Frau Kracher, Sie haben nach der Veröffentlichung der ersten Anschuldigungen gegen Till Lindemann getwittert, die Musikindustrie sei ein "widerlicher Täterschutzverein". Ist das nicht zu pauschalisierend?
VERONIKA KRACHER: Das war etwas polemisch formuliert, aber es ist bezeichnend, wie wenige männliche Bands, Musiker, Musikproduzenten oder Musikjournalisten sich zu diesem Fall äußern. Dieses Schweigen ist ohrenbetäubend. Es suggeriert, dass sexualisierte Gewalt kein gesamtgesellschaftliches Problem ist, sondern etwas, was Frauen gefälligst für sich zu lösen haben. Und das ist problematisch, weil es zur Aufgabe der Frauen gemacht wird, sich gegen sexualisierte Gewalt zu wehren. Dabei sollten es noch viel mehr Männer sein, die in ihrem männlichen Umfeld nicht zulassen, dass so etwas passiert.
Was sollten Männer konkret tun?
KRACHER: Sie sollten bei sich anfangen und reflektieren, wo sie womöglich auch schon Grenzen überschritten haben. Und sie müssen auch unter Freunden einschreiten, wenn diese Witze über sexualisierte Gewalt machen oder Frauen belästigen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jede dritte Frau sexualisierte und/oder körperliche Gewalt erfährt. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Ich glaube, jede Frau kennt eine Frau, die schon sexualisierter Gewalt ausgesetzt war; oder sie ist selbst betroffen. Aber kaum ein Mann kennt einen Täter.
Zahlreiche Menschen stehen hinter den Frauen, die Lindemann anklagen. Andere aber sagen: Alles Lügen, die Frauen wollten mit ihren Anschuldigungen nur Aufmerksamkeit – oder seien selbst schuld. Warum wird bei sexualisierter Gewalt häufig so argumentiert?
KRACHER: Das verlagert wieder einmal die Verantwortung von den Tätern auf die Frauen und ist klassische Täter-Opfer-Umkehr. Häufig wird von Frauen verlangt: Verhaltet euch so, dass ihr keinen sexuellen Übergriffen ausgesetzt seid. Anstatt die Verantwortung an Männer zu richten und zu sagen: Werdet nicht übergriffig, misshandelt und vergewaltigt nicht. Wenn ich als Frau irgendwo hingehe, dann sollte ich nicht damit rechnen müssen, unter Drogen gesetzt zu werden, sexualisierte Gewalt oder Missbrauch zu erleben. Ich denke, viele Männer wollen sich nicht der Erkenntnis stellen, dass sie vielleicht selbst schon übergriffig waren. Unter anderem deshalb geben sie Frauen die Schuld und werten sie ab. Viele Fans identifizieren sich mit der Band. Da nimmt dann die Fankultur sogar einen Teil der Persönlichkeit ein und das geliebte Idol muss vehement verteidigt werden.
Männer sollten aber auch nicht unter Generalverdacht stehen, Frauen gegenüber sexuell übergriffig zu sein.
KRACHER: Das Problem ist doch viel mehr, wie normalisiert sexualisierte Gewalt in Deutschland ist. So viele Mädchen und Frauen haben sexualisierte Gewalt und Belästigung erfahren. Da ist es doch verständlich und legitim, vorsichtig zu sein. Anstatt dass sich Männer darüber Sorgen machen, "vorverurteilt" zu werden, sollten sie sich damit auseinandersetzen, was Mädchen, Frauen und queere Menschen permanent erleben. Sie sollten mit Töchtern, Freundinnen, Partnerinnen reden, Texte über die Alltäglichkeit patriarchaler Gewalt lesen – und sich fragen, ob sie nicht vielleicht auch mal Konsens überschritten haben. Auch wenn das ein sehr schmerzhafter Prozess ist.
Welcher Mechanismus greift bei Frauen, die sexualisierte Gewalt verharmlosen oder andere Frauen als Lügnerinnen bezeichnen?
KRACHER: Frauen, die anderen Frauen nicht glauben oder ihnen die Schuld an sexualisierter Gewalt geben, verleugnen und verdrängen häufig, dass sie auch schon sexualisierte Gewalt erlebt haben. Sie bekommen ja mit, was Frauen passiert, die über sexualisierte Gewalt sprechen: Verurteilung, Schuldumkehr, brutale Misogynie. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es stigmatisierender ist, Opfer sexualisierter Gewalt zu sein als sexualisierte Gewalt zu verüben. Außerdem wird schon kleinen Mädchen häufig vermittelt, dass es wichtiger oder mehr wert ist, von Jungs oder Männern akzeptiert zu werden, als sich mit Mädchen oder Frauen zu solidarisieren. Von Frauen wird nach wie vor oft erwartet, keinen Aufstand zu machen, sich zurückzunehmen – und das ist gefährlich.
Spielt bei der Bagatellisierung der mutmaßlichen sexualisierten Gewalt im Fall Lindemann die Verklärung des Rock'n' Roll-Mythos und des Groupietums auch eine Rolle?
KRACHER: Ja, aber die Vorstellung von Rock-Rebellion war von Anfang an eine männliche, die auf den Schultern von Frauen ausgetragen worden ist. Frauen kommen in dieser Erzählung meist nur als Projektionsfläche vor, als Sexobjekt. Selten sind sie eigenständige Subjekte. Und der Mann ist das freiheitsdurstige Rockgenie, das sich nehmen darf, was es will. Im Fall von Rammstein denken einige wohl auch: Das ist doch Till Lindemann – der Star –, der darf das.
Was sollte getan werden, damit Menschen vor sexualisierter Gewalt besser geschützt sind und Betroffene ernst genommen werden?
KRACHER: Sexualisierte Gewalt ist ein grundlegendes Problem. Wir müssen gesellschaftliche Strukturen schaffen, in denen Frauen und andere Betroffene ermutigt werden, darüber zu sprechen – ohne sich schämen oder rechtfertigen zu müssen. Und in denen Männer – es sind nun mal mehrheitlich Männer, die übergriffig werden – andere Männer davon abhalten, zu Tätern zu werden. In Deutschland haben die Behörden viel Aufholbedarf, was geschlechterspezifische Gewalt angeht: Die deutsche Rechtsprechung arbeitet selten zugunsten der Opfer patriarchaler Gewalt. In Schweden gibt es die Gesetzgebung, dass Sex nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Beteiligten erlaubt ist. Das würde Deutschland auch guttun.
Zur Person
Veronika Kracher, 1990 in München geboren, ist Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin. Die Schwerpunkte ihrer Forschung liegen unter anderem auf Feminismus, männlichen Machtstrukturen und Patriarchatskritik. In ihrem Buch "Incels" schreibt sie über einen selbst ernannten Online-Kult von Männern, der Frauen unterdrückt und hasst. Seit 2021 arbeitet Kracher bei der Amadeu Antonio Stiftung zu den Themenfeldern Antifeminismus und Online-Radikalisierung. Sie lebt in Frankfurt am Main.