Hape, was glauben Sie selbst: Findet man das Glück nur, wenn man es bewusst sucht?
HAPE KERKELING: Ich glaube an eine gewisse „Grundspannung“. Das ist wie bei einer Gitarre: Die Saiten dürfen nicht zu straff gespannt sein, aber sie sollten auch nicht labberig hängen. In jedem Fall sollte die Suche niemals verbissen sein; man muss die nötige Offenheit besitzen, um sich vom Glück auch finden zu lassen.
Eigentlich wollten Sie Ihre Kultfigur Horst Schlämmer ad acta legen, jetzt spaziert er direkt ins Kino. Kann Deutschland nicht ohne Horst Schlämmer oder kann Horst Schlämmer nicht ohne uns?
KERKELING: Ich betrachte Horst wie einen alten Perserteppich, den man irgendwann aus dem Wohnzimmer verbannt hat, weil man dachte: „Der hat ausgedient, den bekommt man nie wieder sauber.“ Aber sobald er weg ist, stellt man fest, dass der Raum seine Seele verloren hat. Ohne ihn ist es in Deutschland einfach ein Stück ungemütlicher.
Der Grevenbroicher Schnauzbartträger moniert, dass bei uns zu viel gemault wird. Hat er damit recht?
KERKELING: Absolut. Das lässt sich schon im Straßenverkehr beobachten. Früher ging es dort noch halbwegs gesittet zu, heute benehmen sich viele wie Berserker und nutzen das Auto als Ventil für ihren Frust. Andere entladen ihren Zorn im Internet, brüllen Hotline-Mitarbeiter an oder suchen den Konflikt mit ihrem Hausarzt. Die Aggressivität nimmt spürbar zu.
Das Phänomen gibt es aber auch außerhalb.
KERKELING: Sicher, aber die Deutschen scheinen die schlechte Laune bisweilen regelrecht gepachtet zu haben. Bei unseren italienischen oder spanischen Nachbarn sind wir nicht gerade für ein sonniges Gemüt bekannt, sondern eher für unsere hängenden Mundwinkel. Und wenn die Mundwinkel erst einmal den Boden berühren, wird es höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.
Nun will Schlämmer eine Mission erfüllen: Den Menschen das Lächeln zurückzubringen. Dabei macht er nicht mal vor Markus Söder und Kardinal Woelki Halt. Wie hat er das hinbekommen?
KERKELING: Da hat Horst wohl seinen gesamten rustikalen Charme in die Waagschale geworfen. Da er gewissermaßen zum festen Inventar der deutschen Wohnzimmer gehört, konnten wohl selbst diese Herren seinem Drängen nicht widerstehen.
Hat er die beiden auch mit „Schätzelein“ angesprochen? Weiß man, was die Herren zu Hause über den dauerschnaufenden, dornkaatliebenden Reporter erzählt haben?
KERKELING: Das würde mich in der Tat brennend interessieren! Ich warte noch darauf, dass da irgendetwas kolportiert wird. Die direkten Rückmeldungen waren jedenfalls sehr höflich und äußerst diplomatisch.
Wenn Schlämmer es nun mit Politikern aufnimmt, würde er auch einem Donald Trump übers Maul fahren?
KERKELING: Ach, er würde ihn wohl gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Vor allem aber würde er ihm nicht zuhören. Das wäre ihre große Gemeinsamkeit: Beide würden sich gegenseitig konsequent ignorieren. Ich befürchte fast, am Ende würden sie sich prächtig verstehen. Aber glücklicherweise scheitert das schon an Horsts mangelnden Englischkenntnissen.
Sie selbst könnten auf der Suche nach dem Glück weit vorne liegen. Indizien gibt es genug. Um mal eine Aufzählung zu wagen: Nach Ihrer Wanderung 2001 ist der Jakobsweg echt hip geworden ...
KERKELING: Ich habe ihn vielleicht nicht so „hip“ gemacht, wie man mir oft zuschreibt. Schließlich habe ich ihn nicht erfunden, sondern lediglich seine Popularität ein wenig gesteigert. Aber wenn es mir gelungen ist, Menschen zu dieser Pilgerreise zu inspirieren – und wäre es nur ein einziger gewesen –, dann empfinde ich das als zutiefst beglückend.
Was gibt Ihnen persönlich Halt, wenn die Zeiten dreckig werden?
KERKELING: Wissen Sie, die Zeiten waren glücklicherweise nie so düster, dass ich die Hoffnung gänzlich verloren hätte. Aber mein Fundament ist die Partnerschaft; und letztlich vertraue ich natürlich auf den lieben Gott.
Ihre Karriere als Messdiener währte nur kurz, weil Sie dem Pfarrer „zu viel Show“ machten. Konnte Ihre Begegnung mit dem Dalai Lama Sie glücklich machen?
KERKELING: Ja, das hat maßgeblich zu meinem persönlichen Glück beigetragen. Es ist schwer in Worte zu fassen, was er mir konkret vermittelt hat; es war eine sehr spirituelle Erfahrung. Ich war damals mit der wunderbaren, leider bereits verstorbenen Hannelore Elsner dort. Uns beiden ging es identisch: Wir waren danach wie berauscht, fast wie zwei alberne Kinder. Hannelore fragte mich: „Bist du auch so glücklich wie ich?“ Und ich konnte nur bejahen. Wir konnten uns diesen Zustand rational nicht erklären, aber wir standen schlichtweg unter dem Eindruck der Aura dieses Mannes.
Nächste Hypothese: Sind Sie glücklich, dass Ihr Mann Dirk, den Sie 2016 geheiratet haben, nun Ihren Nachnamen angenommen hat?
KERKELING: Ja, das erfüllt mich mit großer Freude – und ich weiß, dass es auch meinen Mann sehr glücklich macht.
Würden Sie heute sagen, dass es vielleicht sogar ein Glück war, 1991 unfreiwillig geoutet zu werden? Die Entscheidung wurde Ihnen aus der Hand genommen, als Rosa von Praunheim Sie und Alfred Biolek in einer Talkshow als homosexuell outete – was Sie damals nicht lustig fanden.
KERKELING: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die jedes Unglück im Nachhinein zum Glück umdeuten müssen. Es war eine Schicksalsfügung; jemand hat damals ungefragt über mich verfügt. Dass die Geschichte letztlich eine glückliche Wendung nahm, lag sicher eher an den Begleitumständen als an der Tat selbst.
Hat es Sie glücklich gemacht, dass Sie 2016 den Bundespräsidenten mitwählen durften?
KERKELING: Nein, sicher nicht. Es war überaus interessant, sogar lehrreich, aber es hat mich weder glücklich noch stolz gemacht. Sagen wir so: Ich bin dadurch vielleicht ein Stück schlauer geworden.
Sie hatten aber sicherlich großes Glück damit, dass Ihr bester Freund seit der dritten Klasse an Ihrer Seite ist ...
KERKELING: Das ist alles andere als selbstverständlich. Achim Hagemann kenne ich nun seit über 50 Jahren. Dass wir schon früh – seit „Känguru“ – gemeinsam Blödsinn machen durften und dafür auch noch bezahlt wurden, empfinde ich als großes Privileg. Dass unser Quatsch auch nach all der Zeit noch gemocht wird, erfüllt mich mit Dankbarkeit. In diesem Land die Freiheit zu haben, sich so individuell zu entwickeln, wie ich es getan habe, ist für mich das größte Glück.
Sie gaben aber immer großzügig Einblick in Ihr eigenes Leben, in Ihre eigenen Tragödien. Hat es zu Ihrem Glücklichsein beigetragen, dass Sie sich in Ihrem zweiten Buch „Der Junge muss an die frische Luft“ öffneten und den Mut hatten, von Ihrer Kindheit und dem Freitod Ihrer Mutter zu erzählen?
KERKELING: Mich hat vor allem die berührende Reaktion meiner Leser glücklich gemacht. Der Austausch, der daraus entstand, war ein zutiefst erfüllender Moment.
Unerwartet glücklich?
KERKELING: Man weiß nie, wie tief das Wasser ist, in das man springt, oder ob man unbeschadet wieder auftaucht. Aber im Zweifelsfall entscheide ich mich immer für den Sprung, weil am Ende meine Neugier über die Angst siegt.
Sie konnten sich glücklich schätzen, eine herzensgute, sehr coole „Omma“ zu haben, die Sie damals auffing.
KERKELING: Absolut. Das ist ein Fundament, von dem ich bis heute zehre.
In „Gebt mir etwas Zeit“, Ihrem dritten Buch, haben Sie sich noch weiter gewagt – Sie selbst nennen es Ihr „zweites Coming-Out“: Sie erzählen vom Verlust Ihrer großen Liebe Duncan 1989 durch Aids. Brauchten auch Sie „etwas Zeit“, um das loszuwerden?
KERKELING: Ja, aber ich habe dabei voll und ganz auf das Verständnis meiner Leser gesetzt. Sie vertrauen mir oft sehr viel an, und ich empfinde es als richtig, dieses Vertrauen zurückzugeben. Ich möchte sie ermutigen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und sich anderen zu öffnen
„Die Wahrheit wird euch frei machen“, heißt ein Bibelzitat. Trifft das auch auf Sie zu? Sie haben sich vieles von der Seele geschrieben ...
KERKELING: Ja, das trifft den Kern! Ich schätze diesen Satz sehr. Man darf sich der Wahrheit nicht verschließen, denn am Ende gibt es keine unterschiedlichen Wahrheiten – es gibt nur die eine.
Sie sind sicher einer der beliebtesten Deutschen. Also auch ein Glücklichmacher?
KERKELING: Es würde mich freuen, wenn dem so wäre. Ob es am Alter liegt oder an der langen Zeit im Beruf: Die Begegnungen mit den Fans werden immer herzlicher, wärmer und direkter. Ich lasse diese Nähe gerne zu, denn sie tut beiden Seiten gut. Manchmal spüre ich das schon aus hundert Metern Entfernung in der Fußgängerzone – ich sehe ein Lächeln, wir kommen ins Gespräch, und es entsteht ein schöner Moment.
Hat das eine andere Qualität als früher?
KERKELING: Unbedingt. Ich glaube, das ist das Ergebnis von über 40 Jahren Arbeit, in denen ich zwei Generationen begleiten durfte. Es rührt mich oft zutiefst zu sehen, wie viel Zuneigung mir entgegengebracht wird.
Sie haben eine Karriere der Superlative hingelegt. Sind Sie eigentlich Deutschlands „Nationalschätzelein“?
KERKELING: (lacht herzlich) „Nationalschätzelein“? Das muss ich mir merken! Das ist eines der schönsten Komplimente, die ich in 40 Jahren erhalten habe. Wenn Sie das als Schlagzeile bringen, haben Sie mich heute sehr glücklich gemacht!
Zur Person
Hape Kerkeling, 1964 in Recklinghausen geboren, hat es wieder gemacht und sich in seine Kunstfigur Horst Schlämmer verwandelt. Am Donnerstag läuft nun sein neuer Kino-Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“ an.
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