Lieber Petzi,
Die Präsentation bräuchte ich bis Dienstagabend. Du weißt ja eh, die guten Zahlen vorne hin. (Zwinkersmiley)
LG Dani
In ihrer Art ist das eine abertausendfach geschriebene Nachricht heutzutage. Wirkt also normal in Zeiten des modernen Arbeitslebens. So bleibt fast unbemerkt, was eigentlich passiert. Denn tatsächlich gibt so inzwischen auch in Deutschland immer häufiger eine vorgesetzte Person einer unterstellten letztlich eine Anweisung. Klingt bloß irgendwie viel netter in diesem vertrauten Ton. Und vor allem verbindlicher. Bloß: In welche Richtung geht hier eigentlich die Verbindlichkeit?
Liebe alle,
ein schwieriges Jahr. Herzlichen Dank für euren Einsatz. Leider sind wir aufgrund der Marktsituation gezwungen, weiter Kosten einzusparen. Das wird nicht ohne schmerzliche Personaleinschnitte möglich sein …
Herzliche Grüße, Andreas
Selbst von oberster Chefebene wird auch in größeren Unternehmen selbstverständlich das Du in der Ansprache der Belegschaft gewählt. Es ist vermeintlich nur so etwas wie die konsequente Fortsetzung dessen, was man Corporate Identity nennt – einer sich in der Kommunikation abzeichnenden Identifikation aller als das gemeinsam wirkende Wir der Firma. Aber verändert diese Ansprache, die jede förmliche Distanz aufhebt, nicht auch etwas am Verhältnis, an der Wahrnehmung der Befindlichkeiten?
In der Berliner Szene mag man das Sie plötzlich ganz gern
Aber mal halblang. Denn man könnte ja auch sagen: „Deutschland ist lockerer geworden.“ So nämlich wertete vor kurzem ntv die Nachricht, dass das „Du“ immer mehr Lebensbereiche erobere. Hat es vor 20 Jahren noch einen Kulturbruch bedeutet, als ein schwedisches Möbelhaus in Werbespots die deutschen Adressaten mit Akzent duzte, wird inzwischen auch das Wahlvolk von Parteien bei ihren Kampagnen mit einem Durchbruch parteiübergreifend bei der vergangenen Bundestagswahl, über die „SPDu & Wir“ im bayerischen Kommunalwahlkampf zuletzt bis hin zum „Du siehst es doch auch“ der AfD zuletzt in Baden-Württemberg. Und an der Bushalte steht: „Danke, dass du hier nicht rauchst.“ Kann sich da ein älterer Nachbar, eine doch noch auf persönliche Distanz pochende Kundin noch ein Du verbitten?
Deutlich unlockerer hatte die FAZ davor schon vor dem endgültigen Aussterben des Siezens gewarnt und damit auch vor einem Verfall nicht eben unbedeutender Nuancen im gesellschaftlichen Umgang – Stichwort gegenseitiger Respekt, Stichwort Umgangsformen, Stichwort Übergriffigkeit, Stichwort Privatsphäre. Aber der Spiegel meinte wiederum eben erst einen Trend gerade bei den trendigsten Menschen in Deutschland ausgemacht zu haben, so Szenemitteljunge in Berlin jedenfalls wollten das Siezen betont wieder einzuführen. Scheint also doch echt auch ein Thema zu sein. Und keines nur für die Älteren, in Umgangsformen irgendwie Konservativen.
Eine interessante Diskrepanz jedenfalls zeigt sich in der aktuellsten qualitativen Studie zur Duz-Frage. Denn tatsächlich breitete sich das Phänomen auch in klassischen Unternehmen oftmals immer weiter aus, von der Spitze betont locker nach unten kommuniziert – modernes US-Management im Stil, mit Chefs ohne Krawatte, dafür mit Sneakern. Gleichzeitig aber wünschen sich laut Forsa unter den Angestellten 19 Prozent der 18- bis 34-Jährigen, 28 Prozent der 35- bis 49-Jährigen und 37 Prozent der 50- bis 60-Jährigen eine Ansprache mit Sie – glaubt man dem Spiegel: aktuell zunehmend und auch jünger. Weil das Sie respektvoller wirkt? Weil die andere Seite des US-Managements in schwierigeren Zeiten ja auch für einen umstandsloseren Umgang mit Personalfragen bedeutet? Weil also eine angemessenere, professionelle Distanz signalisiert wird?
Die formale Distanz war einst auch ein Schutz vor einer tückischen Rollen-Verwischung
Die Unklarheit zwischen Sie und Du ist ja eben eine Frage des Verhältnisses: Geht es wirklich wesentlich um das Mitmenschliche oder geht es letztlich – bei aller womöglich vorhandenen persönlichen Sympathie – um die Rollen der Personen, um eine geschäftliche Beziehung?
Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass die Verbindlichkeit, die sich im Du zwischen Vorgesetztem und Angestelltem vermeintlich auf Augenhöhe zeigt, eine ist, die vor allem den Anweisungsempfänger noch einmal anders in Haftung nimmt. Und der Chef an der Spitze bringt mit dem Per-Du-Sein nicht zuletzt auch seine eigene Befindlichkeit mit ein – als ein Mensch, der in seiner Rolle angesichts der Lage eben auch Zwängen ausgesetzt ist. Wie die Befindlichkeiten der Menschen sind, die nur einen Bruchteil verdienen und von den Entscheidungen betroffen sind, verschwindet in dieser Kommunikation dagegen allzu leicht in letztlich doch hierarchisch verordneten Notwendigkeiten des vermeintlich großen Wir.
Das jedenfalls sind die Tücken. Das also wären durchaus triftige Gründe zu sagen: Lieber Sie als Du! Aber das wiederum lässt sich von unten freilich kaum einfordern – was letztlich alles über die vermeintliche Augenhöhe solcher Duz-Beziehungen sagt. Die einstige formale Distanz war also auch ein Schutz vor einer tückischen Rollen-Verwischung. Die Klarheit kann Schutz bieten – auch vor der Illusion, es gebe weniger soziale Schranken, es gebe mehr persönliche Verpflichtung in beide Richtungen.
Wohl fällt darum das Ergebnis der Forsa-Umfrage noch deutlicher aus, wenn die Mehrheit der repräsentativ Befragten über alle Altersgruppen hinweg angibt, in Stellenanzeigen lieber gesiezt werden zu wollen. Und bei einer quantitativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Appinio fanden nur rund acht Prozent, dass es abgeschafft gehöre, das Sie.
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