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Gescheitert an der letzten Prüfung: Was tun?

Bald beginnt wieder die Prüfungsphase und damit das Zittern. Denn viele Studierende müssen diese eine Prüfung bestehen.
Foto: Stock Adobe
Prüfungsphase beginnt

„Es war ein Weltzusammenbruch:“ Wie es sich anfühlt, durch die entscheidende Prüfung zu fallen

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    Durchgefallen. Unangenehmes Gefühl, aber man kann es ja noch mal versuchen – mit der Führerscheinprüfung, der Klausur, dem Spanischtest. Was aber, wenn sich eine Prüfung nicht wiederholen lässt? Wenn die Chance vorbei ist und der Lebensweg neu ausgerichtet werden muss? Studierende kennen das Gefühl, diese eine Prüfung bestehen zu müssen: Staatsexamen in Jura oder Medizin, die gefürchtete Statistikklausur in BWL oder Psychologie, die Aufnahmeprüfung für Kunst, Musik und Sport.

    Bald beginnt wieder die Prüfungsphase und damit das Zittern. Denn nach dem zweiten, spätestens dritten Anlauf ist es für viele vorbei. Nach jahrelangem Lernen stehen Studierende dann ohne Abschluss da. Wut, Lähmung, Selbstzweifel setzen ein. Und über allem schwebt die Frage: Wie soll es weitergehen?

    Auch Luis musste sich diese Frage stellen. Der 35-Jährige studierte Jura, träumte von einer gerechteren Gesellschaft, doch nach zwei Versuchen war es gelaufen. Er hatte das erste Staatsexamen nicht bestanden. Zehn Jahre ist das inzwischen her, über sein Scheitern spricht er immer noch ungern, möchte seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen.

    Experte sagt: Eine Prüfung zu bestehen hängt vor allem an der Vorbereitung

    Dabei ist er nicht der einzige. 2022 traten 13.050 Studierende zum ersten Staatsexamen an, 3.423 fielen durch. Dem Bundesjustizministerium zufolge mussten mehr als 9000 Prüflinge zwischen 2013 und 2022 das Jurastudium zwangsweise abbrechen. Auch in anderen Fächern scheitern Studierende. In den technischen Fächern liegen die Durchfallquoten teils über 40 Prozent. Bei musikalischen, künstlerischen und sportlichen Studiengängen sind vor allem die Aufnahmeprüfungen eine Hürde, genaue Zahlen werden nicht veröffentlicht. Bundesweit bestehen 40 von 1000 Prüflingen eine Abschlussprüfung beim ersten Mal nicht, wie eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes 2014 ergab.

    Auch Julia und Anna kennen dieses Gefühl, auch sie wollen lieber nicht ihren richtigen Namen nennen. Die eine wollte Kirchenmusikerin werden, die andere Gymnasiallehrerin, beide scheiterten. Julia, 52, rasselte trotz langer Vorbereitung durch die musikalische Aufnahmeprüfung. Ein Jahr später schaffte sie es, scheiterte dann aber an der Zwischenprüfung. Auch Anna, 36, wird nie als Lehrerin vor einer Gymnasialklasse stehen. Sie studierte Mathematik und Englisch auf Lehramt in Bayern, das Staatsexamen für angehende Lehrerinnen und Lehrer ist hier Pflicht. Englisch und Erziehungswissenschaften bestand sie, die Matheprüfung nicht.

    Im Wintersemester 2023/2024 waren knapp 2,9 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Nicht alle werden die Prüfungen bestehen.
    Im Wintersemester 2023/2024 waren knapp 2,9 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Nicht alle werden die Prüfungen bestehen. Foto: Michael Reichel/dpa-Zentralbild, dpa

    Warum fallen Prüflinge wie Luis, Julia und Anna durch lebensentscheidende Prüfungen? Gespräch mit Markus Dresel. Er sitzt selbst nur wegen einiger misslungenen Prüfungen in seinem Büro am Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Augsburg: „Ich bin nicht den geradlinigen Weg gegangen und kenne das aus meiner eigenen Biografie.“ Angefangen mit einem Physikstudium engagierte er sich mehr in der Jugendarbeit und bestand einige Prüfungen nicht. Wechsel zu Psychologie, Doktor und Habilitation: Heute ist Dresel Experte auf dem Gebiet der Lern- und Motivationspsychologie und untersucht, wie Menschen gut lernen, damit sie eben nicht durchfallen. Kleine Aufmunterung vorweg: An den Fähigkeiten liegt es selten.

    Ob man eine Prüfung besteht, hängt vor allem an der Vorbereitung. „Entscheidend ist oft, dass effektive Lernstrategien genutzt werden“, sagt Dresel. Lerntypen gebe es nicht, nur richtige oder falsche Methoden. Zu spät anfangen, Lernzetteln von anderen durchlesen, schnell stumpf auswendig lernen, alles wenig hilfreich. „Man muss die Dinge durchdringen und verstanden haben“, sagt Dresel. „Eine gute Idee ist es zum Beispiel, anderen den Stoff zu erklären, nachdem man sich ihn angeeignet hat.“

    In der Prüfung heißt es: Gefühle aus, Kopf an - das fällt nicht immer leicht

    Doch manchmal bringt die beste Vorbereitung nichts. Probleme in der Familie, finanzielle Sorgen und Belastungen im Alltag können den Erfolg ins Wanken bringen. Wer im ersten Semester durch die Statistikprüfung fällt, war vielleicht nebenbei damit beschäftigt, eine WG zu suchen, zum ersten Mal allein zu wohnen, neue Leute kennenzulernen, sich in einer fremden Stadt einzuleben und im Unisystem zurechtzufinden. Aus psychologischer Sicht ist der Studienbeginn ein einschneidendes Lebensereignis, sagt Dresel. „Es passiert so viel. Im Studium treffen sich alle, die in einem Fach sehr gut waren.“ Die Bezugsgruppe ändert sich, das sei eine große Umstellung, inhaltlich und sozial.

    In der einen entscheidenden Prüfung heißt es dann: Gefühle aus, Kopf an. Gar nicht so einfach, Luis hat das selbst erlebt. Der ehemalige Jurastudent schien gut vorbereitet. „Ich habe zügig die Zwischenprüfung bestanden, meine Hausarbeiten waren überdurchschnittlich, aber die Klausuren waren schwierig“, erinnert er sich. In kurzer Zeit all das Wissen abzurufen, das er in acht Semestern gelernt hatte – allein das war ein enormer Druck. Dazu geriet er einige Wochen vor der Prüfung in eine Beziehungskrise. „Es ging mir schlecht, es war ein Weltzusammenbruch.“ In der Prüfung im September saß er weinend, er hatte kein gutes Gefühl. Das Ergebnis kam im Januar. „Wie erwartet war ich durchgefallen. Im Nachhinein weiß ich nicht, wie viel an der Trennung oder Mangel an Prüfungskompetenzen lag.“

    Jura ist ein anspruchsvolles Studium. 2022 traten dem Bundesjustizministerium zufolge 13.050 Studierende zum ersten Staatsexamen an, 3.423 fielen durch.
    Jura ist ein anspruchsvolles Studium. 2022 traten dem Bundesjustizministerium zufolge 13.050 Studierende zum ersten Staatsexamen an, 3.423 fielen durch. Foto: Oliver Berg, dpa (Symbolbild)

    Auch Julia und Anna wissen rückblickend, dass es nicht nur an der Vorbereitung lag. Julia meint, ihr fehle das musikalische Talent, das Mathematikstudium von Anna ist und bleibt eines der Schwersten. Luis, Julia und Anna haben alles gegeben, trotzdem hieß es nach der Prüfung: Durchgefallen. Gescheitert. Versagt. Der eine weint erst mal, die andere zieht sich zurück, ist wütend, verletzt, überfordert. Das sei völlig ok, meint Psychologe Markus Dresel. Enttäuschung, Frustration, Trauer, Wut, erst mal dürfe man alle negativen Emotionen zulassen, bevor man Abstand gewinnt. Und: Je wichtiger die Prüfung, desto stärker dürfen die Emotionen sein.

    Experte sagt: Wer im Zweitversuch bestehen will, sollte in eine ehrliche Analyse gehen

    Auch Luis musste erst mal alles verarbeiten, die gescheiterte Prüfung, die Trennung von seiner Freundin. „Ich war ein halbes Jahr schlecht drauf und habe jeden Tag geweint. Niemand konnte mir helfen“, sagt er. Er lenkte sich ab, arbeitete in einem Café. „Da konnte ich mich reinwerfen, neue Leute kennenlernen.“ Er begann ein Studium der Politikwissenschaften und nahm an einer juristischen Sommeruniversität teil – bis er den Zweitversuch wagte.

    Der hat es in sich, weiß Psychologe Markus Dresel. Denn oft nagt der gescheiterte Erstversuch an einem. Wer bestehen will, sollte in eine ehrliche Analyse gehen, rät Dresel. Was habe ich warum falsch gemacht? Wo habe ich Lücken? Und wie kann ich das überwinden? „Beim nächsten Mal muss man eigentlich umso mehr ins Lernverhalten investieren und nicht denken: Ich war ja schon einmal in der Vorlesung“, sagt Dresel. Wichtig sei aber auch, nicht nur das Negative zu sehen, sondern zu fragen: Was ist mir gut gelungen? Wo habe ich mich richtig vorbereitet? Sind viele durchgefallen? „Je höher die Durchfallrate, desto angenehmer ist es, durchzufallen“, sagt Dresel. Außerdem sollten sich Betroffene austauschen, mit Kommilitonen, Freunden, Professoren. „Wir haben gute Tipps“, sagt Dresel. Ein Gespräch helfe für den nächsten Versuch oder einen neuen Lebensplan: Auch wenn Studierende zu dem Schluss kommen, dass sie etwas anders machen wollen, könne man gemeinsam überlegen, was möglich ist.

    Julia half das Gespräch mit Freunden – und Urlaub: „Im Sommer bin ich nach Norwegen gereist, richtig raus.“ Luis half der Austausch mit Freunden weniger: „Sie tun das, was Freunde tun sollen: Gut zureden.“ Er suchte sich lieber Hilfe bei der psychosozialen Beratung der Uni und begann eine Therapie. Zu groß war die Angst, am Ende ohne Abschluss dazustehen. „Ich dachte, ich habe quasi einen Bachelor und Master studiert, aber wenn ich etwas Neues anfange, bin ich Abiturient mit Ende 20.“ Das ist die Krux bei Jura. Ohne Staatsexamen haben Tausende nicht einmal einen Bachelor. Denn bislang wird Jura als integrierten Bachelorstudiengang nur an einzelnen Unis angeboten, auch Bundesländer wie Sachsen und Nordrhein-Westfalen haben ihn bereits eingeführt.

    Wer motiviert ist und sich für die Lerninhalte interessiert, besteht eine Prüfung leichter

    Luis wollte nicht aufgeben, sondern noch mal zur Prüfung antreten, auch wenn die Angst vor dem Scheitern groß und der Druck umso höher war. „Wie ein Damoklesschwert schwebte das Staatsexamen über mir. Ich wollte nicht mehr abhängig sein von der Prüfung“, sagt er. Gleichzeitig hatte er die Motivation verloren, juristisch zu arbeiten. „Mir war klar: Ich falle wieder durch“, sagt er. Und behielt Recht.

    Warum auch büffeln, wenn man nicht mehr weiß, wofür? Motivation ist neben effektiven Lernstrategien am entscheidendsten für den Prüfungserfolg, sagt Psychologe Markus Dresel. „Sie wirkt wie ein offenes Schleusentor. Wenn Motivation da ist, erlaubt sie es, Fähigkeiten und Wissen abzurufen. Das mündet in einen effektiven Lernprozess.“ Motivation, also „das, was mich von der Kneipe zum Schreibtisch bringt“, kann unterschiedliche Gründe habe - fachliches Interesse, Geld, Jobaussichten, nette Mitstudierende. Je mehr die Motivation mit dem Lerngegenstand selbst zu tun hat, desto besser die Ergebnisse, zeigen Studien. Und wenn die Motivation fehlt? „Komplexe Aufgaben in kleinere Teilziele zerlegen, sich vergegenwärtigen, was man schon geschafft hat. Natürlich ist das kein Selbstläufer“, sagt Dresel und schiebt noch ein Tipp hinterher: Handy weg, Ablenkung verhindern. Das sei oft der Grund, warum viele Studierende in die Bibliothek gehen.

    Staatsexamen, Statistikprüfung, Aufnahmeprüfung - wenn Studierende diese eine Prüfung bestehen und das Studium damit beendet ist, bricht erst mal eine Welt zusammen.
    Staatsexamen, Statistikprüfung, Aufnahmeprüfung - wenn Studierende diese eine Prüfung bestehen und das Studium damit beendet ist, bricht erst mal eine Welt zusammen. Foto: Stock Adobe

    Luis hat all das nicht geholfen. Er konnte sich nicht mehr motivieren, hatte sich vom Fach Jura entfremdet. Gelernt hat er trotzdem einiges, auch dass er nicht der klassische Jurist ist, wie er sagt. Julia dagegen war hoch motiviert, sie hatte nur ein Ziel: Sie wollte Kirchenmusikerin werden. „Musikalisch auszudrücken, was man im Gottesdienst feiert, das war mein Traum“, sagt sie. Der erste Versuch scheiterte, aber sie gab nicht auf. Ein Jahr später wagte sie die Aufnahmeprüfung erneut und erhielt einen Studienplatz. Dennoch zweifelte sie: „Haben die mich genommen, weil ich das zweite Mal antrete. War ich wirklich so viel besser?“ Die Orientierungsprüfung ein Jahr später schaffte Julia nicht.

    Mit 30 Jahren Abstand hat sie mehrere Erklärungen gefunden, warum es mit der Kirchenmusik nicht geklappt hat. „Ich hatte ein tolles Studienjahr, mit viel Fleiß kam ich auf ein gutes Niveau. Aber ich habe geahnt, dass ich mehr tun muss und nicht das Talent hatte, wie die Anderen“, sagt sie. „Ich wusste, wofür ich arbeite und war fleißig. Aber die Begabung hat gefehlt. Ich hatte nicht die Lockerheit und das Selbstbewusstsein.“ Das fand sie erst später im Theologiestudium. Worüber sie sich heute noch wundert: „Niemand hat gesagt, mach es nicht noch mal.“ Erst ihre Klavierlehrerin war ehrlich und sagte ihr nach der Zwischenprüfung: „Sie sind auch keine Musikerin.“

    Nach dem Durchfallen kommen die Zweifel: Studiert man überhaupt das richtige Fach?

    Zweifel nach einer gescheiterten Prüfung gehören dazu. Wie Julia und Luis stellen sich viele Studierende die Frage, ob sie das richtige Fach gewählt haben. Psychologe Markus Dresel zufolge gibt es keinen falschen Studiengang, solange die Motivation da ist. Aber man sollte sich schon fragen: Passt der Studieninhalt zu meinen beruflichen Vorstellungen und persönlichen Werten? Habe ich die Zuversicht, die Anforderungen zu bewältigen? Vielleicht half der Misserfolg und die Vorbereitung auf die Prüfung, zu erkennen, dass das Studium nicht passt. Das sei kein Problem, sondern könne zeigen, was sonst noch möglich ist. „Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass alles geradlinig ist, Misserfolg gehört dazu“, sagt Dresel.

    Staatsexamen fast bestanden, hieß es auch bei Anna. Sie meisterte die entscheidenden Prüfungen in Englisch und Erziehungswissenschaften, nur in Mathematik fiel sie durch. Neun Monate hatte sie sich intensiv vorbereitet. „Ich war total gestresst. Man ist so abhängig davon, welche Aufgaben kommen.“ Sie wusste, dass es schwierig wird. „Aber ehrlicherweise habe ich beim zweiten Mal gedacht: Das reicht zum Durchkommen.“ Es reichte nicht.

    Wie sie von dem negativen Ergebnis erfahren hat? Verdrängt. Was ihr danach geholfen hat? Sich ablenken, reisen - und ein Alternativplan in der Hinterhand. Denn schon während des Studiums hatte sich herumgesprochen, dass einige in ein anderes Fach oder „niedrigeres“ Lehramt wie Mittelschule wechseln. Das hat Anna dann auch gemacht, nicht ohne kritischen Blick: „Das ist zu hohe Mathematik. Nach dem Staatsexamen wäre man auf jedes Matheproblem vorbereitet, aber kein guter Lehrer.“

    Viele Studierende fallen nach einer gescheiterten Prüfung erst mal in ein Loch

    Trotzdem hieß die Realität für Anna wie für Julia und Luis: Durchgefallen. Ist die erste Trauer überwunden, kommen Selbstzweifel hoch und die Fragen: Warum bin ich gescheitert? Hätte ich es doch schaffen können? In so einer Grübelschleife war Julia jahrelang gefangen. Waren es drei verschwendete Jahre? „Ich musste mir immer wieder sagen, dass es ok ist“, erinnert sie sich. Oft hat sie darüber nachgedacht, aber kam sie immer wieder zum selben Ergebnis: „Ich habe es wenigstens versucht. Besser, als es nicht auszuprobieren und zu denken, ich wäre eine geniale Kirchenmusikerin geworden.“ Nur selten hört sie noch leise Selbstzweifel.

    Viele Studierende fallen nach einer gescheiterten Prüfung erst mal in ein Loch, aber: „Es gibt immer neue Möglichkeiten“, sagt Professor Markus Dresel. Wer durch eine Prüfung fällt, ist nicht gleich ein Versager. Selbst, wenn man das Studium abbricht und einen völlig neuen Weg einschlägt: „Man nimmt immer irgendwas mit. Die erlernten Kompetenzen kann man immer irgendwo nutzen“, sagt Dresel.

    Luis bewarb sich auf Praktika und konnte bei einer internationalen Gesellschaft als Werkstudent arbeiten, das Jurastudium half ihm dabei. „Es haben sich wenige beworben, die das fachliche Wissen hatten wie ich“, sagt er. Er hatte selbst nicht gedacht, mit abgebrochenem Studium und nur mit Abitur diese Stelle zu bekommen. Nebenbei studierte er an der Fernuni und nahm viel Positives mit: „Ich habe ein neues, künstlerisches Hobby wiederentdeckt, habe angefangen, mein Leben in Umwegen zu denken.“

    Doch ohne Abschluss durfte Luis seine Werkstudentenstellen nicht länger als neun Monate ausüben, er musste gehen. Immer wieder muss er sich neu beweisen, ohne Abschluss zeigen, was er kann und sich selbst sagen: „Mach dir klar, das Wissen war nicht für nichts. Potenziellen Arbeitgebern musst du dich verkaufen und sagen: Hi, ich will bei euch arbeiten, ich kann analytisch denken, ich habe Soft Skills.“ Doch die Selbstzweifel lassen ihn nie ganz los.

    Betroffene sagt: „Dass alles glattläuft, ist realitätsfern“

    Manchmal hilft eine durchgefallene Prüfung aber auch, das Richtige zu finden, wie bei Julia: „Der Schlenker über Kirchenmusik hat mir gezeigt, dass es ok ist, Angestellte der Kirche zu sein.“ Sie studierte Theologie und ist heute Religions- und Gemeinschaftskundelehrerin am Gymnasium. Sie hat einen anderen Weg zur Musik gefunden, spielt jetzt in einer Band: „Hätte ich mein Hobby zum Beruf gemacht, hätte ich kein Hobby mehr. Ich hatte mehr Zeit, mich auf die Uni zu konzentrieren. Wenn ich heute E-Bass spiele, weiß ich, worum es beim Tonsatz geht“, sagt sie. Und die musikalischen Höhepunkte im Kirchenjahr kann sie trotzdem gestalten: „Ich bin in einem sehr guten Chor und habe schon Messias von Händel auf Englisch auf tollem Niveau gesungen. Das nimmt mir keiner.“

    Anna hat es auch ohne Mathematik-Staatsexamen als Lehrerin an die Schule geschafft: „Da kann man Glück oder Pech haben, je nachdem ob es Mittelschullehrermangel gibt, ist es einfacher oder schwieriger.“ Sie hatte Glück, konnte sich das bestandene Englischstaatsexamen als Hauptfach, Mathematik als kleines Fach anrechnen lassen. Außerdem nahm sie Sport und Deutsch als Zweitsprache dazu. So hat sie mehr Didaktik gelernt und freut sich über ihre neuen beiden Fächer. Ein bisschen Frust ist immer noch da. „Das Lehramtsstudium hat wenig mit Pädagogik zu tun oder Sachen, die man fürs Lehramt braucht.“ Sie darf Jugendlichen zwar nicht den Satz des Pythagoras erklären, aber die Freude überwiegt. Heute arbeitet Anna an einer freien Schule, das wollte sie schon immer. „Ich bin happy, in dem, was ich jetzt mache.“ Einige Nachteile sieht Anna trotzdem: „Wir Mittelschullehrer werden viel schlechter bezahlt. Das macht keinen Sinn, weil beide Berufe anstrengend sind.“

    So willkürlich oder ärgerlich es erscheinen mag: Vielleicht brauchen wir manchmal Prüfungen, die wir nicht wiederholen können. „Scheitern macht Leute menschlicher“, sagt Julia. „Wer schon einmal auf die Schnauze gefallen ist, weiß, wie unangenehm das ist und wird nicht arrogant. Dass alles glattläuft, ist realitätsfern. Wenn man seine Schwächen kennt, kennt man auch seine Stärken besser.“

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