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Kino
02.02.2022

Kritik zu "Wunderschön": Wie umgehen mit dem Schönheitswahn?

Emilia Schüle als Julie in dem Film "Wunderschön"
Foto: Warner Bros.

Karoline Herfurth bringt in "Wunderschön" den weiblichen Umgang mit dem eigenen Körper auf die Leinwand: im Alter, nach der Schwangerschaft, aber auch in der Mode.

Der Blick in den Spiegel zeigt ihnen nicht, wie sie sind, sondern wie sie sich selbst sehen und nicht sein wollen. Frauke (Martina Gedeck) wird im nächsten Jahr 60 und wischt den eben aufgetragenen Lippenstift schnell wieder weg. Ihr Mann Wolfi (Joachim Król) will sowieso nichts mehr von ihr und erschrickt sich zu Tode, als sie morgens in stimulierender Mission unter die Bettdecke kriecht. Ganz so schlimm ist es bei Sonja (Karoline Herfurth) und Milan (Friedrich Mücke) noch nicht. Aber nach der Geburt ihres zweiten Kindes passt Sonja in keine Hose mehr rein, ist vom Muttersein ebenso gestresst wie angeödet und wünscht sich nichts mehr als eine gute Figur und eine Vollzeitstelle.

Während Milan stolz auf seine Beförderung ist, verzweifelt Sonja zwischen Milch abpumpen und Rückbildungsgymnastik. "Ich habe voll die Wampe, hast du mal was?“ fragt Julie (Emilia Schüle) und haut sich vor dem Shooting noch das wärmstens empfohlene Abführmittel der Kollegin rein. Die Mittzwanzigerin arbeitet seit Jahren als Model, träumt immer noch von der großen Laufsteg-Karriere, während die Agentin (Melika Foroutan) ihre Zukunft mittlerweile eher auf dem B-Markt bei den Katalogfotos sieht – eine Horrorvorstellung für Julie. Und so versucht sie noch mehr abzunehmen, um die potenzielle Kundschaft zu überzeugen.

"Wunderschön" ist die dritte Regie-Arbeit von Karoline Herfurth

Wenn Leyla (Dilara Aylin Ziem) die Instagram-Fotos der anderen mit ihrem Spiegelbild vergleicht, könnte die Diskrepanz größer nicht sein. Sie fühlt sich dick und einsam, sagt in der Schule kaum ein Wort, wird von ihrer Mutter mit Diät-Nahrung gequält und träumt eigentlich davon, Baseball zu spielen. Die Kunstlehrerin Vicky (Nora Tschirner) scheint zufrieden mit ihrem Blick in den Spiegel. In einer Projektwoche untersucht sie mit den Schülern die Macht der Körperbilder. Als bekennende Feministin glaubt sie nicht an Zweier-beziehungen, vergnügt sich ausschließlich mit One-Night-Stands, bis sie auf Franz (Maximilian Brückner) trifft, der sich eher als Mehrweg-Liebhaber versteht.

In ihrer dritten Regiearbeit "Wunderschön“ begleitet Karoline Herfurth fünf Frauen aus verschiedenen Generationen, die mit sich und den Schönheitsidealen gründlich hadern. Im stringent tragikomischen Format beginnen die Figuren, die defizitäre Selbstwahrnehmung, gesellschaftliche Normen und Gender-Strukturen zu hinterfragen. Daraus ist kein feministisches Pamphlet, sondern eine unterhaltsame Komödie entstanden, die ihr Thema auf vertraute, nachvollziehbare, menschliche Konflikte herunterbricht.

Die Kritik: Das Ensemble ist solide, die Dialoge sind geschliffen

Im Zentrum steht dabei Herfurths Figur Sonja, die mit der Geburt der Kinder Karriere und Beruf aufgegeben hat und in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter todunglücklich ist. Äußerst plastisch werden die familiären Konflikte gezeigt, die aus dieser altbackenen Rollenverteilung entstehen. Als Sonja schließlich einen Vollzeitjob annimmt und ihren Mann die Kinder zur Kita bringen lässt, beginnt ein eheliches Tauziehen. An dessen Ende steht auf beiden Seiten die Erkenntnis, dass nicht nur persönliche Beziehungsstrukturen, sondern vor allem die Ansprüche der Arbeitswelt verändert werden müssen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

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Die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Erwartung und individueller Selbstwahrnehmung bestimmt auch das Leben der anderen Frauenfiguren, die im Verlauf der Handlung miteinander verbunden werden. Welche zerstörerischen Auswirkungen weibliche Schönheitsideale haben, wird am Beispiel der Modebranche eindrücklich vorgeführt, wo die propagierten Körperbilder unter der Hochglanzoberfläche ihre destruktive Kraft entwickeln.

Wie schon in ihren vorherigen Filmen "SMS für dich“ (2016) und "Sweethearts“ (2019) beweist sich Herfurth erneut als versierte Regisseurin, die weibliche Perspektiven gezielt im konventionellen Mainstream-Format verhandelt. Das ist sicherlich nicht immer subtil. Auch die zahlreichen Musikstrecken wirken deutlich überdosiert, werden aber wettgemacht durch treffsichere Situationskomik, einige geschliffene Dialogpassagen und ein solides Ensemble, aus dem wieder einmal Nora Tschirner als coolste Socke und schlagfertige Feministin herausragt. Ihrer Figur, die wie ein griechischer Chor als reflektierende Instanz fungiert, wird am Schluss auch das Resümee in den Mund gelegt: "Wenn es einfach egaler wäre, wie wir aussehen – was würden wir alles mit der frei gewordenen Energie und Lebenszeit anfangen? Wahrscheinlich würden wir nicht unsere Träume verändern – sondern die Welt!“

Wunderschön“, D 2021, 130 Minuten, Regie: Karoline Herfurth, Darsteller: Karoline Herfurth, Nora Tschirner, Martina Gedeck; FSK ab 6 Jahre

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