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Interview mit Star-Tänzerin Polina Semionova: „Wenn man eine Sache liebt, denkt man nicht an Lohn.“

Interview

Star-Ballerina Polina Semionova: „Da war die Musik und ich konnte nicht mehr stehen bleiben“

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    In Berlin ist die Primaballerina Polina Semionova heute zu Hause.
    In Berlin ist die Primaballerina Polina Semionova heute zu Hause. Foto: privat/Semionava

    Frau Semionova, Ballettvorstellungen, ob in Hamburg und Berlin oder in Augsburg und Nürnberg, sind in der Regel ausverkauft. Warum ist Ballett so populär?

    POLINA SEMIONOVA: Tanz ist durch seine Schönheit eine Kunst, die die Seele bewegen kann. Das macht die Menschen glücklich.

    Sie haben mit zehn Jahren angefangen mit ihrer Ballettausbildung, sind in diesem Alter täglich in die Schule des Bolschoi-Theaters in Moskau gegangen. Eine Ballett-Ausbildung ist mit viel Verzicht, auf das, was Kinder gerne machen, verbunden. Wie blicken Sie auf Ihre Kindheit zurück?

    SEMIONOVA: Ja, man musste viel Disziplin beweisen, und vor allem musste man sich auch sehr großer Konkurrenz stellen,  denn es gab viele Mädchen, die sehr gut waren. Ich erinnere mich: Nur wenige kamen jedes Jahr weiter. Das war ein schwieriger Anfang und ich musste auch mehrere Versuche starten, bis ich aufgenommen wurde. Es war während der Ausbildung über acht Jahre hinweg ein Kampf, weil ich immer beweisen musste, dass ich bleiben kann. Noch ein Jahr, noch ein Jahr, noch ein Jahr.

    Primaballerina Semionova: „Ich hatte von klein auf diesen riesigen Wunsch, Tänzerin zu sein“

    Wie haben Sie diesen immensen Leistungsdruck ausgehalten?

    SEMIONOVA: Mit großer Liebe für das Ballett. Ich hatte von klein auf diesen riesigen Wunsch, Tänzerin zu sein. Der Bewegungswille gab mir die Kraft, den Weg zu gehen.

    Es ging ihnen also nicht darum, auf der Bühne zu stehen, sondern darum, sich mit Bewegung auszudrücken?

    SEMIONOVA: Ja, das war für mich egal, ob ich es damit auf die Bühne schaffe. Da war die Musik – und ich konnte nicht mehr stehenbleiben, egal ob in einem Raum oder auf der Straße.

    Die Star-Tänzerin Polina Seminova
    Die Star-Tänzerin Polina Seminova Foto: Maria Helena Buckley

    Was haben Sie vermisst in Ihrer Kindheit?

    SEMIONOVA: Das ruhige Genießen von Kindheit im Kopf. Ich musste immer daran denken, dass ich jetzt den Spagat üben oder die Pirouetten drehen muss, da war nie Platz für etwas anderes in meinem Kopf. Ich konnte nie einfach nach Hause gehen und Kind sein, aber ich wollte das alles ja auch, deshalb habe ich mich auch nicht unfrei gefühlt. Ich würde nicht wirklich sagen, dass ich etwas vermisst habe in meiner Kindheit, aber es war sehr stressig.

    Sind sie auch privat so diszipliniert?

    Ich denke nicht, aber wenn ich weiß, dass ich zum Beispiel an der Flexibilität meines Körpers arbeiten muss, dann mache ich es einfach und wiederhole und wiederhole und wiederhole. Das ist so in mir drin.

    Die Disziplin scheint tatsächlich sehr tief in ihnen verwurzelt zu sein, denn sie vereinbaren mit Ihrer internationalen Ballettkarriere mittlerweile ja auch eine Familie mit zwei Kindern. Wie schaffen sie diesen Spagat?

    SEMIONOVA: Seit meine Kinder auf der Welt sind, arbeite ich mehr in Berlin, wo wir leben, und nehme nicht mehr so viele internationale Engagements an. Mit Kindern kann ich nicht mehr so viel verreisen, sie gehen ja schon zur Schule, und ich will nicht so lange ohne die Kinder sein – und sie nicht ohne mich.

    Heute bedeuten Training, Proben und Auftritte für Tänzerin Polina Semionova Freiraum

    Hat sich für Sie etwas am Tanzen verändert, seit sie Mutter sind?

    SEMIONOVA: Ja, die Pausen und die Veränderung des Körpers waren ein Einschnitt, eine Erfahrung, die sehr speziell war. Dadurch hat sich auch in meinem Kopf etwas verändert, an der Art, wie ich auf die Bühne gehe. Meine Instinkte waren nach den beiden Schwangerschaften schärfer, wenn ich auf der Bühne stand.

    Was meinen Sie damit?

    SEMIONOVA: Wenn ich auf der Bühne stehe, kommt immer ein bestimmtes Gefühl in mir hoch, ob es für die Technik ist oder eine bestimmte Rolle. Nach den Schwangerschaften war dieses Gefühl viel stärker. Außerdem schätze ich jetzt diese Momente, ob bei einer Aufführung, bei den Proben oder beim Training, viel mehr, weil sie nicht selbstverständlich sind. Es ist ein Geschenk für mich, dass ich noch tanzen kann, es schafft einen Freiraum für mich.

    Gerade in den vergangenen Jahren ist das Ballett immer wieder in die Schlagzeilen geraten durch toxische Machtstrukturen, Mobbing, schlechte Arbeitsbedingungen, an denen Tänzerinnen und Tänzer zerbrechen. Wie haben Sie das beobachtet?

    SEMIONOVA: Ich bin durch Mutterschaft und Engagements so beschäftigt, dass ich mich mit diesem Thema nicht beschäftigt habe. Deshalb kann und möchte ich dazu auch nichts sagen. Um einen Kommentar dazu abzugeben, müsste ich mehr wissen.

    Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit Choreografen

    Ich liebe die Arbeit mit Choreografen, speziell, wenn ich fühle, dass wir eine gemeinsame Linie haben. Ich probiere alles, was sie mir vorgeben, ich bin da wie Material, das geformt wird.

    Und was können Sie selbst einbringen?

    SEMIONOVA: Die Idee kommt vom Choreografen, aber wie ich es ausgestalte, das bin ich. Jeder Tänzer gibt etwas von sich in die Aufführung.

    Star-Ballerina Polina Semionova tanzte auf der Gala 2026 des Staatstheaters Augsburg die Choreografie "Der sterbende Schwan".
    Star-Ballerina Polina Semionova tanzte auf der Gala 2026 des Staatstheaters Augsburg die Choreografie "Der sterbende Schwan". Foto: Jan-Pieter Fuhr, Staatstheater Augsburg

    Wenn Sie auf der Bühne stehen: Ist das ein automatischer Vorgang, bei dem Sie überlegen, welchen nächsten Schritt Sie machen müssen, wie Sie den Arm heben oder den Kopf halten?

    SEMIONOVA: Erst einmal ist es so, dass man die einzelnen Bewegungen in den Proben immer wiederholen muss, damit der Körper sie einüben und verstehen kann. Bei Choreografien wie „Der sterbende Schwan“ oder Rollen wie Tatjana in „Onegin“ kommen die Schritte automatisch, weil sie schon in Fleisch und Blut übergegangen sind. Aber bei neuen Choreografien muss ich die Schritte oft noch in meinem Kopf sortieren: Das kommt auf 8, das auf 12. Und manchmal gibt es dann Situationen, in denen ich überhaupt nicht mehr an Schritte oder Technik denke – und das sind meistens die besten Momente.

    Als Zuschauer wird man emotional mitgerissen, wenn man zum Beispiel diesen letzten Pas de Deux in „Onegin“ auf der Bühne sieht. Wie ist es für Sie als Tänzerin?

    SEMIONOVA: Das kann ich gar nicht beschreiben, es ist einfach nur wunderschön.

    „Mama, wenn Du tanzt, bleibst Du jung“

    Sie werden dieses Jahr 42 Jahre alt, denken Sie ans Aufhören?

    SEMIONOVA: Sind Sie gelangweilt von mir? Das hat Rudolf Nurejew geantwortete auf diese Frage. Aber im Ernst: Wenn das Gefühl kommt, dass ich nicht mehr tanzen kann oder will, dann kommt es. Ich denke nicht daran, denn noch genieße ich es sehr, auf der Bühne zu stehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass immer eine neue Türe aufgeht, wenn sich eine schließt. Und mein Sohn hat mir gesagt: Mama, wenn du tanzt, bleibst du jung. Das gilt übrigens für alle Menschen, egal ob sie auf der Bühne oder im Wohnzimmer tanzen.

    Was ist der Lohn, für all ihre Mühe?

    SEMIONOVA: Wenn man eine Sache liebt, denkt man nicht an den Lohn.

    Zum Abschluss noch die Frage: Sie sind Russin. Können Sie die Politik ganz aus ihrer Kunst heraushalten?

    SEMIONOVA (ÜBERLEGT LÄNGER): Ja

    Zur Person

    Polina Semionova, geboren 1984 in Moskau, absolvierte ihre Ausbildung an der Ballettschule des Bolschoi-Theaters . 2002 wurde sie mit 17 Jahren Erste Solotänzerin am Staatsballett Berlin. 2012 wechselte sie als Erste Solotänzerin nach New York an das American Ballet Theatre. Seit 2014 tritt sie als Gast am Berliner Staatsballett und auf internationalen Bühnen auf. Einem breiten Publikum wurde sie bekannt, als sie im Video zu Herbert Grönemeyers Song „Demo (Letzter Tag) tanzte. Semionova lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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