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Grünes Bauen: Wie Bäume und Gebäude nachhaltig verbunden werden können

Grüne Technologie

Bauen mit Bäumen: „Das Potenzial ist riesig“

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    Haus hinter lauter Bäumen: Der sogenannte Platanenkubus, der für die baden-württembergische Landesgartenschau 2012 in Nagold konzipiert wurde.
    Haus hinter lauter Bäumen: Der sogenannte Platanenkubus, der für die baden-württembergische Landesgartenschau 2012 in Nagold konzipiert wurde. Foto: © OLA - Office for Living Architecture

    Herr Ludwig, Sie haben vor 20 Jahren den Begriff Baubotanik geprägt, was ist gemeint?

    FERDINAND LUDWIG: Das Zusammenspiel von Architektur und Bäumen. Mich hat das schon als Student interessiert, und in der Literatur bin ich etwa auf die Tanzlinden gestoßen. Die gibt es noch vereinzelt in Franken und Thüringen, da kann in den Baumkronen eine ganze Aufenthaltsplattform sitzen. Im Zuge der Ökobewegung und im Kontext von Land-Art gab es Versuche wie David Nashs Eschen-Dom. Ich habe mich gefragt, ob das etwas für eine Nische ist, oder ob man damit einen relevanten Beitrag für die Zukunft unserer Städte leisten kann. Mittlerweile zeigt sich: Das Potenzial ist riesig.

    Wie kann man denn im großen Stil mit viel Grün bauen?

    LUDWIG: Wir sind dabei, eine Studie für die Stadt München abzuschließen. Da geht es um das Begrünen von Schulen - und zwar solide und effektiv. Uns geht es darum, dass der richtige Ansatz an der passenden Stelle zielgerichtet eingesetzt wird. Wenn Sie beispielsweise 50 Quadratmeter einer teuren Grünfassade an der Nordseite eines Gebäudes installieren, hat man kaum einen klimatischen Effekt. Wenn Sie mit dem gleichen Geld vier große Bäume vor eine Südfassade pflanzen, können Sie effektiv dazu beitragen, die Außen- und Innenräume vor Überhitzung zu schützen.

    Sie integrieren auch Bäume in die Fassade. Wie geht das?

    LUDWIG: Wir pflanzen große, speziell einseitig beschnittene Bäume direkt vor die Fassade. Dadurch erreichen wir die beste klimatische Wirkung, und der Baum wird für die Bewohner unmittelbar erlebbar. Es ist eigentlich ein sehr einfaches Vorgehen, aber es gibt keine Norm, die das regelt. Die gängigen Richtlinien aus Landschaftsarchitektur und Landschaftsbau besagen, man sollte mindestens 2,50 Meter Abstand von allen technischen Einrichtungen halten. Die unterschreiten wir natürlich.

    Man denkt sofort an Kletterpflanzen und gesprengten Putz.

    LUDWIG: Wenn man nicht weiß, wie es geht, und die falschen Pflanzen einsetzt, kann es mit der Zeit zu Bauschäden kommen, das stimmt. Aber mit der richtigen Pflanztechnik, der richtigen Pflege und natürlich mit den richtigen Pflanzen sind begrünte Fassaden durchaus praktikabel. Dann haben Sie auf lange Sicht einen hohen Nutzen und wenig Ärger. Mit den Bäumen ist es bei unseren Baumfassaden nicht anders. Aber sie müssen passen und am besten gleich mitgeplant werden.

    Sie haben mit Ihrem Team Beispiele von Bäumen gesammelt, die sehr nahe an Gebäuden wachsen. Was beobachten Sie?

    LUDWIG: Wir haben erstaunlich wenige Probleme dokumentiert. Die Schwierigkeiten bei Kletterpflanzen scheinen deutlich größer zu sein als bei Bäumen. Bäume wachsen zum Licht hin, also vom Gebäude weg. Dennoch haben große Bäume auch eine entsprechend große Angriffsfläche für den Wind. Das ist alles zu bedenken.

    Dann müssen Architekten und Landschaftsarchitekten künftig enger zusammenarbeiten?

    LUDWIG: Vor allem von Anfang an! Wenn das Haus schon geplant ist und dann noch „Grün“ dazu soll, wird es schwierig. Ist der Wurzelraum versiegelt, sind die Lösungen sehr teuer. Gerade bei der Bewässerung. Von Anfang an mitgeplant, kann ich das Wasser eventuell vom Dach holen oder mit Grauwasser arbeiten, das heißt, mit leicht verschmutztem Abwasser aus dem Gebäude, das man aufbereitet. Wir brauchen alle wichtigen Fachplaner, um eine gute grüne Lösung zu entwickeln.

    Bäume könnte man auch in Pflanzgefäße setzen, aber das hat etwas Künstliches.

    LUDWIG: Kommt drauf an. Unsere Forschung zeigt, dass es auch da ganz solide Lösungen gibt. Es macht keinen Sinn, „künstlich“ gegen „natürlich“ auszuspielen. Wir vergessen immer, dass wir in einer künstlichen Welt leben. Eine Stadt ist ein extrem künstliches Konstrukt, und in einem solchen Umfeld wachsen Bäume nicht einfach so und schon gar nicht perfekt. Durch die lokalen und globalen Veränderungen müssen wir einiges tun, damit Bäume gut wachsen. Dazu gehört vor allem die Wasserversorgung.

    Was wäre denn eine einfache Lösung?

    LUDWIG: Ich denke an Regengärten oder Bioretentionsanlagen, die das Regenwasser besser im Boden halten, und an das Auffangen von Dachwasser. Dazu ist es wichtig, dass genug Wurzelraum existiert, um das zu puffern. Wenn nicht, muss man eine Bewässerungstechnik verbauen. Die ist per se nicht des Teufels, sie muss nur umsichtig eingesetzt werden, damit sie auch das Richtige leistet.

    In Pflanzenkatalogen werden bereits „klimawandelresistente“ Bäume angeboten.

    LUDWIG: Tendenziell sind die südosteuropäischen Arten anpassungsfähiger. Und es gibt natürliche Gewinner wie die Robinie, auch die Gleditschie und der Japanische Schnurbaum haben sich bewährt, die Zerreiche hält Trockenheit und Hitze besser stand als die gewöhnliche Eiche. Trotzdem ist das ein Blick in die Glaskugel, denn wir wissen nicht, was wirklich auf uns zukommt.

    Die meisten hätten gerne mehr Grün um sich, aber was ist mit den Pollenallergikern?

    LUDWIG: Ein wichtiger Punkt! Und es sind ja nicht nur die Pollen, die allergische Reaktionen verursachen. Denken Sie an den Eichenprozessionsspinner, der zu einer Gesundheitsgefahr werden kann. Grün ist nicht grundsätzlich gut. Sie müssen das Grün auch gut planen, umsetzen und pflegen, damit die Wirkung entsprechend gut ist.

    Augen auf bei der Baumartenwahl?

    LUDWIG: Man hat in den vergangenen Jahrzehnten zu viel auf die Ästhetik gesetzt. Mit einem ökologisch sinnvolleren Grün geht das nicht unbedingt zusammen. Wichtiger ist doch: Wie schaut es mit der Robustheit aus? Wie erreicht man die notwendige Verschattung und Kühlung? Dazu kommen die Verdunstung, die Wirkung auf die Biodiversität – all das muss man mit den Standortbedingungen und den Bedürfnissen der Menschen in Einklang bringen.

    Das Grün in Wohnanalagen hat für die meisten üppig und saftig zu sein.

    LUDWIG: Ja, und vor allem haben Bäume immer grün zu sein. Selbst bei Stefano Boeri beschweren sich die Leute im Herbst, dass die Bäume am Bosco Verticale „sterben“. Aber bitte, im Herbst fallen halt die Blätter. Diese Vorstellungen können nur die Tropen erfüllen, wo das ganze Jahr Sommer ist und alles tiefgrün. Am ästhetischen Empfinden der Menschen muss sich tatsächlich etwas ändern. Es gibt ja ein großes Bedürfnis nach Grün. Auf der anderen Seite sind die Erwartungen überzogen und selektiv: Wenn Insekten, dann bitte nur Schmetterlinge. Aber so funktioniert das Ökosystem eben nicht.

    Die Stadt München hat sich verpflichtet, bei allen städtischen Neubauten und Sanierungen im Bestand ein Drittel der Fassaden zu begrünen.

    LUDWIG: Das ist wirklich ein Wort! Man muss nur aufpassen, dass das Grün nicht irgendwohin gepackt wird, damit es die Architektur „nicht stört“, sondern dorthin, wo es sinnvoll ist. Entscheidend ist, dass die Menschen das wollen, und zwar alle, die an einem Bauprojekt beteiligt sind. Dann kommt man ziemlich weit. Das ist unsere Chance für die Zukunft.

    Zur Person

    Ferdinand Ludwig, 45, ist an der TU München Professor für Grüne Technologie in der Landschaftsarchitektur. Im von ihm mitgegründete Office for Living Architecture in Stuttgart arbeiten Architekten, Stadtplaner und Baubotaniker zusammen. Auf der Architekturbiennale in Venedig ist er aktuell mit drei Beiträgen vertreten.

    Baubotaniker Ferdinand Ludwig.
    Baubotaniker Ferdinand Ludwig. Foto: © OLA - Office for Living Architecture
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