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Im Film „Ein einfacher Unfall“ geht es um Folter und Rache

Kino

Kritik zu „Ein einfacher Unfall“: Wenn ein Folteropfer seinem Peiniger begegnet

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    Vahid (Vahid Mobasseri) will Rache an seinem Folterknecht üben. Doch als er ihn lebendig begräbt, kommen ihm Zweifel.
    Vahid (Vahid Mobasseri) will Rache an seinem Folterknecht üben. Doch als er ihn lebendig begräbt, kommen ihm Zweifel. Foto: -/Mubi/dpa

    Ein Quietschen gefolgt vom Schleifen eines Beins – als Vahid (Vahid Mobasseri) das Geräusch in seiner Autowerkstatt vernimmt, steigt Panik in ihm auf. Im Gefängnis hat er es immer wieder gehört, wenn Eghbal, der Folterknecht mit der Beinprothese, heranrückte, um seine Opfer zum Verhör abzuholen. Gesehen hat er den Mann nie, weil er ihm immer nur mit verbundenen Augen begegnet ist. Aber der Klang seines Hinkens hat sich tief in Kopf und Seele eingebrannt. Die alte Angst ist sofort wieder da, bis die Wut die Kontrolle über sein Handeln übernimmt. Als der Kunde mit der Beinprothese die Werkstatt verlässt, nimmt Vahid die Verfolgung auf, lauert dem Mann am nächsten Tag auf, schlägt ihn nieder und verstaut den Bewusstlosen in seinem Kleintransporter. In der Wüste schaufelt er ein tiefes Grab, in das er das gefesselte Opfer hineinwirft. Während er anfängt, den mutmaßlichen Peiniger lebendig zu begraben, beteuert der Mann in der Grube, nicht derjenige zu sein, für den er ihn hält. Langsam bekommt Vahid Bedenken. Schließlich packt er den Gefesselten wieder in seinen Kleinbus und fährt davon.

    Einen zweifelnden Rächer stellt der iranische Regisseur Jafar Panahi an den Beginn seines neuen Filmes „Ein einfacher Unfall“, der im letzten Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Panahi weiß, wovon er spricht, wenn er Täter und Opfer des islamistischen Regimes aufeinanderprallen lässt. Schließlich war der Filmemacher schon seit Beginn seiner Karriere den Repressionen der iranischen Staatsmacht ausgesetzt. Bereits 2010 wurde er verhaftet und verbrachte drei Monate im berüchtigten Evin-Gefängnis. Das Gericht verurteilte ihn zu einem 20-jährigen Berufsverbot und zu sechs Jahren Haft, die er jedoch vorerst nicht antreten musste.

    Unter klandestinen Bedingungen hat Panahi „Taxi Teheran“ produziert

    Während dieser ganzen Zeit hat Panahi nicht aufgehört Filme zu drehen. „Taxi Teheran“ (2015) wurde unter klandestinen Bedingungen produziert, auf einen USB-Stick aus dem Iran nach Berlin geschmuggelt, wo der Film bei den Festspielen den Goldenen Bären gewann. Vor drei Jahren musste Panahi doch seine Haftstrafe antreten. Sieben Monate verbrachte er im Evin-Gefängnis, kam nach einem Hungerstreik wieder frei und begann wenig später mit den Arbeiten an „Ein einfacher Unfall“.

    Hier benennt er die willkürliche, brutale Gewalt, der Häftlinge in den Gefängnissen der islamischen Republik ausgesetzt sind, beim Namen und bindet sie ein in einen komplexen Diskurs über die Rache als Instrument der Gerechtigkeit in einem Unrechtsstaat. Als Vahid mit dem mutmaßlichen Folterknecht im Gepäck zurück in die Stadt fährt, sucht er weitere ehemalige Häftlinge auf, die den sedierten Entführten identifizieren könnten.

    „Ein einfacher Unfall“ stellt auch pragmatische philosophische Fragen

    Die Fotografin Shiva (Mariam Afshari) will zunächst nichts von den unausgegorenen Racheplänen wissen. Sie hat sich mühsam eine neue Existenz aufgebaut und macht gerade Fotos für die Hochzeit ihrer Freundin Golrokh (Hadis Pakbaten), die ebenfalls mit ihr im Gefängnis war. Als die Braut im weißen Kleid erfährt, wer in der Holzkiste im Kleinbus verstaut ist, ist sie kaum noch zu halten. Stundenlang hat Eghbal sie mit einem Strick um den Hals bei einer Scheinhinrichtung auf dem Stuhl stehen lassen, um sie später zu vergewaltigen. Aber auch sie kann ihn nicht zweifelsfrei identifizieren. Shivas Exfreund Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) wird seit seinen traumatischen Gefängniserfahrungen von einer unkontrollierbaren Wut beherrscht und er würde keinen Moment zögern, den Verdächtigen umzubringen. Auch er hatte die Augen verbunden, aber er musste seinem Peiniger immer wieder die Beine massieren und ist sich sicher, dass es sich bei dem Mann in der Kiste um den Folterknecht handelt.

    Vahid und Shiva kommen indes prinzipielle Zweifel am Racheplan. Denn Rache ist ein zweischneidiges Versprechen, das die Täter-Opfer-Hierarchie umdreht und die Opfer zu Tätern werden lässt. Für das ernste Thema findet Panahi immer wieder auch Passagen von komödiantischer Leichtigkeit. Wenn das Telefon des Entführten klingelt und die weinende Tochter berichtet, dass ihre schwangere Mutter in Ohnmacht gefallen ist, eilt das unprofessionelle Kidnapper-Team zu Hilfe, bringt die Schwangere ins Krankenhaus und kommt sogar noch für die üblichen Bestechungsgelder der Hebamme auf. Mit „Ein einfacher Unfall“ gelingt Panahi ein Film, der einerseits fest in der repressiven Realität des iranischen Regimes verankert ist und andererseits einen überraschend pragmatischen philosophischen Diskurs über Rache und Gerechtigkeit führt. Das ist spannend, emotional und klug in Szene gesetzt und kann durch die beachtlichen Leistungen der Laiendarsteller überzeugen. Einen solchen Film unter den widrigen Bedingungen dieses Regimes zu drehen, verdient großen Respekt – und eine Goldene Palme..

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