU-Politiker Horst Seehofer 2007 ein Kind mit seiner Geliebten erwartete, ließ viele an seinen christlichen Werten zweifeln. Parteivorsitzender wurde er ein Jahr später trotzdem. Der Verdacht auf Steuerbetrug und sexuelle Belästigung hat schon vor Donald Trumps Präsidentschaft erahnen lassen, was da kommen könnte. Fakt ist: Was Politikerinnen und Politiker privat so treiben, gibt Bürgerinnen und Bürgern Einblicke in die Lebenswelt derer, die Entscheidungen für sie treffen. Wenn Grünen-Politikerin Katharina Schulze wie 2019 ihren Urlaub in den USA verbringt, mögen die einen an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln, während andere erleichtert sind, dass sogar berufliche Klimaschützerinnen ab und an ins Flugzeug steigen.
Ist es nicht beruhigend, wenn Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin mit Freundinnen feiert? Eine Frau mit Verantwortung und Ehrgeiz, die sich eine tanzende Auszeit vom politischen Trubel nimmt. Eher Vorbild statt schlechtes Beispiel. Auch Friedrich Merz sei sein Tänzchen beim CSU-Sommerfest gegönnt. In dem oft so bieder wirkenden Politiker steckt eben doch nur ein Mensch.
(Laura Wiedemann)
Contra: Sonst finden sich irgendwann keine Menschen mehr für die Politik
Was haben die Klimaschützerin, die mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegt, und der konservative Politiker, der eine außereheliche Affäre hat, gemeinsam? Sie haben entgegen der Ideale gehandelt, die sie vertreten. Zwar im Privatleben, aber für die Öffentlichkeit macht das oft keinen Unterschied. Nun müssen sie sich der Empörung und der Kritik stellen.
Aber ist das wirklich gerechtfertigt? Muss jeder, der eine politische Meinung vertritt, sein Handeln auch zu 100 Prozent daran ausrichten? Auch dann, wenn vermeintlich niemand zusieht?
Natürlich wäre es schön, wenn jeder den hohen Idealen gerecht würde, denen er sich verschrieben hat. Aber Hand aufs Herz, wer ist im Leben wirklich so konsequent? Wer hat noch nicht eine Entscheidung getroffen, die er später bereut hat? Wer hat noch nicht aus Notwendigkeit oder Bequemlichkeit entgegen der eigenen Überzeugungen gehandelt? Haben sich deswegen die eigenen Werte direkt gewandelt?
Wenn man von Menschen erwartet, konsequent jederzeit so zu handeln, wie sie es auch auf einer politischen Bühne vertreten würden, dann werden sich irgendwann keine Menschen mehr finden, die politisch für etwas eintreten. Sie könnten ja in ihrem Privatleben etwas getan haben oder noch etwas tun, was nicht ihren Überzeugungen entspricht.
Anstatt also darauf zu achten, dass jeder im Privaten so lebt, wie er es öffentlich vertritt, sollte man froh sein, dass man nicht zu denen gehört, deren ganzes Privatleben durchleuchtet wird, um wahre oder vermeintliche Fehltritte aufzudecken. Selbst wenn dann nur ein Tanzvideo gefunden wird, wie bei der finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin.
(Quirin Hönig)