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Zeitzeichen: Mit dem Handy und halbem Hirn hinterm Steuer – dann lieber KI?

Zeitzeichen

Mit dem Handy und halbem Hirn hinterm Steuer – dann lieber KI?

Wolfgang Schütz
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    Schon Wahnsinn: Fahren und sich seinem Smartphone widmen.
    Schon Wahnsinn: Fahren und sich seinem Smartphone widmen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

    Kürzlich fast vom Hocker gefallen, weil weitergeleitet bekommen und gelesen: „Der Fahrunterricht kommt im 21. Jahrhundert an: In mehreren deutschen Städten haben Fahrschulen ihr Angebot angepasst und unterrichten Autofahren bei gleichzeitiger Handynutzung, anstatt ihren Schülern pauschal vom Smartphone am Steuer abzuraten.“ Durchatmen, es geht weiter: „Die Fahrschule Clement in Berlin ist eine der ersten, die umschwenkten. Inhaber Martin Clement (49) erklärt, warum: ‚Klar, eigentlich ist das nach StVO strikt verboten, am Steuer das Handy zu benutzen. Aber seien wir mal ehrlich: Es macht ja trotzdem jeder. Da gebe ich meinen Schülern doch lieber die Skills an die Hand, wie sie ihr Handy beim Autofahren sicher benutzen, als es ihnen einfach zu verbieten.‘“ Und jetzt aber: ausrasten?

    Nein, ruhig Blut, besser – wie immer – die Quelle nachschauen und in diesem Fall erkennen: Das ist Satire, Der Postillon, gute alte Humormarke, stimmt also gar nicht. Aber trifft, in guter alter Humortradition, eben doch einen Punkt, wo doch gerade viele wieder ganz viel Zeit in ihren Autos verbringen, in die Ferien fahrend – oder auch nur auf dem Weg dorthin stehend. Und nur in zweiterem Fall sollte ja auch die Person auf dem Sitz am Lenkrad das Display ihres Smartphone betrachten und darauf rumtippseln. Es ist nicht unerheblich strafbewehrt, das Gleiche in Verkehr und Bewegung zu tun, denn es ist gefährlich – und trotzdem so sehr Alltag, dass es das Unterwegssein auf den Straßen grundsätzlich verändert.

    Die neue Verkehrssituation bietet sich auch als Symbol für die sich radikal ändernde Gesellschaft an

    Man denke dabei auch an kluge Studien, die seit Langem zeigen, wie sich am Verkehrsverhalten in einem Land jeweils charakteristisch der Zustand des Miteinanders in der Gesellschaft ablesen lässt – und überlegen was sich etwa am Kontrast über Indien und Italien und Deutschland zeigt. Wer kommuniziert hier am liebsten gar nicht, regelt alles mit Schildern und wird elektronisch vor zu viel Nähe gewarnt, wer muss schon dauerhupen, um überhaupt wahrgenommen zu werden …

    Und was heißt es da, wenn der Einzug von selbstfahrenden Autos bevorsteht? Wenn künstliche Intelligenz zum Teil des Alltäglichen wird, die Menschen im Inneren der Autos nur noch Passagiere sind, die Kommunikation unter Verkehrsteilnehmern keine mehr von Mensch zu Mensch ist? Mal abgesehen von allen Risiken, die das birgt, weil freilich auch diese Maschinen nicht unfehlbar sind: Die neue Verkehrssituation bietet sich auch als Symbol für die sich radikal ändernde Gesellschaft der Zukunft an – wenn ein Spieler durch seine Andersartigkeit und seine optimierte Anpassung an die Regeln unweigerlich zum Maß des Miteinanders wird, weil gemeinsames Abwägen und Einigen auf Spontanlösungen nicht mehrt möglich ist? Und ist das nicht Wahnsinn?

    Wer ganz anwesend ist, kann täglich Beispiele des Wahnsinns beobachten

    Andererseits aber: Alltag ist ja auch jetzt schon Wahnsinn. Oder andersrum. Drei kleine Beobachtungen aus den Tagen nach der Begegnung mit dem Postillon. Es ist abends, wenig los in der Stadt, ein Auto stoppt an der Kreuzung bei roter Ampel, im Inneren erglimmt das Display, die Ampel schaltet über Gelb auf Grün, das Auto steht, das Display leuchtet, das Auto steht, die Ampel ist grün, ist grün, ist grün, eine ganze Ampelphase lang … – und schaltet dann wieder auf Gelb und auf Rot, das Auto steht. Die Person darin schaut vom Display auf und schüttelt beim Blick auf die Ampel empört den Kopf, dass die immer noch kein Weiterfahren gewährt … Früher gab es noch Aufkleber hinten auf dem Auto wie „Nicht hupen, der Fahrer träumt vom FC Bayern München“. Im Smartphonezeitalter bleibt einem an der Ampel oft nur ein Kompromiss: Fünf Sekunden der Grünphase ablaufen lassen, bevor klar ist, dass die Person im Auto davor mal wieder im Display versunken und nicht anwesend ist – erst dann hupen. Man muss es ohnehin viel mehr als früher, um zu signalisieren, dass die Welt noch da ist. Denn so viele sind höchstens mit halbem Hirn hinterm Steuer. Dann lieber KI als Gegenüber?

    Und wieder an der Ampel, auf zwei Spuren geht’s gerade aus, es wird orange und wird rot, ist rot, rot, der Verkehr auf der rechten Spur steht, auf der linken aber zieht ein Auto vorbei, fährt weiter, über die Ampel, über rot, längst rot, die Person hinterm Steuer scheint nichts zu sehen, irgendwie nicht da zu sein, da sind dafür im Auto ihre beiden Kinder auf den hinteren Sitzen, einfach Glück, dass gerade kein Querverkehr war. Wer die Person nach der Weiterfahrt an der nächsten Ampel, die sie tatsächlich bemerkt hat, darauf hinweist, dass sie wohl am Handy war, jedenfalls über rot gefahren ist und das mit den Kindern hinten drin … – der erntet höchstens ein „Ach?“ und einen Blick, der sagt: Was mischt du dich denn ein!?!

    Sind denn alle verrückt geworden?

    Dritte Szene, diesmal auf der Autobahn, die nicht eben leer ist, auf der Mittelspur zieht ein Auto mit rund 150 km/h vorbei an den 120ern rechts, die Person am Lenkrad starrt durchweg auf das Smartphone, nähert sich dabei auf der gleichen Spur einem anderen Auto, ungebremst, vielleicht wird die fahrende Person von einem Warngeräusch aufgeschreckt oder durch einen Schatten im peripheren Sehen, da leuchten jedenfalls plötzlich die Bremslichter auf – und dann zieht das Auto auf die Überholspur, knapp vor einem gerade heranrauschenden 180er (mindestens), hupen, hupen, rauf aufs Gas, weiter geht’s …

    Und so weiter. Wer auch immer mit offenen Augen im Straßenverkehr unterwegs ist, kann täglich solche Beobachtungen ergänzen – auch von Radfahrern, freihändig, im Stadtverkehr, mit Blick auf das Display. Und könnte sich fragen: Sind denn alle verrückt geworden? Die Antwort: Nein, bloß unrettbar süchtig. Und jenen, die man dereinst womöglich als Wichtigtuer beäugte, weil sie rechts ran gefahren sind, um sich ihrem Smartphone zu widmen, wäre inzwischen eigentlich zu danken und zu applaudieren.

    Klar, die anderen, die konnten ja noch nie richtig Auto fahren – inzwischen aber wäre man froh, sie würden die Aufgabe wenigstens ernst nehmen. Oder es sonst halt einfach lassen. Das müssen Fahrschulen wohl heute tatsächlich vermitteln.

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