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Jürgen Habermas prägte Philosophie und Gesellschaft in Deutschland

Nachruf

Jürgen Habermas war der Philosoph der alten und der neuen Bundesrepublik

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    Jürgen Habermas, Sozialphilosoph und Soziologe der "Frankfurter Schule", aufgenommen in seinem Haus.
    Jürgen Habermas, Sozialphilosoph und Soziologe der "Frankfurter Schule", aufgenommen in seinem Haus. Foto: Roland Witschel, dpa

    Der bekannte Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas zählt zu den wichtigsten und meistzitierten deutschen Denkern der Gegenwart. Nun ist er im Alter von 96 Jahren gestorben. Wer war der Mann, der es eigentlich niemandem recht machen wollte?

    Habermas galt als Unterstützer der Studentenrevolte

    6. Juni 1967, Studentenkongress in Hannover. Der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas ist einer der wenigen Professoren, die sich bei dieser Protestveranstaltung nach der Beerdigung des in Berlin durch eine Polizeikugel getöteten Benno Ohnesorg zu Wort melden. Habermas ging es in diesen stürmischen Jahren der Studentenrevolte um Solidarisierung. Aber vor allem erkannte er die Notwendigkeit, angesichts der Großen Koalition zwischen Sozialdemokraten und CDU die Rolle der außerparlamentarischen Opposition zu stärken. Allerdings kritisierte er bereits erkennbare Formen extremistischer Gewalt bei der APO.

    Habermas hat damals für den Protest, der bemerkenswerterweise mit Bücherverbrennungen im Frankfurter Institut für Sozialforschung begann, den Ausdruck „Links-Faschismus“ geprägt, einen Begriff, von dem er sich später zwar distanzierte, die Intention dieser Kritik aber nicht widerrief. Die Studentengeneration der 60er und 70er Jahre hat ihm dies bis heute nicht vergessen. Aber es steht außer Frage, dass der politisch profilierte Intellektuelle Habermas der meistzitierte deutsche Denker der Gegenwart war, dessen Einspruch und Widerrede den gesellschaftlichen Diskurs in der alten wie der neuen Republik wesentlich geprägt haben.

    Habermas rieb sich immer wieder an restaurativen Tendenzen, die er nicht nur in der Frühzeit der Bundesrepublik, also im Adenauer-Staat, zu erkennen glaubte. Dazu gehörte Mitte der 1980er Jahre auch der heftige Streit führender Historiker über die Frage, ob das Geschehen von Auschwitz relativiert werden müsse, damit die Deutschen ihre nationale Identität finden könnten. Solche Fragen stießen auf seinen entschiedenen Widerspruch. Sein Credo: „Die Geschichtswissenschaft kann keinen Sinn stiften, sondern höchstens die Aneignung von Sinnzusammenhängen vorbereiten.“

    Demokratie und Westbindung bleiben zentrale Leitlinien für Habermas

    Aus Düsseldorf gebürtig, Jahrgang 1929, begann Habermas seinen Weg als Soziologe und Philosoph – mit Abweichungen und Irritationen – an der Seite von Adorno und Horkheimer, den Urvätern jener berühmten Frankfurter Schule, deren Erbe und Kopf Habermas bis heute darstellt. Der junge Linksintellektuelle suchte die Auseinandersetzung über den Weg, den die zweite deutsche Republik zu gehen hatte, über die Strukturen ihrer Öffentlichkeit, den herrschenden Kapitalismus und die allgemein grassierende Geschichtsvergessenheit.

    Seine Habilitationsschrift bei Wolfgang Abendroth in Marburg zum Thema „Strukturwandel der Öffentlichkeit Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ war schon fast ein Lebensprogramm: Der Philosoph, der die Ursprünge des politisch-kulturellen Debattenwesens erforschte, wurde gleichzeitig zum streitbaren Protagonisten, der mit Einwänden zu zentralen Fragen der Republik ein hohes Maß an Aufmerksamkeit fand. Seine kritische Energie, auch gegenüber der Generation von 68, setzte Maßstäbe für eine Kritik von innen, die sich für diesen Staat und seine Verfassung starkmachte.

    Der Philosoph Jürgen Habermas war bis ins hohe Alter aktiv und streitbar.
    Der Philosoph Jürgen Habermas war bis ins hohe Alter aktiv und streitbar. Foto: Arne Immanuel Bänsch, dpa (Archivbild)

    Für Habermas wie für die meisten Gesellschaftswissenschaftler seiner Generation wurden Demokratie und Westbindung zum konstitutiven Ausgangspunkt ihres Politikverständnisses. Sein Ideal von Kants „ewigem Frieden“ war fest mit dem Begriff der Republik verbunden. Nur dieser Staatsform traute Habermas zu, die kulturellen und religiösen Differenzen unserer Zeit zu entschärfen. So konnte man von ihm lernen, inwieweit Verständigung, inwieweit Kommunikation der zentrale Leitfaden ist, um einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus die Gesellschaft zu beurteilen ist.

    Habermas verbindet Lehre mit politischem Handeln

    Er wuchs durch die Jahre in die Rolle einer moralischen und intellektuellen Instanz hinein, ohne sich je nach diesem Einfluss gedrängt zu haben. Seine Bücher sind mittlerweile in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Vielen imponierte, mit welcher Hartnäckigkeit er sich um die Vermittlung von Theorie und Praxis bemühte, um die Verknüpfung von akademischer Lehre und politischem Handeln. In dem 1999 erschienenen Buch „Wahrheit und Rechtfertigung“ umkreist Habermas das Leitmotiv seines Denkens. Es ging ihm um das, was er „Welterschließung“ nannte, um die Frage, ob es einen Wirklichkeitsbezug gibt, der allen Menschen gemeinsam ist. Habermas gelangte zu dem Ergebnis, dass die universelle Geltung der Menschenrechte zur Einschränkung nationalstaatlicher Souveränität führt, und das Völkerrecht zu einem Weltbürgerrecht transformiert werden muss.

    Häufig waren seine Schriften auch da, wo sie philosophische Grundprobleme behandelten, Antworten auf aktuelle politische Fragen. Als zum Beispiel 1981 seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ erschien, konnte man eine Theorie der Bürgerbewegungen erkennen, die damals gerade entstand. Oder seine Sammlung rechtstheoretischer Aufsätze von 1992 – „Faktizität und Geltung“ –, da plädierte er für ein neues Staatsbürgerschaftsrecht. Ein Dachkammer-Philosoph ist Habermas nie gewesen. Und immer wieder ergriff er in wichtigen öffentlichen Debatten das Wort. So etwa zur Finanz- und Wirtschaftskrise: „Was mich am meisten beunruhigt, ist die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass die sozialisierten Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen am härtesten treffen.“ Sein Fazit: Der Privatisierungswahn ist an sein Ende gekommen. Nicht der Markt, sondern die Politik ist für das Gemeinwesen zuständig.

    Philosoph Habermas bleibt kritischer Begleiter der politischen Kultur

    Habermas selbst sah den besonderen Auftrag seiner Disziplin darin, dass sie mehr als nur Spezialwissenschaft oder Denksport betreibt; dass sie nach wie vor versucht, zur „rationalen Klärung unseres Selbst- und Weltverständnisses beizutragen“. So schrieb er etwa in seinem letzten Werk, das kurz nach seinem 90. Geburtstag erschien: „ …sie unterscheidet nämlich zwischen Wissenschaft und Aufklärung, wenn sie erklären will, was unsere wachsenden wissenschaftlichen Kenntnisse von der Welt für uns bedeuten – für uns als Menschen, als moderne Zeitgenossen und als individuelle Personen.“

    Habermas selbst sollte man eher nicht als einen allzu idealistischen, realitätsblinden Träumer der Vernunft verstehen. Dennoch kann man ihn als einen moralischen Denker bezeichnen: „Muss nicht die Wirklichkeit einen Spielraum zum Einspruch erhalten, wenn wir im Umgang mit ihr lernen können? Wenn sich die Schlange der Philosophie zum ewigen Gebrauch der Seele mit sich narzisstisch zusammenrollt, verhallt das lehrreiche Dementi der Welt ungehört …“ Also doch ein politischer Philosoph, der dem linken Spektrum der Sozialdemokratie zuzuordnen ist, wobei sich seine Begeisterung über deren Politik doch sehr in Grenzen hielt.

    Er befürchtete auch in der heutigen Situation Stillstand, vermisste Gestaltungswillen. Und er hat sich seinerzeit gewünscht, dass die politische Kultur der alten Bundesrepublik beim Übergang vom Bonner zum Berliner Staat nicht verlorenginge. Auch vor diesem Hintergrund sorgte er sich um den Bestand der politischen Kultur in Deutschland, um die Demokratie und ihren Bestand.

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