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Reisen in Taiwan: Laternen für die eigenen Wünsche steigen lassen

Wo General Chiang Kai-shek sich zum Nachdenken zurückzog:  die Ci’en-Pagode am Südufer des Sonne-Mond-Sees.
Foto: Stefanie Wirsching
Jahr des Feuerpferdes

Junge Generation in Taiwan: „Wir machen uns mehr Sorgen um Geld als um die politische Lage“

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    Gesundheit. Glück. Geld. Und Liebe natürlich. Es ist schon so: Man kann um die halbe Welt reisen, die großen Wünsche der Menschen sind die gleichen. Gerade fliegen wieder die nächsten in den Himmel, geschrieben mit schwarzer Farbe und Pinsel auf große bunte Laternen! „More Money“, „Success in all aspects of my life“, „Happiness forever“ … ...irgendwer dort oben im Grau wird sie hoffentlich erfüllen.

    Ballonspektakel in Shifen: Die rote Seite der Laterne steht für Gesundheit und Frieden

    Wer nach Shifen fährt, den kümmert nicht das Grau, nicht der Nieselregen, nicht das Wetter des Tages, nicht also die Gegenwart, sondern die Zukunft. Die soll strahlend sein! Der wolkenverhangene Himmel ist mit Ballons gesprenkelt wie mit Sommersprossen. Auf den Bahngleisen, die mitten durch den Bergort führen und auf denen einst die japanischen Besatzer die Kohle abtransportieren ließen, stehen im Abstand von einigen Metern die Touristen vor ihren bemalten Himmelslaternen – zu zweit, als Familie, Freundesrunden und, weil es regnet, oft in den gleichfarbigen Plastikmänteln. Fotografen dirigieren die Gruppen: Jetzt bitte alle das Herzzeichen mit den Händen machen, jetzt lachen, jetzt die Hände hoch, jetzt die Laterne drehen, damit auf den Bildern auch die anderen Seiten zu sehen sind. Dann wird der Brenner angezündet, ein letztes Bild, und ab nach oben in den Himmel voller Wünsche. Zurückbleiben – Hoffnungen und Handyfotos! Und in den Bäumen die Überreste der abgestürzten Träume. Wer von den Einheimischen die Ballonfetzen aufliest und abgibt, wird der Reiseführer erzählen, erhält dafür Geld …

    Aufsteigende Hoffnungen: Täglich schicken Touristen in Shifen Laternen, beschriftet mit Wünschen, in den Himmel.
    Aufsteigende Hoffnungen: Täglich schicken Touristen in Shifen Laternen, beschriftet mit Wünschen, in den Himmel. Foto: Stefanie Wirsching

    Zigtausende Touristen kommen jedes Jahr in das Dorf im Bezirk Pingxi, etwa eine Dreiviertelstunde von der Hauptstadt Taipeh entfernt. Es ist einer von zwei Orten, an dem man nicht nur zum im ganzen Land groß gefeierten Laternenfest seine Wunschballons in den Himmel schicken darf, sondern an jedem Tag. Entlang der Hauptstraße, der Shifen Old Street, reihen sich Essensläden und Laternengeschäfte. Mit den Lampions wird ein kleines Servicepaket verkauft: Pinsel, Farbe, Fotos. Es gibt einfarbige und vielfarbige Laternen, wessen Wünsche vielfältig sind, sollte die bunten nehmen: Kostet ein bisschen mehr, aber mit der Farbkombination Gelb, Orange, Pink und Grün deckt man beispielsweise schon vier Kategorien ab: nämlich Reichtum, Heirat, Erfolg und Glück … na dann! So steht es jedenfalls auf dem laminierten Infoblatt. Wem es um Popularität geht, der sollte Magenta wählen! Fast alle Laternen aber haben eine rote Seite: Die nämlich steht für Gesundheit – und für Frieden.

    Mit spektakulären Lichtshows und Laternen wird wie zuletzt in Taoyuan das Laternenfest gefeiert. Jedes Jahr zieht das Festival in eine andere Provinz.
    Mit spektakulären Lichtshows und Laternen wird wie zuletzt in Taoyuan das Laternenfest gefeiert. Jedes Jahr zieht das Festival in eine andere Provinz. Foto: Stefanie Wirsching

    Wünsch dir was! Gutes Wetter und Wohlstand, Sicherheit und Frieden für Taiwan sowie Stabilität im Indopazifik und globale Harmonie. Das waren die Wünsche, die der taiwanesische Präsident Lai Ching-Te für das Jahr 2025 bei der traditionellen Neujahrszeremonie verkündete. Große Wünsche für den demokratischen Inselstaat, der auf dem Wunschzettel des so viel größeren Nachbarn Chinas steht, der das Land nur als abtrünnige Provinz betrachtet. 180 Kilometer Meer trennen die Küsten. So wie unser Reiseführer Tsu-Yi Hsu aber winken viele ab, wenn sie auf das ständige Säbelrasseln aus China angesprochen werden. Gerade die Touristen aus Europa würden oft auf die Frage, was sie nach Taiwan gebracht habe, antworten: Weil sie das Land noch einmal sehen wollen, bevor es sich China einverleibt. Tsu-Yi Hsu schüttelt lächelnd den Kopf: „Ich bin 63 und schon seit meiner Kindheit höre ich, dass die Chinesen unser Land übernehmen wollen“, sagt er, „warum soll ich Angst haben?“ Er habe sich längst daran gewöhnt.

    Sonne-Mond-See: Eine Tempelgroßmutter, die zuhört

    Wünsch dir was, die nächste Station. An zwei Tagen im September gehen hier am Sonne-Mond-See die Wünsche von tausenden Taiwanesen in Erfüllung: endlich erwachsen werden. Drei Dinge muss ein Taiwanese dafür tun, erzählt Tsu-Yi Hsu: den Jadeberg besteigen, mit knapp 4000 Metern höchster Gipfel Taiwans, einmal rund um das ganze Land radeln und eben durch den Sonne-Mond-See schwimmen. Das aber ist verboten – mit Ausnahme zweier Tage im September. Beim Mitherbstfest springen bis zu 25 000 Menschen dann in den See, Profis wie Amateure, die kraulend oder doch eher mit Schwimmnudel paddelnd die 3000 Meter lange Strecke zum anderen Ufer bewältigen. Wer auch sportlich, aber lieber trocken bleiben möchte, kann stattdessen eine Runde mit dem Rad drehen – auf einem auf 33 Kilometern ausgebauten Weg entlang am See und durch den Wald, gesäumt von armdicken Bambusstöcken und kopfhohen Farnen, vom Reise- und Lifestyle-Portal des Fernsehsenders CNN zu einem der zehn schönsten Radwege der Welt gewählt. 

    Blick auf den Sonne-Mond-See in Taiwan vom Wenwu-Tempel aus.
    Blick auf den Sonne-Mond-See in Taiwan vom Wenwu-Tempel aus. Foto: Stefanie Wirsching

    Den Namen hat der größte Binnensee des Landes wegen seiner Uferformen erhalten: im Osten die Sonne, im Westen die Mondsichel … mit sehr viel Fantasie betrachtet, zum Beispiel von der obersten Plattform der Ci’en-Pagode am Südufer, die der Staatsgründer General Chiang Kai-shek (1887–1975) als Andenken für seine Mutter errichten ließ. Vor allem in seinen letzten Jahren soll der Diktator, der mit seinem Weißen Terror das Land überzog, zugleich die Weichen für den wirtschaftlichen Fortschritt des heutigen Chip-Champions stellte, sich gerne hier zum Nachdenken zurückgezogen haben. Wenn man die Wendeltreppe des Turms mit ihrem schneeweißen Geländer hinaufsteigt, kann man sich oben angesichts der Aussicht auch mal im Schauen vergessen: die vom Wald grün bedeckten Hügel, die dunkel sich im Hintergrund abzeichnenden Berge des Zentralmassivs, der schimmernde See mit seinen Buchten. Es heißt, immer dann, wenn die Glocke oben im Turm geschlagen wird, geht ein Wunsch in Erfüllung …

    Tempelgroßmutter Pure Su, 63 Jahre, deutet für Besucher des Wenwu-Tempels das Orakel. Was man für diese Arbeit benötigt: Vor allem Lebenserfahrung.
    Tempelgroßmutter Pure Su, 63 Jahre, deutet für Besucher des Wenwu-Tempels das Orakel. Was man für diese Arbeit benötigt: Vor allem Lebenserfahrung. Foto: Stefanie Wirsching

    Gleich noch einmal hinauf – jetzt aber auf die oberste Plattform des imposanten Wenwu-Tempels am Nordufer, der beim verheerenden Erdbeben 1999 in großen Teilen zerstört wurde. 366 Stufen zum Himmel und dem nächsten spektakulären Ausblick über orangefarbene Pagodendächer auf den See. Mit Spendengeldern wurde der Tempel, der dem Kriegsgott Guan Yu und Konfuzius gewidmet ist, wieder aufgebaut, größer denn je – es blieb sogar noch etwas übrig, sodass nun hinter dem Tempel auf großen Steinreliefs die Geschichte all der Götter, die hier angebetet werden, erzählt wird. Eingemeißelt daneben die Namen der Spender. An einem Stand in der Anlage trifft man auf Pure Su, 63 Jahre alt. Vor fünf Jahren ist die frühere Verkäuferin in Rente gegangen, aber keineswegs nun ohne Arbeit. Pure Su arbeitet als Tempel-Großmutter und deutet für Tempelbesucher das Orakel. „Eine große Ehre“, wie sie sagt. Als Arbeitsvoraussetzungen gelten Lebenserfahrung und eine mehrmonatige Ausbildung. Etwa 10 Minuten brauche sie für ein Gespräch, in dem sie mit den Gläubigen über das von ihnen gezogene Orakel spricht, sich hineinfühlt in die Sorgen und Sehnsüchte, es klingt wie eine Art Kurztherapie. Auch Wünsche, die auf dünne Metallplättchen geschrieben, im wahrsten Sinne an einem seidenen Faden dann vor dem Tempel hängen, verkauft sie. Oder Stifte, die einem durch die Prüfung helfen sollen. Was also wünschen sich die Menschen? Gesundheit, sagt Pure Su, langes Leben, Liebe, Erfolg, Frieden für die ganze Familie… die Kinder gute Noten und weniger Hausaufgaben.

    Taipeh: Das „One-O-One“ und ein Nachtmarkt, der alle Wünsche erfüllt

    Und ein letztes Mal hinauf, nun aber in Taipeh, auf das bis 2007 höchste Gebäude der Welt: den „Taipei 101“, einen halben Kilometer hinauf in den Himmel, 101 Stockwerke, eine 660 tonnenschwere, an Stahlseilen schwingende Kugel stabilisiert den Turm bei Erdbeben. Der Blick von der Aussichtsplattform ist zugleich spektakulär und ernüchternd: Nein, eine Schönheit ist diese graue, von gesichtslosen Wolkenkratzern gespickte und zwischen grünen Hügeln mäandernde Hauptstadt nicht, imposant aber natürlich doch. Rund vier Millionen Menschen leben im Ballungsgebiet, eine davon, Alice Chen, 27. Alice kommt aus dem Süden, hat Philosophie studiert, arbeitet nun als Touristenführerin im „One-O-One“. Mit ihrer Schwester teilt sie sich eine Wohnung in der Hauptstadt.

    Touristenführerin Alice sagt: „Wir machen uns mehr Sorgen um Geld als um die politische Lage.“
    Touristenführerin Alice sagt: „Wir machen uns mehr Sorgen um Geld als um die politische Lage.“ Foto: Stefanie Wirsching

    Wie blickt sie auf den Konflikt mit China? „Das ist ein Problem, das wir sehen, aber das wir nicht lösen können“, sagt Alice achselzuckend. In ihrer Familie diskutiere man darüber offen, in anderen nicht, denn das Thema birgt auch innerhalb der Bevölkerung und zwischen den Generationen viel Konfliktpotenzial: Wie soll sich Taiwan, das den Namen „Republik of China“ trägt, dessen Souveränität aber nur von elf Staaten anerkannt wird, verhalten? Ruhig im Status quo verharren, die Unabhängigkeit vorantreiben, oder sich doch dem großen Nachbarn annähern? „Ich hätte gerne eines Tages nur noch Taiwan in meinem Pass stehen, ohne den Zusatz Republic of China“, sagt Alice, aber für ihre Generation seien andere Themen wichtiger: bezahlbarer Wohnraum, bezahlbare Ausbildungen, gute Jobs. „Wir machen uns mehr Sorgen um Geld als um die politische Lage.“

    Blick auf Taipeh - nicht vom "One-O-One" (rechts im Hintergrund), sondern aus der Seilbahn am Berg Maokong im Süden der Stadt.
    Blick auf Taipeh - nicht vom "One-O-One" (rechts im Hintergrund), sondern aus der Seilbahn am Berg Maokong im Süden der Stadt. Foto: Stefanie Wirsching

    Nachts, auf dem wuseligen Shilin-Nachtmarkt, ist vom Grau des Tages wie übermalt. Taipeh strahlt bei Nacht und in den schmalen Gassen des Nachtmarkts wird das Leben beim Essen gefeiert: Austernomelett, frittierte Tarobällchen, stinkender Tofu, der milder schmeckt als er riecht, eine Erdnuss-Eiscreme-Koriander-Rolle, ein Snack aus Blutwurst und Reis, präsentiert wie ein Stangeneis … auch wagemutige Feinschmecker aus aller Welt werden hier wunschlos glücklos. Einfach Bestellung aufgeben!

    Bewacht von einem Tiger auf 3D-Leinwand, der einen Schmetterling jagt: Der Shilin-Nachtmarkt in Taipeh.
    Bewacht von einem Tiger auf 3D-Leinwand, der einen Schmetterling jagt: Der Shilin-Nachtmarkt in Taipeh. Foto: Stefanie Wirsching

    Wünsch dir was... Vor der Abreise, noch eine letzte Frage an den Hotelconcierge des feinen Hotels Palais de Chine, Ken, 38. Seine Großeltern sind noch in China geboren, auch seine Eltern würden sich als Chinesen fühlen. Und er? „Irgendwie dazwischen“, sagt Ken. Es würde sich bei diesem sehr sensiblen Thema ein Riss durch die Generation ziehen. Was er sich denn wünscht? „Vor allem, dass ich nie in meinem Leben Krieg erleben werde.“ Nichts anderes wünscht man sich anderswo.

    Die Autorin recherchierte auf Einladung der Taiwan Tourism Administration. 

    Die China-Frage wird in den Generationen unterschiedlich diskutiert, sagt Ken, 38, Concierge des Hotels Palais de Chine.
    Die China-Frage wird in den Generationen unterschiedlich diskutiert, sagt Ken, 38, Concierge des Hotels Palais de Chine. Foto: Stefanie Wirsching

    Taiwan

    Anreise: EVA-Air fliegt nonstop von München nach Taipeh, China Airlines (nicht zu verwechseln mit Air China) von Frankfurt aus.

    Unterkunft: Wyndham Sun-Moon-Lake am Sonne-Mond-See (jedes Badezimmer wird mit heißem Quellwasser versorgt), Palais de Chine in Taipeh.

    Reisetipp: Das Taiwanische Laternenfest ist einer der Höhepunkte im Jahr und findet jedes Jahr in einer anderen Provinz statt. Nächstes Jahr wird das 13-tägige Festival, bei dem spektakuläre Lichtshows und Laternen gezeigt werden, vom 3. bis 15. März in Chiayi County stattfinden.

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