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Interview: Roland Emmerich über Sorge vor Krieg: "Man muss richtig Angst haben"

Interview

Roland Emmerich über Sorge vor Krieg: "Man muss richtig Angst haben"

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    Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hat seinen neuen Film „Moonfall“ selbst finanziert.
    Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hat seinen neuen Film „Moonfall“ selbst finanziert. Foto: Jens Kalaene, dpa

    Herr Emmerich, mit Ihrem neuen Film „Moonfall“ bringen Sie wieder mal die Erde an den Rand des Untergangs. Gehen Sie als Spezialist für die Apokalypse gelassener mit den realen Bedrohungsszenarien um, wie wir Sie jetzt erleben?

    Roland Emmerich: Nein, gar nicht. Je älter man wird, desto mehr Sorgen macht man sich. Man hat schon das Gefühl, dass uns der Untergang bevorsteht. Die wahre Katastrophe wird der Klimawandel sein. Das habe ich schon 2004 gesehen, als ich „Day After Tomorrow“ gedreht habe, und in den letzten Jahren hat sich das immer weiter in die falsche Richtung entwickelt. Bis alle Menschen erkennen, dass der Klimawandel real ist, wird es zu spät sein. Dann helfen nur noch radikale Maßnahmen. Es wird wahrscheinlich überall einen politischen Rechtsruck geben, weil sich die Staaten abschotten. Aber schon jetzt gibt es die Gefahr eines neuen Krieges, wenn man sich anschaut, was mit der Ukraine passiert.

    Ihre Filme einschließlich „Moonfall“ verbreiten indes die hoffnungsvolle Botschaft, dass sich die Menschen doch noch zusammenraufen.

    Emmerich: Ich glaube immer noch, dass das passieren kann. Ich hoffe es zumindest. Andererseits kann man sich das gar nicht mehr so richtig vorstellen, weil die Menschen nicht aus ihren Fehlern zu lernen scheinen. Da gibt es so einen Typen wie Putin, der verfolgt einen nationalistischen Kurs und will Russland wiederherstellen. Das ist absolut verrückt. Wir haben jetzt eine Zeit, wo keiner mehr so richtig reisen kann, und der nützt das richtig aus. Man muss richtig Angst haben, weil es jeden Moment losgehen kann.

    Beim Ukraine-Konflikt können Sie ja nichts ausrichten, aber was tun Sie individuell gegen den Klimawandel?

    Emmerich: Zum Beispiel indem ich weniger fliege. Man kann sich digital über den Computer unterhalten, wie wir das gerade tun. Dadurch reduziert sich der Flugverkehr. Es wird hoffentlich künftig auch Flugzeuge geben, die mit anderer Technik unterwegs sind.

    Glauben Sie, dass die nächste Generation das Ruder herumreißen wird?

    Emmerich: Ich würde mir das wünschen. Man erhofft sich von der Jugend, dass sie gescheiter und umweltbewusster als wir ist. Allerdings erliegt die dann im Lauf der Zeit den Einflüssen der Erwachsenenwelt. Mit 25, 30 wird der Beruf wichtiger als alle guten Vorsätze. Und die großen Pläne von früher werden nicht umgesetzt, stattdessen passiert der gleiche Mist wieder. Dann heißt es, auf die nächste Generation zu warten. Und gleichzeitig gibt’s ja bei der Jugend große Probleme. Viele nehmen Drogen oder interessieren sich nur für ihre Smartphones.

    Sie haben einen Neffen. Bestätigt der diese Befürchtungen?

    Emmerich: Nein, der ist das absolute Gegenteil von vielen Jugendlichen. Der ist jetzt 16, lebt offen sein Schwulsein aus. Und er ist eine sehr sanfte und smarte Seele. Der wird nicht diesen Holzweg einschlagen.

    Wie war es beim jungen Roland Emmerich. Wollte der die Welt verändern?

    Emmerich: Nicht wirklich.

    Aber das war immerhin in der Zeit des Kalten Krieges. Da war der Planet auch nicht so ganz in Ordnung, Schwule wurden diskriminiert.

    Emmerich: Ich war schon politisch. Mein erster Film „Das Arche Noah Prinzip“ hatte eine sehr politische Geschichte. Allerdings wollte ich mich nicht outen, weil ich nicht als ‚der schwule Science-Fiction-Regisseur’ gelten wollte. Das hat längere Zeit gedauert, aber ich selbst hatte wegen meines Schwulseins nie irgendwelche Probleme.

    Sie sind ohnehin Ende der 1980er ins freiheitliche Kalifornien gewechselt. Wie erleben Sie Amerika heute? Hat es noch seine Vorbildfunktion wie damals?

    Emmerich: Das ist vorbei, was natürlich auch an Trump liegt. Und wenn die Demokraten ihre Mehrheit bei den Kongresswahlen einbüßen, dann werden die letzten Jahre von Biden eine Vorbereitung für den Umsturz sein. Danach könnte Trump Präsident auf Lebenszeit werden. Aber man muss sich Amerika nur im Vergleich zu anderen Ländern wie China anschauen, um zu sehen, dass es nicht mehr als Vorbild taugt. Warum ist die Infrastruktur so schlecht? Was machen die mit ihren Straßen? Warum sind so viele Obdachlose unterwegs? Es gibt viele neue Bauten, aber alles andere zerfällt. Das ist wie eine Müllhalde. Das sind alles Dinge, die du im Alltag siehst. Ich habe als Mitglied der Regiegewerkschaft eine extrem gute Krankenversicherung, aber wenn mir meine Cousine, die normal versichert ist, von den Freibeträgen erzählt, die sie zahlen muss, denke ich mir: Das kann doch nicht wahr sein. Wobei die Steuern nicht so viel weniger als in Deutschland sind. Aber die werden von diesem riesigen Moloch des Militärs aufgesaugt.

    So gesehen würde einiges dafür sprechen, dass Sie dem Land den Rücken zukehren.

    Emmerich: Das überlege ich auch. Ich habe ja Häuser in verschiedenen Ländern.

    Ihre jüngsten Filme werden teilweise mit chinesischem Geld finanziert. Macht Ihnen das Land nicht auch Angst?

    Emmerich: Natürlich. Aber mit meinen chinesischen Partnern habe ich bislang Glück gehabt. Die wollen zwar immer wieder nachverhandeln, aber dann musst du auf den Vertrag verweisen und den Mut haben, notfalls deiner Wege zu gehen.

    Ist denn die Filmbranche zumindest noch eine Insel der Seligen?

    Emmerich: Für die meisten Arbeitnehmer nicht. Die Gewerkschaften wollten ja letztes Jahr wegen besseren Arbeitsbedingungen streiken, aber sie haben sich für meinen Geschmack zu schnell auf einen Kompromiss eingelassen. Deshalb werden die Leute weiterhin für ihre vielen Arbeitsstunden nicht viel mehr bezahlt bekommen. Hoch dotierte Kreative wie ich sind davon nicht betroffen, und speziell die Schauspieler bekommen mehr und mehr, weil die Streamingdienste die großen Namen für ihre Projekte brauchen. Aber die paar Hundert Leute hinter den Kulissen, sehen alt aus. Deren Leben verändert sich nicht großartig.

    Inwieweit sorgen Sie für gute Arbeitsbedingungen bei Ihren Filmen?

    Emmerich: Ich versuche, so nett zu sein wie möglich. Hauptsächlich arbeite ich in Kanada, wo auch „Moonfall“ entstanden ist. Hier haben die Crews fest verbriefte Rechte. Da kannst du maximal 12, 13 Stunden am Stück drehen. Ich mag es zwar nicht, wenn Leute im Schneideraum herumtrödeln, aber ich halte mich auf jeden Fall an die Regeln. Bei mir muss sich definitiv niemand tot arbeiten.

    Doch für Sie ist es ja auch nicht mehr so gemütlich. Früher haben Sie Ihre Filme mit den üppigen Budgets der großen Studios gedreht, aber inzwischen finanzieren Sie Ihre Projekte unabhängig.

    Ex-Astronaut Brian Harper (Patrick Wilson) in einer Szene des neuen Emmerich-Films "Moonfall".  undatierte Filmszene.
    Ex-Astronaut Brian Harper (Patrick Wilson) in einer Szene des neuen Emmerich-Films "Moonfall". undatierte Filmszene. Foto: Reiner Bajo, Leonine Studios, dpa

    Emmerich: Ich finde es spannend, Independent-Filme zu machen, denn plötzlich bist du selbst das Studio. Allerdings waren die Drehbedingungen für „Moonfall“ schon hart. Wir mussten die Vorbereitungen wegen des Lockdowns abbrechen, und um den Film realisieren zu können, war ich gezwungenen, meine Drehzeit um fast zehn Tage zu kürzen. Für meinen bislang letzten Studiofilm „Independence Day: Wiederkehr“ hatte ich 84 Tage Drehzeit, für „Midway“ 65, und jetzt für „Moonfall“ 61. Es kann sich kein Mensch vorstellen, wie es ist, 170 Seiten Skript in zwei Monaten zu verfilmen.

    Die Erfahrungen mit Ihrem letzten Studiofilm „Independence Day: Wiederkehr“ waren ja nicht so positiv, zumal der Film hinter den finanziellen Erwartungen zurückblieb.

    Emmerich: Ich hätte den Film damals nicht machen dürfen. Nachdem Will Smith dafür abgesagt hat, hätte ich es ihm gleichtun sollen. Wir hatten ein Drehbuch mit seiner Figur, das völlig anders war. Wir haben versucht, die Geschichte ohne ihn zu erzählen, und dieses neue Skript ist gescheitert. Ich habe mir gesagt: „Ständig schimpfst du über die ganzen Fortsetzungen, dann kannst du nicht selbst welche drehen.“ Das war ein Fehler. Genauso wie es ein Fehler war, „Godzilla“ zu machen. Aber manchmal passiert einem das halt.

    Für die großen Streaming-Dienste wollen Sie nicht arbeiten?

    Emmerich: Ich will meine Filme besitzen, und das ist mit denen nur schwer möglich.

    Auf jeden Fall könnten Sie dann nicht mehr pleite gehen?

    Emmerich: Sagen wir es so: Ich bin okay.

    Doch obwohl Sie keine Fortsetzungen mögen, denken Sie angeblich an die nächsten Teile von „Moonfall“.

    Emmerich: Das ist insofern etwas anderes, weil ich meine eigene Saga zu drehen versuche. Die ganze Geschichte ist größer als nur ein Film. Das ist ein philosophisches Katastrophenszenario, das erklärt, warum der Mond dafür verantwortlich ist, dass auf der Erde Leben existiert. Wir wissen immer noch nicht, wo DNA herkommt und wie der Mond entstanden ist. Der Film versucht, diese Fragen zu beantworten.

    Warum werden Sie philosophisch, anstatt ein reines Katastrophenspektakel aufzufahren?

    Emmerich: Weil ich mir immer die Frage gestellt habe, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ich wollte irgendwann einen Film drehen, der sich damit beschäftigt. Deshalb ist er so aufgebaut, dass wir mit normalen Problemen beginnen, bevor es dann relativ philosophisch wird. So eine Struktur für einen Film habe ich mir schon lange gewünscht.

    Sie glauben vermutlich nicht an die Antworten, die der Film gibt.

    Emmerich: Nein, das ist einfach eine fantasievolle Auflösung.

    Wie ist es mit der Vorstellung von einer höheren Intelligenz, die in „Moonfall“ eine wichtige Rolle spielt?

    Emmerich: Ich habe keine religiösen Ideen, aber woran ich glaube, das ist eine Art von Reinkarnation.

    Habe Sie schon mal auf dieser Erde gelebt?

    Emmerich: Ich persönlich nicht, aber es gibt Tausende von Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren, die sich an ihr voriges Leben erinnern. Dieses kann Jahrzehnte zurückliegen oder unmittelbar vorher stattgefunden haben. Das ist das Konzept der „Soul Survivors“, und daran glaube ich ganz fest.

    Gibt es denn ein Mysterium auf diesem Planeten, das Sie am liebsten erforschen möchten, wenn Sie’s könnten?

    Emmerich: Nein, ich bin völlig zufrieden damit, wenn ich ein paar weitere Filme drehen kann. Eines davon ist ein Projekt, das sich um die Flüchtlingsbewegungen des Klimawandels dreht, ein anderes ist ein Drehbuch über die Jahre des Stummfilms – mein persönlicher Liebesbrief ans Kino.

    Und wie wäre es mit Erkundungsfahrten ins All, wie Sie sie in verschiedenen Filmen unternommen haben?

    Emmerich: Früher habe ich diese Frage kategorisch mit „Nein“ beantwortet. Denn ich würde mir dabei vor Angst in die Hosen machen. Aber gleichzeitig fände ich es total aufregend. Und deshalb lautet meine Antwort jetzt: „Wenn das Ganze in ein paar Jahren sicherer ist, würde ich das vielleicht versuchen.

    Zur Person Roland Emmerich, 1955 in Stuttgart geboren, hat als Filmproduzent, Regisseur und Drehbuchautor in Hollywood mit seinen Katastrophenfilmen Karriere gemacht. Bekannte Filme von ihm sind „Independence Day“, „The Day After Tomorrow“ und „2012“.

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