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Zeitzeichen : Die richtige Haltung oder: Mach es wie Marc Aurel

Zeitzeichen

Die richtige Haltung oder: Mach es wie Marc Aurel

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    Ein übergrosser Nachbau eines Porträts des Marc Aurel steht in der Landesausstellung "Marc Aurel" im Rheinischen Landesmuseum.
    Ein übergrosser Nachbau eines Porträts des Marc Aurel steht in der Landesausstellung "Marc Aurel" im Rheinischen Landesmuseum. Foto: Harald Tittel/dpa

    Was tun, wenn die Zeiten ein bisschen schwieriger, die Herausforderungen ein bisschen komplexer werden und wenn – das vor allem – keine baldige Aufhellung in Sicht ist, nirgends? So viele Menschen wie nie zuvor, das hat kürzlich der „Reuters Institute Digital News Report 2025“ ergeben, reagieren darauf in Deutschland mit „News Avoidance“. Das bedeutet ganz einfach: Sie gehen ganz bewusst Nachrichten aus dem Weg. Und zwar tun das ganze 71 Prozent der Erwachsenen inzwischen, zumindest zwischendurch.

    Und wer mag es ihnen verdenken, da das doch spätestens seit Corona kein Ende mehr zu nehmen scheint mit Krisen und Kriegen und Klima und so? Außer den Medien vielleicht, deren Geschäft es ja eigentlich ist, Wirklichkeit nach der Relevanz der Nachrichten zu spiegeln, getreu der alten Frage: Was sollten die Leute wissen? Wenn die das aber nun eben nicht mehr wissen wollen, weil es ihnen irgendwie ein nicht so ganz wohliges Gefühl ins Heim holt, schwenken die geschmähten Botschaftsüberbringer ja selber längst um und weg von der Relevanz hin zu der Frage: Was wollen die Menschen lesen? Und suchen Unterhaltendes oder Inspirierendes, etwas, das jedenfalls zeigt: Die Welt ist gar nicht so – zumindest für den, der sich für den hier feil gebotenen Spiegel entscheidet. Ein Wettkampf der Nettigkeiten, der doch auch dazu führen müsste, dass die durch die mediale Wahrnehmung sich ja erst konstituierende Wirklichkeit insgesamt netter erscheint. Ist bloß leider nicht, weil im Kontrast die doch nicht ganz zu verdrängenden harten Nachrichten nur noch umso härter wirken …

    Zurück auf Anfang also: Was tun?

    Eine sehr alte und zugleich sehr trendige Antwort darauf kommt derzeit ausgerechnet aus dem Museum. Gefeiert wird in Trier der im Jahr 180 gestorbene römische Kaiser Marc Aurel „als Inbegriff des guten Herrschers“. Denn der war ja auch noch Philosoph und der letzte große Vertreter der Stoiker, die jedem durch die Eigenschaft, alles stoisch zu ertragen, irgendwie ein Begriff, aber damit völlig unzureichend beschrieben sind.

    Selbst Boris Becker soll im Gefängnis zu den Weisheiten des Marc Aurel gegriffen haben

    Es geht klassisch antik um Seelenruhe – und das bei Leuten wie Zenon 300 vor Christus , der mitten in einer existenziellen Krise der griechischen Stadtstaaten lebte, oder Epiktet oder Seneca oder eben bei Marc Aurel, zu dessen Zeit Pandemien und Kriege wüteten. Die also umfassende Machtlosigkeit in Unordnung und Niedergang erfahren mussten – und gerade da ihre Lehren in und für Krisenzeiten formulierten. Die nun wieder zu vollem Leben erwachen. Die Smartphone-App „Pocketstoic“ serviert jeden Tag ein Zitat eines klassischen Stoikers. Unternehmer oder Spezialeinheiten des US-Militärs lassen sich mittels der antiken Philosophie coachen, etwa vom Shootingstar der neuen Stoiker, einem Marketing-Spezialisten namens Ryan Holiday – selbst Boris Becker soll im Gefängnis zu Weisheiten des Marc Aurel gegriffen haben.

    Was sie da lesen zur Seelenruhe in der Krise? Zum Beispiel Marc Aurel: „In kurzer Zeit wirst du alles vergessen haben – in kurzer Zeit wird alles dich vergessen haben.“ Die ultimative Gelassenheitsperspektive. Oder Epiktet: „Sich um nichts zu sorgen, das sich unserem Einfluss entzieht, das ist der Weg zum Glück.“ Ein Klassiker, der im heutigen Personalcoaching dann lautet: „Take it, change it, or – if you can’t change it – leave it.“ Wenn Du’s nicht ändern kannst, lass es sein! Und lässt sich so nicht tatsächlich eine Handreichung für die schwierigeren Zeiten, die komplexeren Herausforderungen finden? Bewusste und praxisorientierte „News Avoidance“ auf antik philosophischem Fundament einerseits – und dazu kommt andererseits noch die Pflichtethik, die Fokussierung und Leistung lehrt, wie es Friedrich Merz gefallen würde (Marc Aurel schlief sehr wenig und auf einer einfachen Matte auf nacktem Boden – was tatsächlich schon bei Managern im Silicon Valley Schule gemacht haben soll). Die Neo-Stoa jedenfalls wird so zum Instrument der Selbstoptimierung – auch in der Wirklichkeitswahrnehmung.

    Der alte Stoiker informiert sich sehr wohl über die Angelegenheiten in Staat und Welt

    Bloß dass die antike Stoa etwas ganz anderes wollte! (Die Geschichte wiederholt sich hier mal wieder frei nach dem alten Marx, wir erleben gerade den Triumph der Farce). Ein zentraler Satz nämlich findet sich bei Epiktet: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ Bitte nochmals langsam lesen! Und dann überlegen, ob sich im Kontrast damit etwas viel Fataleres über die Gegenwart erfahren lässt. Der alte Stoiker jedenfalls informiert sich sehr wohl über die Angelegenheiten in Staat und Welt – und versuchte gerade ausfindig zu machen, wo er einer Verantwortung für Gesellschaft und Welt gerecht werden kann. Ohne sich vom Gefühl (auch für sich selbst) leiten zu lassen oder im rummeinenden Geschwätz über alles drei zu erschöpfen. Es ist also gerade keine Philosophie des Welt-Rückzugs und der Ich-Fokussierung. Sondern es ist eine Philosophie des rationalen Engagements und des aufgeklärten Medienkonsums, die zugleich sagt: Hört endlich auf mit dem Genöle und Gewüte, der ständigen Angstbereitschaft und der Flucht in Nettigkeiten. Nutzt eure Zeit, das Wesentliche zu erfahren und das Richtige zu tun, stumpft nicht ab, bleibt wachsam, ohne allerdings auf die heile Welt oder die große Revolution hin zum Guten zu hoffen, das frustriert nur und lässt blind für das Wesentliche des Fortschritts im Kleinen zu werden – handelt einfach als Mensch unter Menschen für das Bisschen an Zeit, das euch gegeben ist als Teil von allem.

    Und mit Marc Aurels zur Weltliteratur gewordenen „Selbstbetrachtungen“ gesprochen: „Was ist es also, worauf wir unsere ganze Sorge lenken müssen? Nur das eine: eine gerechte Sinnesart, gemeinnütziges Handeln, beständige Wahrheit im Reden und eine Gemütsstimmung, alles, was uns zustößt, mit Ergebung hinzunehmen wie eine Notwendigkeit, eine bekannte Sache, die mit uns einerlei Quelle und Ursprung hat.“

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