Zunächst mal das: Da nämlich hat sich in den vergangenen Monaten zum Beispiel der doch links-liberale Spiegel (traditionell „Sturmgeschütz der Demokratie“) wiederholt benötigt gefühlt, sich vor seiner Leserschaft zu erklären. Die nämlich hat offenbar zahlreich kritisiert, dass das Magazin mit seiner Dauerkritik an der Regierung, dem Dauerbetiteln von internen Debatten als Streit und dem Dauerraunen vom Bruch der Koalition, vorher bei der Ampel wie jetzt bei Schwarz-Rot, doch nur eines befördere: die Unzufriedenheit steigern – und das treibe doch nur weiter Wasser auf die Mühlen der AfD …
Jetzt aber: Was hat das mit einem vor jetzt 50 Jahren im oberschwäbischen Meßkirch unter Verlesen von Hölderlin-Gedichten beerdigten Philosophen zu tun? Der Name: Martin Heidegger. Der Rang: einflussreichster Denker des 20. Jahrhunderts. Außerdem: zeitweilig überzeugter Nationalsozialist und Antisemit. Und ausgerechnet der soll uns Heutigen noch was zu sagen haben? Genau. Und zwar – die Untoten sind in der Populärkultur doch sowieso grad hip – verblüffend Zeitgemäßes zur eigenen Lebensgestaltung, zum gesellschaftlichen Fortschritt und eben auch zu politischen Enttäuschungen und Verheißungen.
Das Bedürfnis nach einer Revolution der Lebensumstände ließ ihn zum Gläubigen an die politische Verheißung werden – an den Nationalsozialismus
Um mal im Konkreten zu beginnen: Wer denselben Weg in den derselben Zeit an zwei Tagen geht, wird dabei meist doch einen völlig anderen Eindruck haben – die Dauer des Gehens doch kann sehr unterschiedlich wirken. Ein kleiner Hinweis auf etwas sehr Großes: dass die Wahrheit des Lebens nämlich nicht objektiv zu bemessen ist, sondern dass das je sich selbst empfindende und erkundende Ich der Maßstab ist. Das geht bis heute als Bewusstseins-Übung im Self-Care-Workshop durch. Bei Heidegger und seinem Epoche machenden Werk „Sein und Zeit“ führt das zu einem Neuanfang im Befragen des Daseins: Denn wir finden uns selbst vor als ins Leben geworfen – in einem irgendwie Halt gebenden Miteinander vielleicht und auch mit stützendem Bezug zu den Dingen dieser Welt, aber ohne Antwort auf die Fragen des Woher und des Wozu. In diesem Bewusstsein bleibt uns nur der Weg, uns selbst zu entwerfen, auf eine Wahrhaftigkeit, eine Eigentlichkeit hin – in der Nachfolge durch die berühmten französischen Existenzialisten wurde daraus die gerade heute auch modische Authentizität.
Heidegger aber scheiterte mit seinem großen Werk, es blieb unvollendet – wie es wohl jedem mit der Eigentlichkeit gehen wird bei einem solch hohen Anspruch, außer er wendet sich von der Welt ab. Der Philosoph von damals aber wandte sich da vielmehr der Welt zu, vielmehr dem Blick auf all ihre Unzulänglichkeiten. Und die waren in der ausgehenden Weimarer Republik ja auch die einer schlingernden Demokratie, eine auch Werteunordnung zwischen Krisen der Globalisierung und den Verwerfungen durch technischen Fortschritt (heute würde man sagen: Disruption). Und das Bedürfnis nach einer Revolution der Lebensumstände ließ den Großdenker zum Gläubigen an die politische Verheißung werden. Bei ihm: an den Nationalsozialismus. Bei einem Nachfolger wie Jean-Paul Sartre: an den Kommunismus (obwohl da doch bereits Stalin mit seiner mörderischen Vorstellung einer Revolution sein Unwesen trieb).
Der unentwegte Kritizismus und Streit führt in den Überdruss – da lockt die Verheißung gleich viel mehr
Später immerhin hat Martin Heidegger seinen Irrtum vom Glauben an die Verheißung eingesehen und sich dann eben doch eher von Welt und Wirklichkeit abgewandt – denn im Allgemeinen sah der Denker aus der Hütte in Meßkirch eigentlich nur noch den zivilisatorischen Verfall, das Diktat der Technik, den nahenden Untergang. Überschrift seines letzten Interviews, im Spiegel: „Nur ein Gott kann uns noch retten“ – und gemeint ist nicht der Glaube an einen traditionell-christlichen, sondern an irgendein wundersames Geschehen, auf das sich der Mensch nur in Hoffnung demütig vorbereiten kann. Auch die Politik könne nichts mehr ausrichten gegen die (auch Selbst-)Entfremdung des Menschen …
Mit den heutigen Debatten gefragt: Ist die künstliche Intelligenz vielleicht diese Rettung? Oder doch der Untergang? Aber damit läuft eben alles in die Heidegger-Falle. Denn bei aller notwendigen und berechtigten Kritik im Einzelnen: Der unentwegte Kritizismus und Streit (der freilich online für mehr Aufmerksamkeit sorgt), führt in den Überdruss. Da lockt die Verheißung gleich viel mehr. Da wirkt der Untergang doch viel näher.
Dabei ist es mit dem Demokratischen doch wie mit dem Individuellen – Gesellschaft und Ich können sich (zumal in der Moderne) nie endgültig entwerfen, sondern müssen nur auf Dauer und immer neu im Mangel daran feilen. Wer anderes erwartet oder fordert, große Würfe und durchschlagene gordische Knoten, der befördert tatsächlich etwas, das Ich wie Gesellschaft krank werden lassen kann.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren