Startseite
Icon Pfeil nach unten
Kultur
Icon Pfeil nach unten
Gesellschaft
Icon Pfeil nach unten

Schauspielerin Dennenesch Zoudé: „Heute würde Jane Austen vielleicht über LGBTQ+ schreiben“

Interview

Dennenesch Zoudé: „Heute würde Jane Austen vielleicht über LGBTQ+ schreiben“

  • |
  • |
  • |
  • |
    Dennenesch Zoudé hat Jane Austens Roman-Klassiker „Stolz und Vorurteil“ als Hörbuch für die Audio-Plattform Audible neu eingesprochen.
    Dennenesch Zoudé hat Jane Austens Roman-Klassiker „Stolz und Vorurteil“ als Hörbuch für die Audio-Plattform Audible neu eingesprochen. Foto: Carsten Koall, dpa

    Frau Zoudé, in diesem Jahr wäre der 250. Geburtstag von Jane Austen. Die Autorin zählt zu den einflussreichsten Stimmen der Weltliteratur. Warum erfährt sie heute noch so viel Resonanz bei einer breiten Leserschaft? Goethe oder Schiller wirken gegen sie eher altmodisch.

    DENNENESCH ZOUDÉ: Guter Vergleich! Jedenfalls haben sie alle eines gemeinsam. Sie behandeln archetypische Themen wie Liebe, Verlust, Eifersucht, Drama. Der Unterschied liegt wohl in der Sprache. Jane Austen hat dieses 19. Jahrhundert sprachlich sehr modern verpackt. Bei Schiller und Goethe klingt das noch nach alter Sprache, die den meisten wohl schwerer fällt zu lesen. Austen zieht einen mit ihren Worten sofort in den Bann.

    Austens bekanntestes Buch „Stolz und Vorurteil“ wurde mehrfach verfilmt und als Hörbuch vertont. Sie haben gerade, zusammen mit Emilia Schüle und Aaron Altaras, für die Audio-Plattform Audible eine eigene Version eingesprochen. Was unterscheidet diese von den anderen?
    ZOUDÉ: (lacht) Ich weiß es nicht. Das ist übrigens auch meine erste Hörspiel-Rolle! Und ich kann das im Vergleich mit anderen nicht sagen. Tatsache aber ist, mir hat diese Aufnahme sehr viel Freude bereitet.

    Erzählen Sie…

    ZOUDÉ: Ich habe mir immer schon gewünscht, bei einem Hörspiel mitzuwirken. Denn ich wollte erleben, wie es ist, einen Charakter nur mit der Stimme darzustellen. Und es war ein großes Vergnügen, dann noch in so einer prägnanten Rolle wie die der Mutter der Bennet-Töchter. Ja, das war schon eine Herausforderung. Aber ich hoffe, ich habe sie gut gemeistert und darf noch viele Hörbücher einsprechen.


    Sie spielen in der Liebesgeschichte die Rolle der Mutter, einer mal vorsichtig formuliert ziemlichen irren Glucke. In diesen Charakter muss man erst einmal hineinfinden, oder?
    ZOUDÉ: (lacht) Ah, ich musste es eigentlich nur lesen, es fiel mir recht leicht. Und, ja, Mrs. Bennet ist eine Glucke und übernervös, immer darauf bedacht, das Richtige zu tun. In jedes Fettnäpfchen tritt sie rein. Um sie zu sprechen, brauchte ich nicht viel, außer in ihren Fluss zu kommen, ich habe sie sofort gefühlt. Die Szenen waren so gut geschrieben. Ich spiele mit allem, was ich habe.

    Wie unterscheidet sich das Einsprechen von einem Filmdreh? Beim reinen Sprechen hat man ja nur die Stimme, um bei der Hörerschaft die Fantasie zu wecken.

    ZOUDÉ: Tatsächlich hat das Hörspiel den Vorteil, dass beim Zuhörer durch die Art und Weise, durch die Betonung der Worte Bilder im Kopf entstehen. Ich habe allerdings dem Pferd bei dieser Rolle echt Zucker gegeben. Ich habe diese Frau wirklich ausgestellt dargestellt. Sie ist exaltiert, hochnervös und exzentrisch. Die Regie musste mich das ein oder andere Mal stoppen. Das war ein Vergnügen. (lacht)

    Muss man sich darauf intensiv vorbereiten oder schüttelt man als erfahrende Schauspielerin so etwas sozusagen eher aus dem Ärmel?
    ZOUDÉ: Aus dem Ärmel geschüttelt ist nie etwas. Ich bereite mich immer ordentlich vor, lese das Stück mehrfach, gehe in den Charakter hinein. Aber mein Vorteil ist schon, dass ich viel Lebenserfahrung und Spielerfahrung habe, die ich auch für so eine Rolle mitbringe.

    Austens Heldinnen machen Werke wie „Stolz und Vorurteil“ zu zeitlosen Klassikern, die heute aktueller sind, denn je. Warum ist diese Thematik der selbst- beziehungsweise nicht selbstbestimmten Frau auch 250 Jahre später noch nicht überwunden?

    ZOUDÉ: Tja, da müsste man die Menschheit fragen… Aber im Ernst, natürlich hat sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten verändert. Vor allem in den vergangenen 50 Jahren hat die Frau an Eigenständigkeit, Selbstbestimmung gewonnen und nichtsdestotrotz gibt es Luft nach oben. Bei „Stolz und Vorteil“ wird ein immer noch aktuelles Thema aufgearbeitet, die Stellung der Frau, die Befreiung aus den Konventionen, und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Gleichzeitig werden Themen wie Liebe, Eifersucht und Verrat angesprochen. Und für Mrs. Bennet besteht das persönliche Lebenselixier darin, ihre Töchter gut zu verheiraten. Das konnte damals ja richtig existenziell sein. Denn wenn das nicht klappte, ging es nicht nur um deren eigenes Leben, sondern oft um das Auskommen der ganzen Familie.

    Es hat sich von damals zu heute in Sachen Frauenrechte viel verändert. Doch inzwischen gibt es auch starke rechte Bewegungen, welche die Frauenrechte wieder einschränken wollen. Wie sehen Sie das?
    ZOUDÉ: Ich persönlich sehe das Glas grundsätzlich lieber halb voll. Ich denke trotzdem, dass so ein Stoff in der Diskussion um Frauenbilder hilft. Gute Unterhaltung besteht nicht nur aus Vergnügen, sondern wenn es unsere Ansichten erweitert, wenn auch subtil. Das ist einfach ein guter Text.

    Die Autorin schreibt, ihrer Zeit weit voraus, mit feiner Ironie und klarem Blick auf die damaligen, gesellschaftlichen Zwänge. Wenn Austen heute schreiben würde, wo lägen da die gesellschaftlichen Zwänge?
    ZOUDÉ: Ich weiß nicht. Vielleicht würde sie über die LGBTQ+ schreiben. Sie würde vielleicht eine vielfältige Gemeinschaft von Menschen thematisieren, die nicht heterosexuell oder cisgender sind. 

    Infolge der vielen Buchauflagen und Verfilmungen ist der Roman einer der bekanntesten der englischsprachigen Literatur – weltweit wurden etwa 20 Millionen Exemplare verkauft. Gehören Sie auch zu den Jane-Austen-Fans oder haben Sie sich erst über den Auftrag mit ihrem Werk beschäftigt?
    ZOUDÉ: Mir fällt gerade nur „Sinn und Sinnlichkeit“ ein. Ich habe in meinem Freundeskreis nachgefragt, sie sehen sich mindestens einmal im Jahr den Film „Stolz und Vorurteil“ an, künftig hören sie vielleicht das Hörspiel. (lacht)

    Jane Austen starb mit 41 Jahren und wurde leider erst nach ihrem Tod so erfolgreich. Ist das das Schicksal von Menschen, die ihrer Zeit weit vorausdenken und fühlen?
    ZOUDÉ: Das ist natürlich einigen passiert. Aber umso mehr schätze ich das Vermächtnis, das Austen hinterlassen hat.

    Austen galt in ihrer Zeit als radikal. Man würde sie als Feministin bezeichnen. Wie ist das bei Ihnen? Würden Sie sich selbst auch als Kämpferin für Frauenrechte bezeichnen?
    ZOUDÉ: Ich würde mich als Mensch, als Seele bezeichnen. Ich mag diese Kategorisierungen nicht mehr. Denn ich glaube, der Welt täte es gut – da zitiere ich jetzt die jüngst verstorbene Margot Friedländer – seid Mensch!

    Auch andere historische Stoffe des 19. Jahrhunderts wie die Netflix-Serie „Bridgerton“ sind aktuell erfolgreich. Warum gibt es an dieser Zeit so ein hohes Interesse?

    ZOUDÉ: Ich kann mir vorstellen, dass viele es schätzen, mit solchen Stoffen aus unserem Hier und Jetzt in eine andere Welt hinausgetragen werden – in eine Welt der Traditionen, in der es mehr alte Form und Konventionen gibt. Vielleicht gibt es eine Sehnsucht, da reinzuschnuppern, um dann am Ende doch festzustellen, wie gut wir es heute haben. Und ist es einfach gute Unterhaltung,

    Sie selbst haben auch schon als Autorin gearbeitet und einen Ratgeber mit dem Titel „Heute bin ich gut zu mir: Mit Ayurveda und Achtsamkeit zu mehr Gesundheit und Gelassenheit“ verfasst. Würden Sie gerne auch einmal einen Liebesroman schreiben?
    ZOUDÉ: Das werde ich öfter gefragt. Ich habe aber eine große Hochachtung vor dem Schreiben. Zumindest nachgedacht habe ich aber inzwischen schon und vielleicht auch einen Weg gefunden, das zu realisieren. Mal sehen, was daraus wird.

    Wäre es ein Roman mit Happy End oder mit einem dramatischen Schluss?
    ZOUDÉ: Bei mir immer mit Happy End! Und, was ich liebe, sind Heldenreisen. Man beginnt klein oder durchschnittlich, geht durch eine Zeit voller Herausforderungen und wächst über sich hinaus. Denzel Washington hat einige solcher Geschichten erzählt. Einfach großartig.

    Zur Person:

    Dennenesch Zoudé ist in Äthiopien geboren und in West-Berlin aufgewachsen. Anfang der 1990er-Jahre machte die gelernte Wirtschaftskorrespondentin in New York eine Ausbildung zur Schauspielerin. Danach war Dennenesch in zahlreichen TV-Serien zu sehen, unter anderem in „Gegen den Wind“ und „Klinik unter Palmen“. Richtig bekannt wurde die 58-Jährige mit ihrer Rolle in „Hinter Gittern – Der Frauenknast“. Auch für die Netflix-Miniserie „Unorthodox“ stand sie vor der Kamera. Sie engagiert sich für die Integration ausländischer Kinder in Deutschland und als Lesebotschafterin. Jetzt hat die Schauspielerin für die Audio-Plattform Audible Jane Austens Roman-Klassiker „Stolz und Vorurteile“ als Hörspiel eingesprochen.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren