Frau Wurmb-Seibel, Sie haben sich viel mit Fragen rund um Gemeinschaft, nach Zusammenhalt beschäftigt – und dem Gegenpol: der Einsamkeit. Wann ist jemand einsam?
RONJA VON WURMB-SEIBEL: Es gibt dafür eigentlich eine sehr klare Definition: Jemand ist dann einsam, wenn er oder sie weniger soziale Verbundenheit verspürt, als er oder sie es sich wünscht. Also total simpel – aber gleichzeitig total schwierig, denn Einsamkeit ist nicht objektiv messbar, von außen nicht zu erkennen. Nehmen wir das Klischee von den einsamen Alleinlebenden: Viele Menschen wohnen alleine, ohne einsam zu sein – weil sie sich bewusst häufig verabreden. Umgekehrt gibt es Menschen, die mit anderen zusammenleben und sich einsam fühlen.
Was hat Einsamkeit mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zu tun?
WURMB-SEIBEL: Wir wissen aus Studien, dass Menschen, die sich einsam fühlen, statistisch anfälliger für radikale Ideologien sind. Wenn wir uns sehr einsam fühlen, fühlen wir uns verwundbar, unser ganzer Körper schaltet in eine Art Verteidigungsmodus. So kann grundsätzliches Misstrauen gegen andere Menschen entstehen, das sich auf politische Institutionen oder Personen ausbreiten kann. Viele radikale Gruppierungen nutzen diesen Umstand aus und machen entsprechende Angebote, versprechen einsamen Menschen Gemeinschaft. Das kann eine Spirale in Gang setzen, in die Menschen reingeraten und sich immer weiter radikalisieren.
Auch, weil ihnen das Korrektiv durch andere fehlt?
WURMB-SEIBEL: Genau. Wenn sich jemand ideologisch radikalisiert, leiden die bestehenden Kontakte darunter, manchmal brechen Menschen aus dem Umfeld sogar den Kontakt ganz ab.
Es würde der Demokratie also helfen, den Kontakt zu halten, so tief die politischen Gräben auch sein mögen?
WURMB-SEIBEL: Das stimmt. Ich tue mir trotzdem schwer, das so pauschal zu empfehlen, das kann für den Einzelnen ja auch sehr anstrengend sein. Aber wenn einem etwas an der Person liegt und man dabei auch noch der Demokratie helfen möchte, sollte man versuchen, in Verbindung zu bleiben, ja. Das Wissen um diesen Zusammenhang ist ja auch ermutigend: Dass mehr Verbundenheit nicht nur dem einzelnen guttut, sondern auch der Gesellschaft.
Verbundenheit, die guttut: Sie schreiben davon, dass der Kampf gegen Einsamkeit die beste Gesundheitsprävention ist.
WURMB-SEIBEL: Ja, dieser Aspekt war für mich mit ein Auslöser, dieses Buch zu schreiben. Wir wissen aus der Forschung, dass das Allerbeste, und zwar mit Abstand, das wir tun können, um mental und körperlich gesund zu bleiben, gute soziale Beziehungen sind. Einsamkeit hat eine schädlichere Wirkung auf unsere Gesundheit als Rauchen, als Übergewicht, als alle bekannten Risikofaktoren. Wenn wir dagegen Menschen um uns haben, auf die wir uns verlassen können – und das müssen nicht 100 oder 20 sein, da reichen zwei, drei – ist das der wichtigste Faktor für Gesundheit und Langlebigkeit überhaupt. Nichts toppt die Verbundenheit.
Jetzt lässt sich Verbundenheit nicht so einfach auf Rezept bekommen wie eine Reha oder Nahrungsergänzungsmittel. Was kann man dafür tun?
WURMB-SEIBEL: Das erste ist so banal wie wirkungsvoll: rausgehen, vor die Tür treten. Wer zuhause sitzt, trifft niemanden und lernt keine neuen Leute kennen. Es müssen nicht immer sofort die tiefsten Freundschaften sein. Schon wenn man jemanden anlächelt oder mit jemandem ein paar Sätze wechselt, hat das eine körperliche Wirkung, dann schüttet unser Körper Hormone aus, die unser Immunsystem stärken und uns glücklicher machen. Und der zweite Tipp ist: Mehr von dem zu machen, was man richtig gerne tut, und andere dabei mitzunehmen. Gemeinsam etwas zu tun, das uns erfüllt – sei es Wandern oder Gärtnern oder Kochen – ist ein starkes Mittel für Verbundenheit.
Sind die Kontakte einmal geknüpft, muss man Beziehungen auch pflegen – wie gelingt das?
WURMB-SEIBEL: Alle Arten von Beziehung brauchen Zeit, das muss man sich immer wieder klarmachen – und sich diese Zeit dafür frei schaffen. Man muss einfach dranbleiben. Ich habe eine Freundin, die 102 Jahre alt ist und noch immer wirklich viele Beziehungen pflegt. Ihr Rat lautet: Mach dich bemerkbar. Warte nicht darauf, bis sich andere bei dir melden, ruf einfach an, verabrede dich, schick eine Postkarte.
Manche scheuen sich womöglich davor, haben Angst, aufdringlich zu wirken.
WURMB-SEIBEL: Klar, es ist ja auch ein Risiko. Wenn wir ganz offen sagen: „Hey, ich will dich treffen“, sind wir sehr verletzlich. Die andere Person könnte ja sagen: Ich will nicht. Oder sie meldet sich überhaupt nicht zurück. Aber man kann sich das angewöhnen, Beziehungspflege ist ein Muskel, der sich trainieren lässt. Einsamkeit ist andererseits ein Gefühl, das wir alle kennen – und es ist auch ein gutes Gefühl.
Wie das?
WURMB-SEIBEL: Es zeigt uns an, dass wir einen Mangel haben, dass uns etwas fehlt. Es ist ein Signal-Gefühl, das uns zeigt, dass wir handeln müssen – ähnlich wie Hunger.
Viele Menschen fühlen sich angesichts der vielen aktuellen Krisen, der zunehmenden Komplexität überfordert. In Ihren Büchern dreht sich vieles um die Frage, was man Ohnmachtsgefühlen entgegensetzen kann.
WURMB-SEIBEL: Stimmt. In „Wie wir die Welt sehen“ habe ich mich damit beschäftigt, was die Dauerflut an schlechten Nachrichten mit uns macht. Auslöser war meine eigene Erfahrung als Reporterin in Afghanistan. Als ich hinkam, habe ich es als meine Aufgabe gesehen, Missstände aufzuzeigen, Leser in Deutschland aufzurütteln. Aber ich wollte einfach nicht eine deprimierende Geschichte nach der anderen schreiben. Und so habe ich die Formel „scheiße plus x“ gefunden.
Wofür steht das x?
WURMB-SEIBEL: Das steht für einen ersten Schritt, den wir tun können, um eine Situation zu verbessern oder um die negativen Folgen abzumildern. Und der kann winzig klein sein. Es geht nicht darum, Dinge rosa zu malen, aber wenn man nach dem x sucht, kann man es überall finden. Es lohnt sich, bei Problemen auch auf mögliche Lösungen zu schauen, zu fragen, ob es jemanden gibt, der das schon probiert hat, ob es Länder gibt, die eine Antwort gefunden haben oder es in der Vergangenheit vergleichbare Herausforderungen gab.
In vielen Demokratien gewinnen radikale Kräfte an Einfluss, auch in Deutschland. Kurz vor der Bundestagswahl erfüllt die wachsende Polarisierung viele Menschen mit Sorge. Wie lässt sich da ein x finden?
WURMB-SEIBEL: Eine Demokratie besteht vielen Mini-Demokratien. Familien, Schulen, Vereinen, Nachbarschaften. Und je stabiler die sind, desto stärker ist das politische System insgesamt. Wir können also alle mitmachen und uns einbringen. Das wirklich tolle daran: Wir stärken nicht nur unsere Demokratie, sondern auch uns selbst.
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